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Wenn die Stromkosten nicht mehr zu bezahlen sind: Schwieriger Kampf gegen Energiearmut in Dortmund

Strom- und Gassperrungen sind in Dortmund keine Seltenheit. Fotos: Alex Völkel

Strom- und Gassperrungen sind in Dortmund keine Seltenheit – doch sie sind zu verhindern. Fotos: Alex Völkel

Von Alexander Völkel

Bei immer mehr Menschen ist am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig. Besonders schwierig wird es, wenn die knappen Mittel nicht mehr für die Strom- und Gasrechnung reichen. Dann geht nicht nur sprichwörtlich das Licht aus. Damit das nicht passiert, kooperieren die Verbraucherzentrale #Dortmund und das Arbeitslosenzentrum in der #Nordstadt bei der sogenannten „Energiearmutsberatung“.

Beraterin Claudia Kurz: „Energiearmut ist eine sehr vielschichtige Problemlage“

Es geht darum, Menschen, die von Stromsperre bedroht sind oder schon eine haben, möglichst langfristig zu helfen. Denn das Thema ist komplex, die Folgen gravierend. Daher muss sich Claudia Kurz, Fachberaterin für Energiearmut der Verbraucherzentrale, um viele Facetten kümmern. Es geht um rechtliche Fragen, um Aspekte der Vertragsgestaltung, des Verbrauchs und der Budgetplanung.

Natürlich kommt dazu auch die Prüfung, ob die Forderungen richtig und berechtigt sind. Ein Teil der Arbeit ist die die Budgetberatung – wie viel Geld und welches Einkommen hat die Person? Bekommt sie genügend Sozialleistungen?

„Es geht einerseits darum, die Einnahmen zu erhöhen und andererseits darum, die Ausgaben unter die Lupe nehmen“, erklärt Kurz. Dabei kann sie auf ein Netzwerk zurückgreifen. So kann die Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale helfen, der Stromsparcheck der Caritas oder die Sozialberatung des Arbeitslosenzentrums. „Es ist eine sehr vielschichtige Problemlage. Ein Netzwerk ist wichtig, um Menschen zu verweisen und weitergehende Hilfen zu vermitteln.“

Erfolgreiches Engagement gegen angekündigte Sperrungen von Strom und Gas in Dortmund

Claudia Kurz (Verbraucherzentrale) und Gisela Tripp (Arbeitslosenzentrum) engagieren sich gegen Energiearmut.

Claudia Kurz (Verbraucherzentrale) und Gisela Tripp (Arbeitslosenzentrum) können helfen.

Dabei gilt es zu klären, ob auch andere Schulden vorliegen – denn Energiearmut ist zumeist kein isoliertes Problem. Doch die wichtigste Aufgabe fällt ihr zu: Sie versucht, mit dem Energieversorger eine Vereinbarung zu treffen, zum Beispiel Ratenzahlung, ein Darlehen des Jobcenters zu bekommen oder vom Amt für Wohnraumsicherung. Das führt häufig zum Erfolg – vor allem dann, wenn die Menschen sich frühzeitig melden. Seit Januar 2013 macht sie diese Arbeit – mit einer halben Stelle.

„Bei 81 Prozent der Hilfesuchenden konnte eine angekündigte Sperre abgewendet werden (bei 114 von 140 Fällen). Bei 73 Prozent gelang es, eine schon eingetretene Sperre wieder aufzuheben (in 86 von 118 Fällen). Sie rät, in keinem Fall einfach abzuwarten und den Kopf in den Sand zu stecken: „Eine Stromsperre fällt nicht vom Himmel.“

Nach der Rechnung kommt die Mahnung mit einer Vier-Wochen-Frist. Anschließend bekommt die Netzbetreibergesellschaft DONETZ den Auftrag vom Energieversorger, den Anschluss zu sperren. Dieser setzt nochmal eine Drei-Tage-Frist zu einem konkreten Stichtag.

„Wenn die Menschen mit einem Brief von DONETZ kommen, dann ist es fast unmöglich, die Sperre zu verhindern. Dann ist es extrem schwierig, das zurückzuholen“, erklärt Kurz. Doch auch dann kann sie noch helfen: „Das Gute ist, dass ich einen direkten Draht zum Forderungsmanagement habe. Kunden selbst haben nur wenig Möglichkeiten, wenn sie im Kundencenter vorstellig werden“, weiß Claudia Kurz aus der Praxis.

