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KOMMENTAR zu „Talk im DKH“: (K)Eine Bühne für politische Brandbeschleuniger und türkische Wutbürger in der Nordstadt

Aladin El-Mafaalani hatte Bilgili Üretmen und Fatma Karacakurtoglu eingeladen. Fotos: Alex Völkel

Aladin El-Mafaalani hatte Bilgili Üretmen und Fatma Karacakurtoglu eingeladen. Fotos: Alex Völkel

Ein Kommentar von Alexander Völkel

Kaum ein Thema beschäftigt die Türken und Deutschtürken derzeit mehr als das Ergebnis des Verfassungsreferendums: Ist die Zustimmung der in Dortmund lebenden Türken ein Beleg für gescheiterte Integration? Oder hat das Wahlverhalten damit nichts zu tun? Wie lässt sich das Wahlergebnis im Ruhrgebiet erklären?

Glühender Erdogan-Verehrer und Nationalist auf der Nordstadt-Bühne

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani - Organisator und Moderator der kontroversen Veranstaltungsreihe.

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani – Organisator und Moderator der kontroversen Reihe.

Ein wichtiges, spannendes und relevantes Thema für „Talk im DKH“, für den Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani – Organisator und Moderator der kontroversen Veranstaltungsreihe – verantwortlich zeichnet. Eingeladen in die „gute Stube“ der Nordstadt hat er dieses Mal die linke Dortmunder Lokalpolitikerin und Flüchtlingsaktivistin Fatma Karacakurtoglu sowie den Blogger Bilgili Üretmen.

Wenn sie den Blogger nicht kennen, ist das nicht schlimm. Unter „Bio-Deutschen“ ist er weitgehend unbekannt. Er ist ein selbstverliebtes Sprachrohr der türkischen Wutbürger in Deutschland. Ein glühender Verehrer von Präsident Erdogan. Ein selbsterklärter Nationalist und Patriot, der die Türkei wieder groß sehen will, selbst allerdings keinen Militärdienst geleistet hat.

Ein Mann, für den die türkischen Faschisten der MHP – hier besser als die „Grauen Wölfe“ bekannt – eine gemäßigte Partei der Mitte ist. Ein Facebook-Sternchen, der kein Problem damit hat, den sogenannten „Wolfsgruß“ der auch des Terrors bezichtigten Faschisten auch auf der Bühne in Dortmund zu zeigen.

Der türkische Blogger wünscht sich den Tod des Journalisten Deniz Yücel

Der türkische Blogger Bilgili Üretmen bekam in der Nordstadt eine Bühne bereitet.

Der türkische Blogger Bilgili Üretmen bekam in der Nordstadt eine Bühne bereitet.

Üretmen, ein in Deutschland geborener und in Soest lebender Blogger, der alle Vorzüge der Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland ausnutzt, aber sich wünscht, dass der seit mehr als 100 Tagen in der Türkei inhaftierte Journalist der Zeitung „Die Welt“, Deniz Yücel, im Knast verrecken soll oder zumindest „die Seife fallen“ lässt – ihm also eine Vergewaltigung wünscht. Yücel ist einer von mehr als 150 inhaftierten Journalisten…

Was kann so ein Mensch zu der Debatte über das Zusammenleben in Deutschland und im Ruhrgebiet beitragen? Sie ahnen es schon. Nichts. Zumindest nichts Konstruktives. „Ich bin nicht der Integrationsbeauftragte“, gibt er immer dann süffisant zu Protokoll, wenn er auf seine Verantwortung angesprochen wird. Im Gegenteil: Er ist ein „Spaltpilz“ in der türkischen Community und ein gefährlicher Brandbeschleuniger in der Debatte.

Wer sich im vergangenen Sommer schon aufgeregt hatte, dass Prof. Dr. Werner Patzelt, konservativer Politikwissenschaftler aus Dresden und gerne als AfD- und Pegida-Versteher kritisiert, nach Dortmund eingeladen wurde, rieb sich jetzt verwundert die Augen. Denn – um im Vergleich mit den deutschen Wutbürgern zu bleiben – Bilgili Üretmen rangiert in der Wortwahl und der Polarisierung irgendwo zwischen Björn Höcke und Lutz Bachmann.

Menschenverachtende Äußerungen waren nur im Publikum unerwünscht

Die linke Dortmunder Lokalpolitikerin und Flüchtlingsaktivistin Fatma Karacakurtoglu gab kräftig Contra.

Die linke Dortmunder Lokalpolitikerin und Flüchtlingsaktivistin Fatma Karacakurtoglu gab kräftig Contra.

Zwar ist seine Reichweite und seine Bedeutung weit geringer. Doch der gefährliche Unterschied: Üretmen spricht vor allem junge Deutschtürken an – nicht nur in Dortmund. Einige von ihnen waren auch im Saal.

Organisator El-Mafaalani war dankbar, dass sein Gast nicht für die Veranstaltung mobilisiert hatte. Dies hätte den Abend stimmungsmäßig kippen können, betonte der Moderator auf der Bühne. Man war trotzdem auch auf Eskalationen eingestellt, was die Zahl der Sicherheitsleute im Saal deutlich machte.

