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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Der von Bürgern gestiftete Eisengießer-Brunnen auf dem Freiherr-vom-Stein-Platz

Den Eisengießer-Brunnen auf dem Steinplatz lassen die meisten Passanten „links“ liegen. Der Platz wie auch der Brunnen führen ein eher stiefmütterliches Dasein. In der Bezirksvertretung der Nordstadt wird er nur zum Thema, wenn alle paar Jahre wieder der Künstler daran erinnert, dass abermals das Bronze-Geländer von Metalldieben gestohlen wurde. Aktuell läuft die Kalkulation der Kosten. Doch Platz und Brunnen genossen früher deutlich mehr Aufmerksamkeit. Daran erinnern wir in einem weiteren Teil unserer Serie Nordstadt-Geschichte(n).

Von Klaus Winter

Am 1. Dezember 1883 riefen etwa 30 Dortmunder Bürger einen Verein ins Leben, der sich der Verschönerung der öffentlichen Promenaden und Plätze widmen wollte.

Der neu gegründete Verschönerungsverein vergaß auch die nördliche Innenstadt nicht

Mit einem Volksfest wurde die Einweihung des Eisengießer-Brunnens gefeiert. Bild: Sammlung Klaus Winter

Mit einem Volksfest wurde die Einweihung des Brunnens gefeiert. Bild: Sammlung Klaus Winter

Der Verein tat das in den Folgejahren durch allerlei Aktionen: Er stellte der Stadtverwaltung Gelder zur Finanzierung von gärtnerischen Anlagen im öffentlichen Straßenraum, für Sitzbänke, Spielplätze und allerlei anderen Maßnahmen wie dem Bau eines Wetterhäuschen vor der Reinoldi-Kirche und der Anschaffung einer Statue für die Fassade des Gildenhauses am Ostenhellweg zur Verfügung.

Er wagte sich aber auch an größere Projekte wie das Denkmal für die Königin Luise, das 1893 im Kaiser-Wilhelm-Hain, der Keimzelle des Westfalenparks, errichtet wurde („Luisen-Tempel“), und den Kaiserbrunnen, der seit 1903 auf dem Platz an der Kaiserstraße steht.

Der Verschönerungsverein übersah „den nördlichen Stadtteil“ nicht. In seiner Vorstandssitzung vom 9. Oktober 1901 wurde der Plan vorgestellt, den Steinplatz durch eine Brunnenanlage aufzuwerten.

Zwar fand das Vorhaben rasch Gefallen, doch gab es einige Schwierigkeiten zu überwinden. Weil der Verein nicht über die Mittel für einen großen Brunnen verfügte, mussten Spenden akquiriert werden. Immerhin wurden so 6.000 Mark aufgebracht.

Die wenig gefällige Umgebung stellte besondere Anforderungen an die Gestaltung

Problematischer als die Geldfrage war aber der projektierte Standort des Brunnens. Denn auf dem sehr verkehrsreichen Steinplatz befanden sich u. a. eine Selterswasserbude, ein Transformator des Elektrizitätswerks und eine Bedürfnisanstalt – kein schönes Umfeld für die neue Zierde des Platzes.

Die nicht sehr gefällige Umgebung stellte besondere Anforderungen an die Gestaltung des Brunnens. Es wurde ein Wettbewerb unter den Mitgliedern des Dortmunder Architektenvereins ausgeschrieben, der aber nicht zu einem preiswürdigen Entwurf führte.

Ein zweiter Wettbewerb wurde veranstaltet, an dem nur Bildhauer teilnahmeberechtigt waren, die bereits in Dortmund mit Werken vertreten waren. Unter den nun eingereichten Entwürfen machte die Jury des Verschönerungsvereins zwar einen Favoriten aus, doch wurde dieser von der Öffentlichkeit nicht angenommen.

Dem kunstvoll gestalteten Eisengießer fehlt die übliche Schutzkleidung

So bestimmte die Jury einen Entwurf des Bildhauers W. Faßbinder, Köln, „seiner größeren Volkstümlichkeit wegen“ zur Ausführung. Der Brunnen wurde wie folgt beschrieben: „Der Faßbinder’sche Entwurf zeigt als Hauptfigur einen in der Arbeit begriffenen Gießer, wodurch der ganze Brunnen der Verherrlichung der großartigen Eisenindustrie Dortmunds geweiht ist. 

Aus der Gießerkelle fließt ein dünner Wasserstrahl, welcher durch kleinere Abflußröhrchen und breitere Ausflüsse bis zum untersten Becken geführt wird und so andeuten soll, wie das flüssige Metall leicht durch die Kanäle und Röhren fließt und die Form füllt. 

