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Interaktion, Engagement, Vielfalt in Problemquartieren: Aktive diskutieren im Keuning-Haus über gelingende Integration

Von Thomas Engel

Die Bedingungen von Integration und Desintegration in sozialen Problembezirken standen bei einem vom Planerladen e.V. in Zusammenarbeit mit dem Keuning-Haus-Dortmund organisierten World Café im Mittelpunkt. Professionell und ehrenamtlich Aktive in der Stadtteilarbeit diskutierten gemeinsam.  Es ging speziell um Sozialräume mit einem hohen Anteil von BewohnerInnen, die Hilfe benötigen.

Hintergrund der Veranstaltung: Wissenschaftsprojekt zur Stadtteilintegration

Eingeladen wurde zu der Dialogveranstaltung vor dem Hintergrund eines gemeinsamen Forschungsprojekts des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS), des Geographischen Instituts der Ruhr-Universität Bochum und des Planerladen.

Beauftragt wurde das Vorhaben vom gemeinnützigen Düsseldorfer Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW), das vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW gefördert wird. Es zahlt also letztlich der Bund.

Die Motivation des Forschungsvorhabens entstammt folgender Problematik: Welche Randbedingen fördern die Integration in Problemvierteln?

Gängige stadt- und wohnungspolitische Integrationsstrategien – nicht nur in der Bundesrepublik – basieren auf der Annahme einer sozialen Annäherung unterschiedlicher Kulturgruppen und sozialer Lagen von Bewohnern in benachteiligten Stadtteilen, -quartieren und -bezirken durch ihre schlichte räumliche Nähe.

Es gibt aber empirische Hinweise darauf, dass dies kein Automatismus ist. Vielmehr scheint die Interaktionsqualität von an einem Ort zusammenlebender Menschen, d.h. vor allem ihr solidarisches Verhalten untereinander abhängig zu sein von den dort vorhandenen Institutionen und den Gelegenheiten zur Kommunikation.

Der Grundgedanke der laufenden Untersuchung lautet demnach, vereinfacht gesagt: Da die Nachbarschaft unterschiedlicher Menschen nicht zwangsläufig soziale Nähe bedeutet – was ist es dann, was diese Menschen, die im Prinzip Tür an Tür wohnen, zusammenbringt? Und: Wie kann dies bewerkstelligt werden?

Beziehungen zwischen BewohnerInnen verschiedener Herkunft und Soziallagen

Es soll in dem Projekt also versucht werden, belastbare Erkenntnisse dafür zu liefern, welche genauen Rahmenbedingungen in sozialen Problemräumen geeignet sind, soziale Beziehungen zwischen den Bewohnern verschiedener Herkunft und Soziallagen in einem positiven Sinne zu fördern. Wie kann der Transfer von sozialem Kapital, d.h. von Ressourcen (Kompetenzen, Hilfe usf.) zwischen ihnen gestärkt werden? Welche Faktoren behindern ihn?

Identifiziert werden sollen mithin Mechanismen und Institutionen sozialer (Des-)Integration, die Hinweise auf Handlungserfordernisse für interessierte Stadtteil-Akteure zur Stärkung sozialer Interaktion und damit zur Förderung von guten Nachbarschaften und Wohnzufriedenheit erhalten.

Teil des Projektes sind neben quantitativen Befragungen und qualitativen Interviews in den Dortmunder Quartieren Hafen/Nordstadt und Scharnhorst-Ost lokale Dialogformate – wie nun am Dienstag geschehen mit dem World Cafe im Keuning-Haus.

Dort wurden demnach formelle (staatliche) und informelle (nicht-staatliche) Akteure zusammengeführt, um ihre individuellen Erfahrungen zu diskutieren. Idealtypisch sollten im Ergebnis einige konkrete Ansatzpunkte für zukünftige kommunalpolitische Interventionsansätze identifiziert werden können.

Diskussionen in wechselnden Kleingruppen nach themenspezifischen Einführungen

Neben anwesenden Vertretern des Projektverbundes folgten der Einladung in der Nordstadt oder Dortmund-Scharnhorst professionell tätige Akteure aus sozialen und Bildungsinstitutionen, Akteure der Stadt Dortmund und Aktivisten von Initiativen und in Netzwerken im Dortmunder Norden und/oder Scharnhorst.

