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Vom Friedhof Père-Lachaise in Paris zur Bittermark in Dortmund: Ein Stück Erde als Versprechen für die Zukunft 

Erde wurde auf dem ehrwürdigen Pariser Friedhof Père-Lachaise am dortigen französischen Mahnmal entnommen. Die Urne soll in der Krypta der Gedenkstätte in der Bittermark gebracht werden. Foto: Anja Kador

Erde wurde auf dem ehrwürdigen Pariser Friedhof Père-Lachaise entnommen. Foto: Anja Kador/ Stadt DO

Seit 60 Jahren wird am Mahnmal in der Bittermark der Opfer des Nazi-Terrors gedacht, vor allem der Zwangsarbeiter und politischen Gefangenen, die hier, im Rombergpark und in Hörde wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden. In diesem Jahr, 60 Jahre nach Einweihung des Mahnmals, wird die Zeremonie eine besondere sein. Denn im Rahmen der Feierlichkeiten wird eine Urne mit Erde, die auf dem ehrwürdigen Pariser Friedhof Père-Lachaise am dortigen französischen Mahnmal entnommen wurde, in die Krypta der Gedenkstätte in der Bittermark gebracht, wo sie für immer einen Platz finden wird.

BotschafterInnen der Erinnerung moderieren Gedenkfeier am Karfreitag

Traditionell beginnt die Feier auch in diesem Jahr am Karfreitag (30. März) um 15 Uhr. Zu den Besuchern der Gedenkstunde werden diesmal Bürgermeisterin Birgit Jörder und Ernst Söder vom Förderverein Gedenkstätte Steinwache – Internationales Rombergparkomitee e. V. sprechen.

Erwartet werden auch ein Repräsentant des französischen Verbandes der Zwangs- und Arbeitsdeportierten und ein Vertreter von amnesty international Dortmund, der auf das 70. Bestehen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte Bezug nehmen wird. Die BotschafterInnen der Erinnerung, Jugendliche aus Dortmunder Schulen, moderieren die Gedenkfeier.

Musikalisch begleitet wird die Gedenkstunde am Karfreitag von Posaunenchören aus Dortmund unter der Leitung von Helge Schneider und dem Kinderchor der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund, geleitet von Bianca Kloda.

Dortmunder Delegation reiste zum legendären Friedhof Père-Lachaise in Paris

In diesen Tagen erst machte sich eine Delegation aus Dortmund unter der Leitung von Bürgermeisterin Birgit Jörder auf den Weg nach Paris. Das Ziel: Der legendäre Friedhof Père-Lachaise im 20. Arrondissement der Stadt. Bekannt ist der Friedhof durch seine zahlreichen Grabstätten herausragender Persönlichkeiten, aber hier befindet sich auch das Mahnmal für die STO-Zwangsarbeiter. Hier wurde dann in einer feierlichen Zeremonie Erde an dem französischen Mahnmal entnommen und in eine Urne gefüllt, die nun zum Mahnmal in der Bittermarkt überführt wird. Hier, in der Krypta, wird sie ihren Platz für die Ewigkeit finden. Ein symbolischer Akt, um die Erinnerungsarbeit an die Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft fortzuführen und ein Zeichen für die deutsch-französische Freundschaft zu setzen.

Bittermark-Beauftragter Wolfgang Asshoff begleitete Delegation

Wolfgang Asshoff in der Krypta in der Bittermark. Archivbild: Alex Völkel

Wolfgang Asshoff in der Krypta in der Bittermark. Archivbild: Alex Völkel

Auch Wolfgang Asshoff nahm an der außergewöhnlichen Fahrt teil. Der ehemalige Lehrer am Max-Planck-Gymnasium ist seit 1993 offizieller Beauftragter des Rates der Stadt Dortmund für die Bittermark.

Seit nunmehr fast 60 Jahren beschäftigt sich Asshoff mit der Geschichte des Mahnmals. In dieser Zeit hat er viele persönliche Kontakte zu ehemaligen französischen Deportierten geknüpft, Freundschaften sind entstanden.

