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Ich bin doch nicht verrückt?! – Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt standen in der DASA im Mittelpunkt

Markus Kurth (links) ist Schirmherr des Kompetenznetzwerkes und beleuchtete die politische Seite des Themas.

Von Leopold Achilles

Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt waren in Dortmund-Dorstfeld Thema, als sich mehr als 100 Interessierte in der Deutschen Arbeitsschutzausstellung (DASA) einfanden. Gemeinsam mit dem Chefarzt der LWL Klinik und einem ehemaligen Erkrankten verfolgte die Arbeitsagentur das Ziel den Gästen, des so genannten „Business Talk“, Antworten auf Fragen zu geben wie „Wovon ist eigentlich die Rede, wenn wir von psychischen Erkrankungen sprechen?“ und „Ist es nicht ganz gut ein wenig verrückt zu sein?“.

Ein kurzer Test entlarvt die Stress-Anfälligkeit – Thema aktiv und positiv angehen

Markus Kurth (links) ist Schirmherr des Kompetenznetzwerkes und beleuchtete die politische Seite des Themas.

Ein ernstes Thema, das zu Beginn amüsant eingeleitet und zur Auflockerung während des Vortrages von zwei Schauspielern mit Improvisationstheater untermalt wurde.

Die wirklich interessanten Informationen kamen dann am Dienstag, den 20. Juni, aber von Professor Hans-Jörg Assion und Thomas Müller-Rörich, der als Unternehmer und ehemals Betroffener seine ganz eigenen Erfahrungen mit der Krankheit schilderte. Außerdem sprachen die Geschäftsführerin der Dortmunder Arbeitsagentur, Martina Würker, sowie der Bundestagsabgeordnete Markus Kurth, die das Thema auch politisch beleuchteten.

Der Chefarzt der LWL-Klinik in Dortmund-Aplerbeck führte die ZuhörerInnen nach der Begrüßung von Martina Würker mit einem einfachen Test in das Thema ein und zeigte simple Beispiele auf, wie es für jeden von uns möglich ist Stress zu erkennen und das Thema aktiv und positiv anzugehen.

Der „Test für ihre Stressanfälligkeit“, ausgedruckt auf einen Din-A4-Blatt, lag auf jedem der Stühle im Vortragssaal der DASA. Zwölf Fragen, die jeweils mit null bis zwei Punkten bewertet werden sollten – „Haben Sie mehr als zehn Punkte?“ hieß es am Ende des Testes. Mehr als zehn Punkte bedeutet ein erhöhtes Stresslevel zu haben.

Die Botschaft: Häufiger hinterfragen, ob der Stress lohnt

Entscheidungen zu treffen, die das Stresslevel nicht erhöhen, sondern senken, seien wichtig. Achtsamkeit sei dabei ein herausragendes Thema, so der Klinikleiter. „Es gibt Dinge, die sollten wir zu hundert Prozent tun“ schildert er. „Bei anderen sollten wir uns öfter fragen, ob es den Stress wert ist?“ Der ärztliche Direktor erinnerte an die technische Entwicklung und die damit immer schneller werdende Welt, die den menschlichen Organismus überfordern kann.

Über das, was es heißt, depressiv zu sein oder anders gesagt, an Burnout zu leiden, berichtete Thomas Müller-Rörich. Er ist Mitte der 90er Jahre selbst an einer Depression erkrankt und hat die Krankheit inzwischen bezwungen.

Müller-Rörich hat mit weiteren Betroffenen ein Buch geschrieben, einen praxisnahen Ratgeber, der Betroffenen, Angehörigen sowie Fachleuten einen authentischen Einblick in dieses schwer zu verstehende Krankheitsbild ermöglicht und die Krankheit aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet („Schattendasein: Das unverstandene Leiden Depression“ erschein 2013 im Springer Verlag).

Der Arbeitsplatz begünstigt häufig die Entwicklung von Depressionen

Prof. Dr. Hans-Jörg Assion während seines Vortrags in der DASA.  Fotos: Leopold Achilles

Es sollte im Interesse des Arbeitgebers liegen, bestimmte Belastungsfaktoren im Beruf, die die Entwicklung von Depressionen begünstigen können, zu erkennen und dann verantwortungsvoll mit der Situation umzugehen, so Müller-Rörich. Hilfe ist in der Regel nicht weit entfernt. Hausärzte sind die einfachste und vielleicht, zu Beginn, beste Anlaufstelle für Depressionen und Psychische Erkrankungen.

Häufig bleiben diese Art von Krankheiten aber im Verborgenen und sind nicht leicht zu erkennen. Der Unternehmer sagte ganz klar, dass es auch an den Patienten liege, sich behandeln zu lassen oder eben nicht. Auch das Gespräch mit dem Arbeitgeber ist eine Möglichkeit. Häufig kein leichter Schritt.

Als Coach schult Müller-Rörich inzwischen Unternehmen im Umgang mit genau dem Thema: „Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz“. Er unterstützt dabei Personen, für die das Thema neu ist, wie auch solche, die bereits Erfahrung damit haben, wie zum Beispiel Polizisten oder Lokführer.

Viele Berufsgruppen sind im normalen Arbeitsalltag starken emotionalen und psychischen Belastungen ausgesetzt und besonders hier besteht Handlungsbedarf.

Gesundheitsreport dokumentiert steigende Zahlen – psychische Erkrankungen auf Platz 2

Klar ist, dass die Relevanz psychischer Erkrankungen steigt. Analysen, wie der Gesundheitsreport 2016 der Krankenkasse DAK-Gesundheit belegen, dass trotz rückläufiger Krankenstände in den letzten Jahren der relative Anteil psychischer Erkrankungen am Arbeitsunfähigkeitsgeschehen stetig wächst.

Er kletterte in den vergangenen 40 Jahren von zwei auf aktuell gut 15 Prozent. Damit sind psychische Erkrankungen die zweithäufigste Diagnosegruppe. Die Krankenkasse warnt, dass die psychischen Leiden auf bereits hohem Niveau weiter zu nehmen.

Markus Kurth, Bundestagsabgeordneter und Schirmherr des Kompetenznetzwerkes für Menschen mit Behinderung, betonte, dass noch immer zu viele Personen mit psychischen Erkrankungen in die Erwerbsminderungsrente gehen, ohne vorher eine Präventions- oder Rehabilitationsmaßnahme in Anspruch genommen zu haben. Und, dass Prävention und Rehabilitation gestärkt werden müssen.

Das Kompetenznetzwerk für Menschen mit Behinderung

Unter Federführung der Agentur für Arbeit, die sich mit ihrem Ärztlichen Dienst und dem Berufspsychologischen Service sowie dem Technischen Beratungsdienst beteiligt, hat sich Ende 2013 das Kompetenznetzwerk für Menschen mit Behinderung gegründet. Es fördert den Austausch in Dortmund zwischen Unternehmen, Institutionen und weiteren Akteuren des Arbeitsmarktes.

Die Mitglieder des Kompetenznetzwerkes möchten durch Beratung, Information und Weitergabe ihrer Erfahrungen die Inklusion stärker in den Fokus rücken und bei der Integration in die Arbeitswelt Hilfestellung leisten. Interessierte sind herzlich eingeladen, dem Netzwerk beizutreten:

Weitere Informationen:

 

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