Diskutiert wurden in wechselnden Kleingruppen nach einer jeweils themenspezifischen Einführung der Moderation und entsprechend der Zielsetzung des Projektes drei besondere Problemaspekte: „Zusammenkommen – Interaktion und Austausch im Stadtteil“, „Aktiv sein und Engagement zeigen – Akteure vor Ort“, und „Heterogenität – Umgang mit Vielfalt“.

Die Resultate der Debatten an den Thementischen waren nicht immer eindeutig und werden zukünftig systematisiert und auswertend auf die Thesen, die das Projekt motiviert haben, bezogen werden müssen. (Wer bis hierhin gelesen hat und sich als erster meldet, bekommt vom Autor ‘ne Pulle Sekt.) Im Folgenden eine kurze Skizze der Schwerpunkte dessen, was an den einzelnen Tischen diskutiert wurde.

Problemaspekt (1): „Zusammenkommen – Interaktion und Austausch im Stadtteil“

Der öffentliche Raum kann ein Ort der Begegnung sein. In ihm können Ressourcen transferiert werden. Daher kommt ihm eine Kompensationswirkung zu. In diesem Sinne fungiert er als Ort sozialer Befriedung. Menschen können dort aber auch Konflikte austragen oder schlicht aneinander vorbeigehen.

Eine Vielzahl von Angeboten und Einrichtungen stellt sowohl Bewegungs- wie Rückzugsmöglichkeiten dar. Auf der Ebene von Familie und Community findet ein wichtiger Transfer von Ressourcen statt.

… und deren Grenzen: Mangel an subjektiven wie objektiven Ressourcen

Kritisch ist hier nach Auffassung verschiedener Teilnehmer zu bemerken: Dort, wo Menschen benachteiligt sind, d.h. wenig Perspektiven und Ressourcen haben, können sie sich nicht gegenseitig helfen. Mangels potentieller Vergabe- bzw. Tauschmasse. Hier sind es dann lokale Initiativen als Anlauf- und Treffpunkt, die konkrete Hilfen vor Ort leisten.

Des Weiteren: Warum sollten Menschen überhaupt Kontakt zueinander haben, solange es keine Konflikte gibt? Ferner ist es nicht ungewöhnlich, dass Subkulturen und ethnische Gruppen untereinander in der Regel solidarischer agieren als gegenüber gruppenfremden Personen. Parallelgesellschaften sind kein Problem an sich.

Schließlich: Es gibt in Problemvierteln eine Reihe objektiver Faktoren, die sich sozialplanerischem Handeln weitgehend entziehen. So fehlen beispielsweise Jobs für die dort vorhandenen Qualifikationen. Oder: Probleme bei der Wohnungssuche von sozial Deprivilegierten resultieren nicht nur aus einem Mangel an Wissen, sondern ebenso daher, dass in Dortmund das untere Marktsegment bei Wohnungen schlicht dicht ist.

Problemaspekt (2): Aktiv sein und Engagement zeigen – Akteure vor Ort“

Ehrenamtlich tätige Menschen sind nicht unbedingt ressourcenstark, so betonten einige Teilnehmer. D.h.: Das, was sie anderen Menschen durch ihr Engagement geben können, ist auf den ersten Blick eher wenig. Es fehlt an Kompetenzen. Aber: Erstens stabilisieren sie sich durch ihren Einsatz für andere selbst, zweitens ist kaum abzuschätzen, was mittel- bis langfristig die Wahrnehmung eines „guten Willens“ bewirkt.

Problematischer ist, dass für viele Menschen der Projektcharakter von Beratungs- und Hilfsangeboten den Überblick darüber erschwert, wo sie Unterstützung bekommen können. Dann suchen Hilfsbedürftige beispielsweise vergeblich nach alten AnsprechpartnerInnen, die mit dem Projektende verschwunden sind.

Im Zweifelsfall findet Unterstützung dann abseits sozialer Einrichtungen statt. Hier aber in eigenen Strukturen, über die es teilweise wenig konkretes Wissen gibt.

Was muss sich ändern? Kritische Fragen und Gedanken

Stabilität wird durch Regelfinanzierung geschaffen. Beispiele dafür wurden aus Scharnhorst genannt. Trotz wechselnder Akteure bleiben Arbeitskreise/Anlaufstellen erhalten. Wie ist eine dauerhafte finanzielle Sicherung von Hilfsinstitutionen zu erreichen?

Gerade im Dortmunder Norden gibt es eine Balance zwischen alteingesessener und zugewanderter Bevölkerung. Müssen Hilfsangebote hier nicht gruppenspezifisch zugeschnitten werden?

