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„Syrien – Ein Land ohne Krieg“: Fast vier Stunden bildgewaltige Impressionen und viel Wortwitz beim „Talk im DKH“

Lutz Jäckel stellte beim „Talk im DKH“ seine Multimedia-Show vor.

Lutz Jäkel stellte beim „Talk im DKH“ seine Multimedia-Show vor. Fotos: Alex Völkel

Von Claus Stille

Ein ganz besonderer Abend erwartete die ZuhörerInnen beim „Talk im DKH“. Viele Menschen waren denn auch dem Ruf ins Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus (DKH) gefolgt. Moderator Aladin-El-Mafaalani kündigte eine zeitlich und stofflich umfangreiche Veranstaltung an, die „Sitzfleisch“ erfordere. Und tatsächlich – fast vier Stunden dauerte die Veranstaltung. Aber das lange Ausharren auf den harten DKH-Stühlen lohnte. Das Publikum erlebte eine bestechende, mehr als 100 Minuten lange Multimedia-Präsentation, welcher sich eine nicht weniger interessante Diskussion anschloss.

Neben 200 ausdrucksstarken Bildern Beiträge namhafter deutsch-syrischer und deutscher Autoren

Moderator Aladin El-Mafaalani und Lutz Jäckel i Gespräch.

Moderator Aladin El-Mafaalani und Lutz Jäkel im Gespräch.

Der Islamwissenschaftler, Historiker und Fotojournalist Lutz Jäkel hat gemeinsam mit der Religionspädagogin Lamya Kaddor den Bildband „Syrien – Ein Land ohne Krieg“ herausgegeben (erschienen im Oktober 2017). Das Buch versammelt neben 200 ausdrucksstarken Bildern Beiträge namhafter syrischer, deutsch-syrischer und deutscher Autoren. Darunter auch ein Text des Moderators El-Mafaalani, der einen syrischen Familienhintergrund hat.

Viele haben Syrien erst durch den seit Jahren dort wütenden Krieg kennengelernt. Die Autoren wollten mit ihrem Bildband deshalb das Land zeigen, wie es bis 2011 war – und vielleicht auch einmal wieder werden könnte.

Lutz Jäkel hat in Damaskus studiert und gearbeitet. Als Kind lebte er mehrere Jahre in der Türkei. Danach erfuhr er hier in Deutschland von Gleichaltrigen Ausgrenzung am eigenen Leib. Doch die Beschimpfung als „Kümmeltürke“ nahm er nicht hin. Einmal sei es auch zu einer Schlägerei gekommen.

Ein Syrien ohne Krieg  – Bilder aus zwei Jahrzehnten vor 2011

Ob seiner Sprachkenntnisse des Türkischen und des Arabischen werde Lutz Jäkel, so der Moderator, manchmal als Araber, Türke – oder gar als Muslim – wahrgenommen. Doch der Deutsche Jäkel ist Atheist.

Der Vortrag des Gastes beginnt mit einem der Bilder aus Syrien, wie wir sie zu Genüge aus den Fernsehnachrichten kennen: vom zerstörten Aleppo. Doch an diesem Abend sollte es um ein Syrien ohne Krieg jenseits dieser schrecklichen Bilder gehen.

Geballt erlebten die ZuschauerInnen via der Multimedia-Präsentation, was im Klappentext des Buches versprochen wird: „Eindrucksvoll dokumentiert der Band den Alltag vor 2011, zeigt, wie man in Syrien lacht und einkauft, arbeitet und isst, betet, raucht, diskutiert, feiert. Ein gleichermaßen persönliches wie breites Bild – und ein Brückenschlag voller Hoffnung und Empathie.“

Rundreise von Damaskus nach Damaskus

Die Reise beginnt in Damaskus (UNESCO-Weltkulturerbe), führt in den Süden Syriens, nach Palmyra und weiter in den Norden nach Aleppo, dann in den Westen nach Antakya, um dann nach einigen Stopps wieder in Damaskus (neben Aleppo die älteste Stadt der Welt) zu enden.