Irgendwie absurd, dass am Eingang des Dietrich-Keuning-Hauses ein Schild auf das Hausrecht der Stadt Dortmund hinweist und deutlich macht, dass Personen, die rechtsextremen Organisationen angehören (…) oder durch rassistische, nationalistische (…) oder sonstige menschenverachtende Äußerungen aufgefallen sind, von der Veranstaltung ausgeschlossen werden“ könnten. Dies gilt aber offenbar nicht für Menschen auf dem Podium.

Das Gute: Insgesamt war es eine im Vergleich nur mäßig besuchte Veranstaltung, was natürlich an der vergleichsweise geringen Bekanntheit der Talk-Gäste lag. Die Dortmunder Kommunalpolitikerin Fatma Karacakurtoglu machte bei dem Streitgespräch eine gute Figur. Immer wieder hielt sie mächtig dagegen und führte den Dampfplauderer und Erdogan-Versteher ein ums andere Mal inhaltlich vor.

Interessante Frage: Kann eine „beleidigte Leberwurst“ als Vorbild dienen?

Nordstadt-Pirat David Grade brachte den provozierenden Blogger aus der Fassung.

Nordstadt-Pirat David Grade brachte den provozierenden Blogger aus der Fassung.

Dabei wurde deutlich, dass der Blogger Bilgili Üretmen, mit seinen rund 36.000 Fans bei Facebook im Rücken, zwar Alles und Jeden kritisieren und mächtig austeilen, aber wenig einstecken kann – wie sein türkischer Präsident.

Nordstadt-Pirat David Grade brachte es mit seiner Frage auf den Punkt: „Kann eine beleidigte Leberwurst als Vorbild für frustrierte deutschtürkische Jugendliche dienen?“ Nein. Kann er nicht. Zumindest das gibt Üretmen auch zu.

Er ist Teil des Problems und nicht der Lösung. Öl ins Feuer zu gießen ist billig und einfach und hilft den Türkeistämmigen, die sich teils zurecht ausgegrenzt und in Deutschland nicht wert geschätzt fühlen, auch nicht weiter.

Fatma Karacakurtoglu setzte dagegen die richtigen Akzente: Anders als den Schreihals und seine Facebook-Videos muss man die türkischstämmigen Jugendlichen, ihre Sorgen, ihre Wut und teils berechtigten Vorbehalte gegenüber der deutschen Gesellschaft ernst nehmen.

Wir müssen mit ihnen arbeiten, ihnen Perspektiven aufzeigen und helfen, dass sie ein selbstbestimmtes und erfolgreiches Leben in Deutschland bekommen, welches sie dann – inklusive der demokratischen Werte – auch zu schätzen wissen. Doch zu mehr als zwei Sätzen am Ende der zweieinhalbstündigen Veranstaltung reichte es nicht. Konstruktive Vorschläge des Bloggers? Natürlich Fehlanzeige.

Über das Thema – die Folgen des Referendums für das Zusammenleben im Ruhrgebiet – wurde übrigens fast gar nicht gesprochen. Es war ein relativ wirres und schwer verdauliches Diskutieren über die politischen Verhältnisse in der Türkei – aufgeladen mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, Lobeshymnen und unbewiesenen Tatsachenbehauptungen.

Moderator Aladin El-Mafaalani kam in der Diskussion zeitweise kaum dazwischen und schaffte es nicht, einen roten Faden in die Veranstaltung zu bringen und auf das eigentliche Thema zurückzuführen, was mehrfach aus dem Publikum angemahnt wurde.

Schwer verdauliche Veranstaltung, bei der viele Fragen offen bleiben

Sehr emotional und wütend reagierten viele der Gäste auf die Äußerungen des Bloggers.

Sehr emotional und wütend reagierten viele der Gäste auf die fragwürdigen Äußerungen des Bloggers.

Für außenstehende ZuhörerInnen war die Veranstaltung daher teils kaum nachzuvollziehen und schwer verdaulich. Dies wurde an den teils sehr emotionalen Zuschaueräußerungen deutlich, die sich durch Üretmen verunglimpft oder regelrecht verarscht sahen.

Und das von einem Talk-Gast, der beharrlich leugnete, dass politische Gegner und Andersdenkende in der Gefahr leben, entlassen, verfolgt, inhaftiert oder an der Ein- bzw. Ausreise gehindert zu werden, wenn sie unter Terrorverdacht gestellt werden.

Was nehmen wir von der Veranstaltung mit? Die Fronten sind verhärtet. Das war auch vorher klar und als Erkenntnis wenig überraschend. Und dass der Moderator am Ende resümierte, dass die Veranstaltung am Ende „gar nicht so schlimm wurde, wie er morgens befürchtet“ hatte, war zwar witzig gemeint, aber eigentlich eine Farce.

Was bleibt? Dortmunder „Gutmenschen“ wissen nun, dass es einen lautstarken und überraschend dünnhäutigen türkischen Blogger gibt, der Kritik weglächeln und ignorieren kann, bei unangenehmen Fragen sofort in den Angriff übergeht und selten inhaltlich konstruktive Beiträge liefert.

Doch entscheidende Fragen  – nämlich nach den Folgen für das Zusammenleben der Deutschtürken im Ruhrgebiet – bleiben unbeantwortet. Schade. Das Thema ist wichtig und hätte mehr verdient als diesen Abend. Ganz abgesehen davon, dass man nicht jedem Facebook-Hetzer auch im realen Leben eine Bühne geben muss. Ich bin gespannt auf die nächste Veranstaltung.

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