Die Figur ist aus Bronze, die Architektur derb und einfach gehalten, aus gestocktem bayrischen Granit.“ Einen Schönheitsfehler gab es allerdings: Dem Gießer fehlte die damals bekannte Schutzkleidung wie Schürze und Handschuhe.

30 Vorstandssitzungen und fünf Jahre von der ersten Idee bis zur Fertigstellung

Dem kunstvoll gestalteten Eisengießer fehlt die Schutzbekleidung. Bild: Sammlung Klaus Winter

Dem kunstvoll gestalteten Eisengießer fehlt die Schutzbekleidung. Bild: Sammlung Klaus Winter

Von der ersten Idee bis zur Fertigstellung des Brunnens war es ein langer und beschwerlicher Weg. In den fünf Jahren stand der Brunnen allein auf der Tagesordnung von 30 Vorstandssitzungen des Verschönerungsvereins.

Dafür fand dann die Einweihung an einem im Kaiserreich bedeutenden Tag statt, nämlich dem 27. Januar 1906, Geburtstag von Kaiser Wilhelm II., der selbstverständlich auch in Dortmund mit Festakten begangen wurde.

Die Einweihungsfeierlichkeit für den Eisengießer-Brunnen begann mit der Versammlung der Honoratioren an der Wirtschaft Vogell am Anfang der Münsterstraße am Burgtor. Unter Vorantritt einer Kapelle zog man die kurze Strecke zum Festplatz, wo sich eine große Menschenmenge versammelt hatte, wie fotodokumentarisch belegt ist.

Der neue Brunnen war von Fahnenmasten umgeben, sein Umfeld durch Tannenreiser und gelben Sand verziert. Julius Baumeister, Vorsitzender des Verschönerungsvereins, und Oberbürgermeister Geheimrat Schmieding hielten die Festansprachen.

Nach dem Festakt versammelten sich die Festteilnehmer noch zu einem kleinen Frühstück, „da wegen des Kaisersgeburtstagsessens [am Abend desselben Tages] von einem größeren Festessen abgesehen werden musste.

Der Eisengießer zierte bis zum Beginn des 2.Weltkrieges den Steinplatz

Einen von offizieller Seite nicht geplanten Einsatz bei der Einweihungsfeierlichkeit lieferten der Wirt, die Hauskapelle und Gäste der illustren Wirtschaft „Zillertal“, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Brunnens lag. Sie zogen ebenfalls in einem Festzug zu dem Brunnen.

Stolz darauf, in dem sonst so stiefmütterlich behandelten Norden ein solches Kunstwerk zu besitzen, gelobten sich die Teilnehmer, dem Brunnen ihren ganz besonderen Schutz angedeihen zu lassen. 

Dann zogen die italienischen Dragoner unter den Klängen des Preußenmarsches ins Zillertal zurück, wo sich bei Rede und Lied ein fröhliches Kommers entwickelte und namentlich der Steinplatzbrunnenmarsch (das neueste Musenlied von Jul. Fischer) stürmischen Beifall fand. 

‚Obgeschept, obgeschept mit dem großen Löffel‘ dürfte bald zu den populärsten Scherzliedern gezählt werden.“ – Weitere Hinweise auf den Steinplatzbrunnenmarsch fehlen jedoch.

Der Eisengießer zierte bis etwa zum Beginn des Zweiten Weltkrieges den Steinplatz. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde er abgebaut und vermutlich eingeschmolzen – ein Schicksal, das er mit anderen Dortmunder Denkmalen teilte.

Eisengießer-Brunnen wurde 1990 nach alten Bauzeichnungen neu errichtet

Der Eisengießerbrunnen heute. Foto: Alex Völkel

Der Eisengießerbrunnen heute. Foto: Alex Völkel

Im Rahmen des Stadtsanierungsprogrammes Nord III verlor der Steinplatz in der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg seine zentrale Funktion und geriet in eine Abseitsposition.

An Fläche hatte der Platz gewonnen, doch die wirkt leblos, da sowohl die Einkaufs- als auch die Vergnügungsmöglichkeiten fast vollständig verschwunden sind und deshalb kaum Verkehr auf dem Platz herrscht.

Aber die Idee keimte, den Eisengießer-Brunnen wieder erstehen zu lassen. Mitte der 1980er Jahre wiedergefunden originale Bauzeichnungen führten 1987 zu einem Beschluss der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord, den Brunnen neu zu errichten.

