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SERIE (8) Kein Brauerstreik 1961: Ein Sieg der Vernunft – „Durststrecke“ bei den Dortmunder Brauereien verhindert

Hier fiel die Entscheidung! Stundenlang diskutierten die Betriebs- ratsvorsitzenden der Dortmunder Brauereien mit dem NGG-Landesvor- sitzenden Teubler im DGB-Haus am Ostwall. Am Nachmittag erfolgte der Streikbeschluss.

Stundenlang diskutierten die Betriebsratsvorsitzenden der Dortmunder Brauereien mit dem NGG-Landesvorsitzenden Teubler. Am Nachmittag erfolgte der Streikbeschluss. Foto: NGG-Archiv

Anlässlich des 150. Jahrestages der Gründung der ersten deutschlandweiten Gewerkschaft  – dem Allgemeinen Deutschen Zigarrenarbeiterverein – wird Nordstadtbogger.de in den nächsten Wochen aus der 165-jährigen Geschichte der Dortmunder Sektion berichten, aus der später die NGG entstanden ist.

Der erste Arbeitskampf in der Brauindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in letzter Minute abgesagt, weil die Arbeitgeber ihre harte Position aufgaben und auf die Forderungen der NGG eingingen.

Die Gewerkschaft forderte eine Anhebung der Stundenlöhne um 15 Prozent und die Einführung der 40-Stunden-Woche

Die Verhandlungsführer beider Tarifparteien seien beglückwünscht. Sie haben in prekärer Lage gezeigt, dass die Vernunft zu den schönsten Erfolgen der Menschen führt, wenn man sie anwendet.“ Mit diesen Worten kommentierte die Westfälische Rundschau am 10.11.1961 das Ergebnis des ersten Arbeitskampfes in der Brauindustrie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

In zwei Verhandlungsrunden wollten sich die Arbeitgeber nicht auf die Forderungen des NGG-Landesbezirks NRW einlassen. Die Gewerkschaft forderte eine Anhebung der Stundenlöhne um 15 Prozent, die Einführung der 40-Stunden-Woche und die Anhebung der Ortsklassen mehrerer Städte.

92,04 Prozent der NGG-Mitglieder in den 118 nordrhein-westfälischen Brauereien für Streik

NGG-LOGODie Verhandlungen scheiterten. Dann ging alles sehr schnell. Bei der Urabstimmung votierten 92,04 Prozent der NGG-Mitglieder in den 118 nordrhein-westfälischen Brauereien für Streik. Am 6. November kam das OK vom NGG-Hauptvorstand in Hamburg. Der Streik konnte beginnen.

Die Dortmunder Lokalzeitungen bereiteten die Bevölkerung auf eine lange Auseinandersetzung mit weitreichenden Folgen vor: „Wie lang wird die Durststrecke sein?“ fragten die Ruhr-Nachrichten.

Und die Westfälische Rundschau kündigte an: „Bierquelle versiegt in den Brauereien“. Daraufhin kam es in Dortmund in den Tagen vor dem Streik zu Hamsterkäufen. Der Leiter der Flaschenbierabteilung einer Großbrauerei meinte: „Wir haben Betrieb wie bei 40 Grad Hitze“.

Am Morgen des 9. November zogen Streikposten vor den Toren auf, provisorische Büros rings um die Brauereien wurden von der NGG eingerichtet, ein straff organisierter Streikapparat setzte sich in Bewegung.

Streikposten standen nur drei Stunden  – der Bierstreik fand nicht statt

Doch die Posten brauchten nur drei Stunden im nasskalten Wetter zu stehen. Um sechs Uhr morgens war alles vorbei. Der Bierstreik fand nicht statt. Als die ersten Zeitungen bereits ausgetragen waren, hatten sich Arbeitgeber und NGG nach einer langen Nacht um 4 Uhr 50 in Dortmund auf einen Kompromiss geeinigt.

Die Arbeitgeber boten eine Lohnerhöhung um 10 Prozent und eine Arbeitszeitverkürzung auf 41,5 Stunden an. Die NGG hatte ihre Forderungen zu einem großen Teil durchgesetzt. NRW-weit stimmten 82 Prozent der organisierten Brauer für das Ergebnis.

In Dortmund fiel die Abstimmung etwas knapper aus: nur 55,4 Prozent stimmten mit Ja. Die Entschlossenheit der Arbeitnehmer hatte der Vernunft der Arbeitgeber etwas auf die Sprünge geholfen.

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