In dem Damaszener Viertel, wo Jäkel eine Weile lebte, konnten die ZuschauerInnen auf einem der Fotos Kinder sehen, die mit Murmeln spielen. „Wo gibt es das noch hierzulande?“, fragte Lutz Jäkel ins Publikum hinein.

Aber man konnte während dieser bunt gefächerten Tour auch den letzten – inzwischen verstorbenen – großen Märchenvorleser Syriens kennenlernen. Der alte Herr habe immer ein Schwert unter seinem Schemel liegen gehabt, welches er knallend auf einen Metallschemel hieb, wenn jemand im Publikum weggenickt war.

So vielfältig die Landschaft Syriens, so vielfältig dessen Menschen 

Im Publikum erkannten einige Menschen, zumeist Syrer, Orte wieder, die  Jäkel ansprach und im Foto zeigte. Etwa die berühmte Eisdiele Bakdash in Damaskus oder den bekannten Souk dort.

Eloquent und kurzweilig führte Lutz Jäkel durch ein äußerst vielfältiges Syrien, das Uneingeweihte Staunen machen musste. Denn ebenso vielfältig wie die Landschaft sind auch die Menschen in Syrien – Aleviten, Christen, Sunniten oder Drusen.

Aber nicht nur nach Religion unterscheiden sich die Syrer. Wie in den angrenzenden arabischen Ländern existieren auch weiterhin Stämme. Westliche Mächte wie etwa Frankreich und Großbritannien bedienten sich nach dem Ersten Weltkrieg aus der „Konkursmasse des Osmanischen Reiches“ und zogen die neuen arabischen Ländergrenzen quasi am Reißbrett, ihren imperialen Interessen folgend.

Kulturelle Unterschiede: Was in Syrien beachtet werden will

Die ZuschauerInnen lernten, was auch Jäkel in Syrien lernen musste: Wird man in Syrien in ein Haus eingeladen, sollte man tunlichst warten, bis die Einladung zum dritten Male ausgesprochen wird – alles andere ist einfach nur Höflichkeit.

Ebenfalls hatte Jäkel erfahren müssen, dass man mit dem in Deutschland zwei Semester akribisch studierten Hocharabisch, das sehr blumig ist, im arabischen Alltag allenfalls Heiterkeit auszulösen vermag.

Immer wieder gab Jäkel zu den auf der Leinwand erschienenen Fotos eigene Erlebnisse zum Besten, die das Publikum erheiterten oder emotional tief bewegten.

Bilder von typisch syrischen Speisen dürften nicht wenigen Besuchern Appetit gemacht haben. Die in der Pause zum Kauf angebotenen Frikadellchen nach syrischem Rezept kamen da gerade recht …

Lutz Jäkel hat sich nie wieder so wohl gefühlt wie in Syrien

Einigen im Publikum hat diese mit Informationen prall gestopfter Multimedia-Präsentation gewiss Lust gemacht, sich das Buch zu beschaffen.

Der Kopf der ZuhörerInnen war nach diesem Vortrag übervoll und das Herz weit für ein so facettenreiches Syrien mit seinen so unterschiedlichen, begeisternden Menschen.

Jäkel, der als Fotojournalist viel in der Welt herumkommt, gab zu, nie habe er sich anderswo so wohl gefühlt wie in Syrien  und so verbunden wie mit diesem besonderen Menschenschlag.

Am Ende wurde doch noch politisch – Alles Sehen ist perspektivisches Sehen

Zum Ende der Präsentation war Lutz Jäkel dann aber doch noch „politisch geworden“. Für ihn kann es keine Zukunft mit Präsident Assad geben. Denn dieser habe Krieg gegen sein eigenes Volk geführt.