Er erzählt, wie es zu diesem besonderen Einfall der Erdüberführung gekommen ist: „Die Idee hatten Jean-Louis Forest (der damalige und inzwischen verstorbene Vorsitzende des Verbands der Zwangs- und Arbeitsdeportierten, Anm. d. Red.) und ich bereits vor zehn Jahren gemeinsam zum 50-jährigen Bestehen des Mahnmals. Die Franzosen sind all die Jahre regelmäßig an Karfreitag in die Bittermark gekommen, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Und nun wollten wir ein Zeichen dieser jahrzehntelangen Verbundenheit setzen.“

1959: Urne mit Dortmunder Erde gelangt nach Paris

Auch wäre das Grabgefäß mit der Pariser Erde für die Bittermark das Gegenstück zu einer Urne gefüllt mit Erde und einem Stück Stacheldraht, die bereits im Jahre 1959 von Dortmund nach Frankreich überführt worden ist.

Diese Urne gelangte über Umwege auf den Pariser Friedhof Père-Lachaise, wo sie seit 1970 an dem dortigen Mahnmal für die STO-Zwangsarbeiter aufgestellt ist. So wäre der symbolische Austausch von Erde im Sinne der deutsch-französischen Freundschaft vollendet, findet Asshoff.

Einladung aus Paris

Zum 50. Bittermarkgedenken im Jahr 2008 war es jedoch zu spät, die Idee zu realisieren. Asshoff griff das Vorhaben zum 60. Jahrestag wieder auf und trieb es voran. Nach Rücksprache mit Nicole Godard, der aktuellen Vize-Vorsitzenden des Verbandes der Zwangs- und Arbeitsdeportierten Frankreichs, nahm der Plan Gestalt an.

Es folgte eine Einladung nach Dortmund aus dem Pariser Rathaus. „Ich begrüße diese Initiative ausdrücklich“, schrieb Catherine Vieu-Charier, stellvertretende Bürgermeisterin von Paris, „und freue mich, Ihnen mitzuteilen, dass aus diesem Anlass eine Zeremonie organisiert wird, in Zusammenarbeit mit dem Verband, den die Ihnen bekannte Vize-Vorsitzende Nicole Godard vertritt.“

Die Urne mit der Erde aus Paris soll in der Krypta der Gedenkstätte in der Bittermark gebracht werden. Foto: Anja Kador

Die Urne mit der Erde aus Paris soll in die Krypta in der Bittermark gebracht werden. Foto: Anja Kador/ Stadt DO

 

Zeremonie auf dem Friedhof Père-Lachaise

Mitte März war es dann soweit. Die Dortmunder Delegation, der neben Bürgermeisterin Birgit Jörder und Wolfgang Asshoff auch Dr. Stefan Mühlhofer, Leiter des Dortmunder Stadtarchivs, Hans-Werner Rixe von der Dortmund-Agentur und Organisator des Bittermark-Gedenkens sowie Lara Schimmeregger und Nikolas Weidemann, Botschafterin und Botschafter der Erinnerung angehörten, versammelte sich mit weiteren Teilnehmern auf dem Friedhof Père-Lachaise zur feierlichen Zeremonie.

Brücke zwischen Frankreich und Deutschland als Versprechen für die Zukunft

Mohammad Gassama, stellvertretender Bezirksbürgermeister des 20. Arrondissements, beschrieb die Bedeutung des symbolischen Aktes: „Die Brücke wird also zwischen unseren beiden Mahnmalen gebaut werden, da jedes von ihnen die Überreste des Martyriums des zweiten Weltkrieges beherbergt.“

Die größte Gedenkfeier findet jedes Jahr an Karfreitag in der Bittermark statt.

Die größte Gedenkfeier findet jedes Jahr an Karfreitag in der Bittermark statt.

Das Bronzemahnmal, vor dem sich die Teilnehmenden auf dem Friedhof Père-Lachaise zusammengefunden hatten, erinnert an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, „an Hunderttausenden von französischen Zwangs- und Arbeitsdeportierten, die gewaltsam zwischen 1942 und 1945 nach Deutschland zur Arbeit verschleppt wurden, begünstigt durch die berüchtigte und ungerechte Regierung von Vichy, Komplize des Naziregimes“, präzisierte die stellvertretende Bürgermeisterin von Paris, Vieu-Charier. So sei die deutsche Erde in französischem Boden und bald französische Erde in deutschem Boden mehr als eine Erinnerung.

