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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Der Bahnhof von Dortmund als Wurzel der Nordstadt – Ungewohnte An- und Einsichten

Ansicht Dortmunds von Norden, Mitte der 1850er Jahre, von der Klischee-Anstalt C. L. Krüger GmbH gefertigt.

Ansicht Dortmunds von Norden, Mitte der 1850er Jahre, von der Klischee-Anstalt C. L. Krüger GmbH gefertigt.

Von Klaus Winter

Das stetige Anwachsen der Stadtbevölkerung hätte im 19. Jahrhundert auch ohne besonderen Anlass dazu geführt, dass innerhalb der alten Stadtbegrenzung kein Raum mehr für weitere Wohnungen und Arbeitsplätze vorhanden gewesen und eine Ausdehnung des Stadtgebiets vor die Mauern notwendig geworden wäre. Die Anlage eines Bahnhofs nördlich des Königswalls durch die Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft und seine Inbetriebsetzung 1847 gab dieser Entwicklung aber einen Schub – und verschaffte der heutigen Nordstadt ein Geburtsdatum.

Blick des Betrachters von der Position der heutigen Feuerwache in der Steinstraße

Denn die Eisenbahn förderte die Ansiedlung und den Aufschwung industrieller Betriebe, für die eine Vielzahl von Arbeitern tätig wurde, die in der alten Stadt keine Wohnung mehr fand und deshalb in das Umfeld des Bahnhofs zog.

In ihrer Ausgabe vom 17. April 1910 veröffentlichte „Die Sonntagspost. Illustriertes Unterhaltungsblatt zur Dortmunder Zeitung“ eine Ansicht Dortmunds von Norden, die Mitte der 1850er Jahre von der Klischee-Anstalt C. L. Krüger GmbH angefertigt worden war.

Der Blick des Betrachters, der auf einem leicht erhöhten Standort etwa dort stand, wo sich heute die Feuerwache an der Steinstraße befindet, geht über weidende Kühe, eine Allee, Eisenbahnzug und verschiedene Gebäude des damaligen Dortmunder Bahnhofs auf die Stadtmauer zwischen dem Burgtor am linken Bildrand und dem Rondell nahe dem Westentor ganz rechts.

Die alte Stadt wird von der hohen Stadtmauer fast ganz verdeckt; von den Häusern sind lediglich die Dächer zu sehen. Nur die vier großen Innenstadt-Kirchen lassen sich gut erkennen und bieten gute Orientierungspunkte.

Dieser Ausschnitt der Stadtansicht zeigt ganz links die in die Stadt führende Münsterstraße. Den wenigen Passanten ist der Weg jedoch durch heruntergelassene Eisenbahnschranken versperrt. Die hier dargestellte Situation lässt noch nicht erahnen, dass geschlossene Schranken an den wenigen Straßen, die das nördliche Viertel mit der alten Stadt verbanden, sich in den nächsten Jahrzehnten zu einem sehr ernsten Problem entwickeln sollten.

Denn die Schranken wurden häufig und oft sehr lange geschlossenen. Dadurch wurde der Verkehrsfluss zwischen Altstadt und dem sich entwickelnden neuen Stadtteil massiv beeinträchtigt. Erst im Zusammenhang mit dem großen, 1910 vollendeten Bahnhofsneubau wurden die niveaugleichen Kreuzungen durch Brücken ersetzt, so wie es auch heute noch der Fall ist.

Bereich zwischen Eisenbahnlinie und der Stadtmauer trägt bis heute den Namen „Burgtor“

Links hinter den Schranken sieht man ein dreistöckiges Haus. Es handelt sich um einen Vorläufer des späteren Hotels Bender, das inzwischen selber Geschichte ist, denn sein Abriss liegt nun auch schon einige Jahre zurück.