Achtzig Prozent der Zerstörungen und Kriegstoten in Syrien habe dessen Regime zu verantworten.  Jäkel räumte aber auch ein, dass in Syrien ein – wie manche sagten –  „kleiner dritter Weltkrieg“ geführt würde, an dem nicht nur von deren Interessen gesteuerte Großmächte, sondern eben auch viele andere Kombattanten – mit dem Begriff „Rebellen“ sicher nicht immer zutreffend beschrieben – mit unterschiedlichen Interessen und unterstützt von anderen Mächten beteiligt seien. Es wird also schwierig bleiben.

El-Mafaalani hatte in der Pause mit Syrern gesprochen, die ihr Land in Jäkels Präsentation nicht so recht wiedergefunden hatten.  Aber schon eingangs hatte es geheißen, Lutz Jäkel habe mit dem Buch einen „deutschen Blick“ auf Syrien geworfen und zugleich einen „inneren Blick“ auf das Land ins Werk gesetzt. Alles Sehen ist eben perspektivisches Sehen.

Jäkel: „Deutschland ist bunt und vielfältig – auch wenn es nicht jeder mag.“

Die Diskussion machte dann aber auch weitere soziale und Länderhintergründe deutlich. Und sie streifte auch das Thema Flüchtlinge und Migration.

Man dürfe, so spielte Jäkel auf die Verhaftung eines mutmaßlichen Terroristen in Schwerin an, nur weil es auch unter Syriern gewiss „ein paar Idioten gibt“, Flüchtlingen nicht den Schutz verwehren. Man müsse mehr auf Flüchtlinge zugehen: „Deutschland ist eben 2017 bunt und vielfältig – auch wenn es nicht jeder mag.“

Jäkel zeigte mit „seinem“ Syrien ein Land, in dem es ein friedliches Nebeneinander verschiedener Religionen gab,  und auch ein funktionierendes Miteinander im Alltag. Auch seine Fotos zeigen das: Da sitzen in einem Damaszener Café Frauen mit Kopftuch und solche ohne und mit nackten Armen friedlich beieinander. Junge und Alte rauchen Nargile (Wasserpfeife).

Jäkel kann sich ein künftiges Syrien nur ohne Assad vorstellen

Bei diesem ganz besonderen „Talk im DKH“ konnte man viel über Syrien erfahren. Ein Zuhörer fragte jedoch auch, warum westliche Staaten denn jahrelang „Gas“ an Syrien geliefert hätten.  Eine Antwort bekam er nicht. Stattdessen forderte Lutz Jäkel, den syrischen Machthaber Baschar Al Assad als Kriegsverbrecher vor den Internationalen Strafgerichtshof  in Den Haag zu stellen.

Syrien, sprang ihm ein junger Syrer bei, in nach zwei Jahren in Deutschland ziemlich gutem Deutsch, hätte unbedingt eine Zukunft ohne Assad.

Dieser superlange „Talk im DKH“ war nicht nur reich an Informationen, sondern auch keine Sekunde langweilig. Geistig verarbeiten werden müssen diese Informationen und vielfältigen Eindrücke sicher Stück für Stück von den ZuhörerInnen selbst. Manche von ihnen dürften Syrien nun mit anderen Augen sehen.

Kluge und witzige Comedy-Beiträge:  Özcan Coşar strapazierte die Lackmuskeln

Mit klugen, witzigen, zuweilen das Bauchfell der BesucherInnen arg strapazierenden Comedy-Beiträgen verstand Özcan Coşar  das Publikum im Rahmen dieses außergewöhnlichen „Talk im DKH“ köstlich zu unterhalten. Angekündigt wurde er treffend als „schwäbisches Kraftwerk“. Im kommenden Jahr wird er erneut in die Nordstadt kommen und dann auch mehr von seinem Können unter Beweis stellen.

Özcan Coşar strapazierte die Lackmuskeln der ZuhörerInnen.

Comedian Özcan Coşar aus Stuttgart strapazierte die Lackmuskeln der ZuhörerInnen.

 

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