„Es ist ein Versprechen für die Zukunft, die uns an diesem Morgen zusammenbringt“, so Vieu-Charier. Das Ziel sei, durch symbolische Zeremonien dieser Art dem Wiederaufleben radikaler, antisemitischer und fremdenfeindlicher Bewegungen überall in Europa Einhalt zu gebieten. „Die Erhaltung des Friedens, immer zerbrechlich, nie auf ewig erworben, ist eine Pflicht gegenüber den Opfern und Vermissten, eine Verpflichtung für die Lebenden und eine Verantwortung gegenüber unseren Kindern“, mahnte die Pariser stellvertretende Bürgermeisterin.

Band der Freundschaft zwischen ehemaligen Kriegsgegnern geknüpft

Nicole Godard beschrieb in ihrer emotionalen Rede die Verbrechen an den Zwangs- und Arbeitsdeportierten ganz konkret. Sie berichtet etwa von Pierre, der nach Arbeitsverweigerung erst zu 10 Tagen Gefängnis, dann zu 15 Tagen Arbeitserziehungslager (AEL) und – nach erneuter Verweigerung – zu nochmals 56 Tagen AEL verurteilt wird, wo er am 55. Tag mit einem Gewehrkolben erschlagen wird.

Godard appellierte: „Liebe Freunde der deutschen Delegation, möge Sie diese Urne nach Dortmund begleiten, auf dass das Band der Freundschaft, das uns mit Ihrer Stadt, deren Vertretern und Bürgern so innig verbindet, weiter verstärkt wird. Nachdem die Hand zur Versöhnung ausgestreckt, diese jahrzehntelange Freundschaft von unseren Vätern gewebt und gepflegt wurde, haben wir – die Ehegatten, Kinder, Enkel und Freunde – uns verpflichtet, die Erinnerung an ihre oft unbekannten, verborgenen und missachteten Leiden und leidvollsten Prüfungen auf immer wach zu halten.“

Die Anfänge dieser besondern Freundschaft reicht sechzig Jahre zurück

Wolfgang Asshoff blickte in seiner Ansprache auf die Anfänge dieser Freundschaft zurück, als sich im Frühling vor 60 Jahren eine Delegation der französischen Zwangs- und Arbeitsdeportierten auf den Weg zur Eröffnungsfeier des Mahnmals in der Bittermark machte. Nach langen und vielen sehr kontroversen Diskussionen hatte sich der französische Verband schließlich zu der Reise entschlossen.

Als die Delegierten dann an Ostern 1958 zurückkehrten, war eines klar geworden: Eine neue Epoche in den Beziehungen zwischen den ehemaligen Erzfeinden hatte begonnen. Hier waren sich Menschen begegnet, die von dem festen Willen geprägt waren, für eine bessere Welt zu kämpfen und sich für ein Miteinander zu engagieren.

„Dazu gehörte großer Mut und großes Engagement, zwei Dinge in Angriff zu nehmen: Zum einen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und sich mit ihr zu beschäftigen, zum anderen Vieles in Zukunft anders zu machen.“

Birgit Jörder: Hochachtung für das Vertrauen

Bürgermeisterin Birgit Jörder bedankte sich bei der Zeremonie auf dem Pariser Friedhof stellvertretend für die Stadt Dortmund: „Die Bürgerinnen und Bürger Frankreichs haben uns Partnerschaft und Freundschaft angeboten. Das war ein hoffnungsvoller Moment in der Geschichte. Ich möchte zum heutigen Anlass nochmals meine Hochachtung vor dieser großen Geste ausdrücken und mich für das damals erwiesene Vertrauen bedanken.“ Alle Beteiligten hätten einander besser kennen und schätzen gelernt. „Dazu war eine gehörige Portion Verständnis und Toleranz nötig“, bekräftigte Jörder.

Eine Urne aus Frankreich für die Krypta in der Bittermark

Die Totenglocke wurde geläutet, nach einer Schweigeminute erklangen die „Moorsoldaten“ und die „Ode an die Freude“. Es folgte die Niederlegung der gemeinsamen Kränze der Städte Paris und Dortmund sowie des Deportierten-Verbandes und des Mahnmals Bittermark.

Im Anschluss daran entnahmen in einem würdevollen Akt Catherine Vieu-Charier, Birgit Jörder, Wolfgang Asshoff und Nicole Godard die Erde, um sie dann in die Urne einzufüllen und diese zu verschließen. Das erinnerungsträchtige Gefäß wird nun nach Dortmund überführt, wo es an Karfreitag in der Krypta des Mahnmals in der Bittermark in einem feierlichen Akt seine endgültige Stätte finden wird.

Text aus Paris: Anja Kador

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