Ist die hohe Fluktuation im Dortmunder Norden nicht auch positiv zu sehen? Als Anlaufquartier für Neuankommende, in dem andere Menschen aus ihrem Kulturkreis bereits Fuß gefasst haben und damit eine informelle Unterstützungsstruktur für sie bereitstellen.

Und schließlich: Muss professionelle Hilfe sich hier darauf nicht als eine Art Fluktuationsmanagment stärker ausrichten? Also eher als „soziales Reisebüro“ fungieren, als beständig zu versuchen, möglichst alle Menschen zu erreichen?

Problemaspekt (3): „Heterogenität – Umgang mit Vielfalt“

Gerade für viele ältere Menschen, so berichteten einige Aktivisten, sei ihr angestammter Stadtteil „fremd“ geworden. Vielfalt bedeutet für diese Generation vor allem Angst und Unsicherheit. Und Überforderung: denn nichts ist mehr so, wie es mal war.

Die Erhaltung von (kultureller) Vielfalt stellt sich dagegen automatisch ein: durch das Kommen und Gehen von Menschen(-Gruppen). Das aber birgt auch Gefahren: Häufig folgt das Verlassen des Stadtteils einem sozialen Aufstieg. Bei Familien oft mit dem Motiv verbunden, dass ihre Kinder nicht in problembelastete Bildungsinstitutionen des Stadtteils angemeldet werden sollen. Zurück bleiben dann die „Prekären“.

Andererseits gibt es auch immer wieder MigrantInnen, die nach dem Verlassen der Nordstadt dorthin aus südlichen Stadtteilen wieder zurückziehen. Aus dem bemerkenswerten Grunde, weil die Erfahrungen von Toleranz und Anerkennung im Norden Dortmunds größer als in den südlichen Vororten sind.

Das liebe Geld – oder: seltsame Logiken der Projektfinanzierung

Wiederholt wurde von den Teilnehmern auf Defizite bei den Finanzierungsstrukturen für Beratung/Hilfe einerseits, für Projekte andererseits aufmerksam gemacht.

Häufig sind Beratungsstrukturen nämlich an Projekte gebunden. Deren Finanzierungslogik aber steht häufig quer zu den Beratungsbedarfen. Finanziert wird beispielsweise auf der Basis kommunalpolitischer Entscheidungen. Oder weil die Mitarbeiter in einem Projekt rechtzeitig vor dessen Ablauf die projekteigene Fragestellung, Zielsetzung etc. so kreativ nuanciert haben, dass sie eine Anschlussfinanzierung erreichen können (sog. Selbsterhaltungsprojekte).

Einig waren sich die Teilnehmer, dass neben dem Ausbau der Beratungs- und Hilfsstrukturen vor allem deren Verstetigung enorm wichtig ist. Denn soziale Stabilität heißt auch: eine Kontinuität von Hilfsangeboten, ihre Verlässlichkeit.

Mit anderen Worten: die komplizierte Förderlogik darf die langfristige Finanzierung von Beratungsangeboten nicht verhindern. Die entscheidende Forderung in diesem Zusammenhang lautet demnach: Entkoppelung von Beratungs- und Projektstrukturen.

Integrationsleistung des Dortmunder Nordens für die Gesamtstadt

Nach so viel Meckerei abschließend und zur Abwechslung wie zur Motivation zukünftiger Aktivisten noch etwas Positives:

Bei allen ungelösten Problemen – von vielen Teilnehmern wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass bereits mit der bestehenden Struktur an Beratungs- und Hilfsangeboten, zumindest was den Dortmunder Norden betrifft, eine für die Stadt Dortmund insgesamt kaum zu unterschätzende Integrationsleistung vollzogen wird.

Mit anderen Worten: Ohne die differenzierte und in einem beträchtlichen Maße greifende Struktur sozialer Hilfsangebote in der Nordstadt, ohne die vielen sich dort engagierenden Aktivisten hätte Rest-Dortmund ein Problem. Welcherart, kann sich jeder selbst ausmalen. Kleiner Tip: Befriedung sähe anders aus.

Auch deshalb mögen dem Projekt – bei allen offenen und fehlenden Fragen, methodischen wie methodologischen Problemen, zwischen Zeitdruck und penetrantem Papierkram zum Nachweis der Erfüllung von genehmigten Vorhabensbeschreibungen und einigem mehr – mindestens bescheidene Erfolge gelingen.

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