Die zunächst überschlägig geschätzten Kosten von 850.000 DM waren aber eine sehr hohe Hürde. So folgte der damalige Bezirksvorsteher Jürgen Alexander Fischer dem Beispiel, das der Verschönerungsverein am Anfang des 20. Jahrhunderts gegeben hatte, warb um private Spenden.

Er gründete dafür mit anderen den „Förderverein Eisengießer-Brunnen am Freiherr-vom-Stein-Platz e. V.“. Der Verein arbeitete sehr erfolgreich. Bis zum Baubeginn der Rekonstruktion im Frühjahr 1990 war die Finanzierung gesichert.

Besondere Herausforderung war die Reproduzierung der Figur des Eisengießers

Schwierig war die Rekonstruktion des Brunnens, dessen Grundlage auf das überlieferte Archivmaterial beruhte. Das war vor allem eine besondere Herausforderung für den Bildhauer Jan Bormann, der die Figur des Eisengießers möglichst präzise im Modell nachbilden sollte, aber nur auf historisches Bildmaterial als Vorlage zugreifen konnte.

Reinhold Kostrzewa hatte die Aufgabe, das Modell in eine 1:1-Form umzusetzen. Das gelang. Und auch die Umsetzung des Modells in einen Bronzeguss war erfolgreich. Heute sieht man der Figur des Eisengießers nicht mehr an, dass sie in sechs Teilen gegossen und dann zusammengesetzt wurde.

Schwierig war auch die Beschaffung des Steinmaterials für Brunnenschale und Aufbau, denn der Originalstein konnte nicht mehr beschafft werden, weil der achtzig Jahre zuvor genutzte Steinbruch längst ausgebeutet war.

Zwar fand man einen Ersatz, doch die Steingewinnung blieb dennoch eine Herausforderung, da die Brunnenschale, gefertigt aus einem Stück, im Rohmaß 3×3 m bei 65 cm Höhe maß und der unbearbeitete Block über 20 Tonnen wog.

Im August 1990 fand die Einweihung im Rahmen eines Volksfestes statt

Im Juli 1990 wurde am Steinplatz der Sockel des neuen alten Brunnens gemauert und bereits ein Tag später die große Brunnenschale aufgesetzt; eine weitere Woche später war der Brunnenrohbau perfekt: Es fehlten nur noch die lebensgroße, rund 300 kg schwere Figur, die am 2. August geliefert und aufgesetzt wurde!

Die Einweihung des Eisengießer-Brunnens fand am 10. August im Rahmen eines kleinen Volksfestes statt, zu dem sich bei schönstem Sommerwetter zahlreiche Besucher einfanden. Die Verantwortlichen erschienen stilecht in der Mode kaiserzeitlicher Honoratioren mit Zylinder.

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Aufruf: Wir suchen alte Bilder, Postkarten
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Wir möchten in den nächsten Monaten weitere Nordstadt-Geschichte(n) veröffentlichen. Aber dafür sind wir auf Input angewiesen. Vor allem sind wir an alten Postkarten und Fotos aus der Nordstadt interessiert.

Gleiches gilt aber auch für Zeitzeugenberichte. So würden wir gerne auch mehr Bilder zu den Beiträgen zeigen und Erinnerungen  hören – letztere gerne als Kommentare zum Artikel.

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Ein Gedanke zu “SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Der von Bürgern gestiftete Eisengießer-Brunnen auf dem Freiherr-vom-Stein-Platz

  1. Cornelia Wimmer

    Kleine Richtigstellung: Die Bronzegitter des Eisengießerbrunnens wurden einmal (vor etwas über 3 Jahren) gestohlen, nicht wiederholt. – Es wurden 5 der 6 Gitter entwendet; eines gibt es noch. Es könnte als Modell für Repliken dienen, die, wesentlich besser verankert als die ursprünglichen Gitter, wohl auch gegen erneute Diebstahlversuche einigermaßen geschützt wären.
    Für die Wiederherstellung fehlt es, woran auch sonst, an Geld. Dem Brunnen fehlen derweil die Gitter und der Nordstadt fehlt ein vollständiger, dem historischen Orginal ebenbürtiger Eisengießerbrunnen. – Fehlt nicht noch etwas? – Es fehlt der Platz, an dem man sich gerne aufhalten würde. Denn der Steinplatz nennt sich zwar „Platz“, ist aber, anders als zu Kaisers Zeiten, keiner mehr. Es ist ein ziemlich verlärmter Ort, den man, einmal betreten, möglichst schnell wieder verlässt.

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