Der Bereich zwischen Eisenbahnlinie und der Stadtmauer trägt bis heute den Namen „Burgtor“. Den namensgebenden, schon im 13. Jahrhundert erwähnten Torturm mit vorgelagertem Zwinger hatte man 1833 abgetragen. Seit dem Zeitpunkt klaffte an dieser Stelle eine große Lücke in der Stadtmauer. Hinter ihr begann die Brückstraße, die zur Reinoldi- und Marien-Kirche und zum Marktplatz mit dem alten Rathaus führte.

Vor der Stadtmauer steht das provisorische Empfangsgebäude des Dortmunder Bahnhofs. Als die ersten Züge in Dortmund hielten, waren noch nicht alle Bahnanlagen fertiggestellt. Auch das eigentliche Stationsgebäude harrte noch seiner Vollendung. Nachdem das dann der Fall war, wurde das Provisorium als Güterschuppen genutzt.

In diesem Detail ist im linken Bereich das Stationsgebäude des Bahnhofs dargestellt. Es wurde ab 1846 im normännischen Stil, einer Vorstufe der Neugotik erbaut, und galt nach seiner Fertigstellung als eines der prächtigsten an der gesamten Eisenbahnstrecke. Es war bis zur Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs im Jahre 1910 in Betrieb.

Rechts neben dem Stationsgebäude, fast genau in der Mitte des Gesamtbildes, steht die Vehmlinde, der bekannte Dortmunder Freistuhl, an dem in früheren Zeit Recht gesprochen wurde. Dieses alte Wahrzeichen der Stadt lag innerhalb des Bahnhofsgeländes. Es sollte aber erhalten bleiben und wurde deshalb zum Schutz vor dem regen Betrieb des Bahnhofs eingefriedet. Der Zaun um die Vehmlinde schützte die Linde aber nicht vor der erheblichen Luftverschmutzung, so dass sie im Laufe der Zeit fast vollständig abstarb.

Am Anfang  gab keinen direkten Zugang vom Wall zum Bahnhof

Die Stadtmauer ist an dieser Stelle nicht durchbrochen. Tatsächlich gab es keinen direkten Zugang vom Wall zum Bahnhof. Wer mit der Eisenbahn reisen wollte, musste sich zum Burgtor begeben, sich dort nach Norden wenden und nach wenigen Metern in die damalige Bahnhofstraße, die als Sackgasse zum Köln-Mindener Bahnhof führte, abbiegen. Diese ehemalige Straßenführung ist heute im Stadtbild nicht mehr erkennbar, denn sie liegt seit mehr als hundert Jahren unter dem jetzigen Bahngelände.

Rechts von der Vehmlinde erhebt sich hinter der Stadtmauer die Propstei-Kirche. Aus ihrer Lage im Gesamtbild ist ersichtlich, dass das Stationsgebäude des ersten Dortmunder Bahnhofs sich nicht dort befand, wo der heutige Hauptbahnhof liegt, nämlich weiter westlich und näher zum Wallring.

Verlässt man heute den Hauptbahnhof durch den Haupteingang, so läuft man auf die Katharinentreppe zu, und hinter dieser erhebt sich die Petri-Kirche. Hier ist die Kirche mit ihrem Notdach im linken Bildbereich dargestellt. Das Notdach hatte man 1759 fertiggestellt; sieben Jahre zuvor war der alte, 112 Meter hohe Turm eingestürzt. Weil der Petri-Kirche erst 1858 einen hohen neugotischen Helm erhielt, hilft dies bei der Datierung der Entstehung dieses Bildes.

Die heutige breite Katharinentreppe gab es um 1860 nicht. Wohl aber einen Katharinenturm, der auch Pulverturm genannt wurde. Der Turm, der einen fünfeckigen Grundriss hatte, ist – obwohl bereits bis auf Höhe der Stadtmauer abgetragen – unterhalb des Chores der Petri-Kirche noch zweifelsfrei erkennbar.

Weiter rechts ist schwach noch eine Windmühle zu erkennen. Sie stand einst auf dem Westenrondell, einer in die Altstadt ragenden, halbkreisförmigen Erweiterung des Wallumgangs.

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