Immer mehr Altersarmut: SeniorInnen sind häufig von Sperrungen betroffen

Nicht immer sind die Sperrungen selbstverschuldet. Sie können vielfältige Gründe haben. So kann es passieren, dass das Amt verspätet, gar nicht oder die falschen Beträge überweist. Zudem kann es passiert sein, dass die Kommunikation zwischen Amt und Vermieter nicht geklappt hat. „Das kann bis hin zur Wohnungskündigung führen – oft ist es nicht Verschulden des Mieters“, weiß Kurz.

Wer kommt zu ihr? 39 Prozent sind Hartz-IV-Bezieher*innen. Aber die zweitgrößte Gruppe sind Erwerbstätige – viele von ihnen Aufstocker. Aber auch immer mehr Rentner*innen und Asylbewerber*innen kommen zu ihr. Unter den Rentner*innen liegt der Zahl der Aufstocker schon bei 40 Prozent – Tendenz weiter steigend.

Die Altersarmut in Dortmund nimmt zu. „Wir haben viele arme Rentnerhaushalte, denen man erst mal sagen muss, dass sie Grundsicherung beantragen können. Sie tun sich schwer und fühlen sich als Bittsteller“, weiß Gisela Tripp, Leiterin des Arbeitslosenzentrums.

Kritik: Berechnung der Regelleistungen von Hartz IV sind zu gering

Viele Probleme sind vom Gesetzgeber gemacht: Denn die Berechnung der Regelleistung zur Hartz IV sind zu gering. Es ist fast unmöglich, vom Budget für Strom und Wohnungsinstandhaltung (35,01 Euro im Monat für einen Alleinstehenden) die Kosten zu decken. Denn die Energiekosten sind seit Jahren massiv gestiegen, unter anderem durch die Energiewende. „Die Berechnung der Regelleistungen hinkt den tatsächlichen Preisen hinterher und auch der Vergleich hinkt – es werden die falschen Vergleichsgruppen gewählt“, kritisiert die Sozialrechtsexpertin.

Gisela Tripp hofft, dass das Angebot der Dortmunder Verbraucherzentrale auch zukünftig durch das Land und die DEW21 finanziert wird. Aktuell ist die Finanzierung noch bis Ende 2018 gesichert.

Mehr Informationen:

  • KONTAKT: Wer Fragen oder Probleme hat, kann in der offenen Sprechstunde (dienstags von 9.30 bis 11.30 Uhr) in der Verbraucherzentrale in der Reinoldistraße vorbeikommen oder einen Termin vereinbaren (Telefon: 0231/72091708 – Mail: dortmund.energiearmut@verbraucherzentrale.nrw).
  • VORTRAG: „Wenn die Stromkosten nicht zu bezahlen sind“ ist Thema eines kostenlosen Vortrags, den Claudia Kurz am 15. November 2017 von 10 bis 12 Uhr im Arbeitslosenzentrum (ALZ), Leopoldstraße 16-20, in der Nordstadt hält. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
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Ein Gedanke zu “Wenn die Stromkosten nicht mehr zu bezahlen sind: Schwieriger Kampf gegen Energiearmut in Dortmund

  1. ALZ

    Psychische Belastungen durch Arbeitslosigkeit – Veranstaltung am 07.09.2017

    Der Verein des Dortmunder Arbeitslosenzentrums e.V. lädt für Donnerstag den 07.09.2017 von 17.00 bis 19.00 Uhr zur Veranstaltung „Psychische Belastungen durch Arbeitslosigkeit“ in das Arbeitslosenzentrum Leopoldstr. 16 -20 ein.

    „Psychisch belastet durch Arbeitslosigkeit? Das kann doch gar nicht!“ so platt und unwissend äußern sich gerade Menschen, die Arbeitslosigkeit nur aus den Nachrichten kennen! Alle Betroffenen, ihre Familien und ihre Freunde wissen, welchen Belastungen Menschen in Arbeitslosigkeit ausgesetzt sind und welchen Teufelskreis die Betroffenen durchleben. In einer zwangslosen Runde möchte der Verein Arbeitslosenzentrum e.V. aufklären und Unterstützungsangebote aufzeigen, mit denen das Leben wieder lebenswert sein kann. Jobcenter und Psychiatrie-Erfahrene Menschen des Vereins KLuW (Konstantes Lernen und Wachsen e.V.) geben Auskunft über ihre Erfahrungen und Möglichkeiten zur Hilfestellung.

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