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Gysi beim Neujahrsempfang der Linken & Piraten im Interview: Viel an politischer Substanz, aber auch viel Caféhaus-Talk

Gregor Gysi erwies sich als Besuchermagnet. Fotos: Leopold Achilles

Gregor Gysi erwies sich für Linke und Piraten als Besuchermagnet. Fotos: Leopold Achilles

Von Thomas Engel

Eine knappe Stunde mit Gregor Gysi beim Neujahrsempfang der Linken & Piraten im Dortmunder Wichernhaus. Im Bühnen-Interview zeigt der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag nachdrücklich, was er drauf hat – und, wo es vielleicht noch Luft nach oben gibt.

Geballte politische Erfahrung eines linken Aktivisten im Wichernhaus

Gregor Gysi erwies sich als Besuchermagnet. Fotos: Leopold Achilles

Gregor Gysi erwies sich als Besuchermagnet. Fotos: Leopold Achilles

Gregor Gysi ist mittlerweile ein viel gefragter Mann. Der mediale Hype um den ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Linken im deutschen Bundestag wird keineswegs schwächer. Gerade erst jetzt nicht, wo er vor einigen Tagen seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert und dazu noch eine 600 Seiten starke Autobiographie vorgelegt hat („Ein Leben ist zu wenig“). So einer muss was zu erzählen haben.

Eine Stunde war für das Interview mit ihm beim Neujahrsempfang der Dortmunder Linken & Piraten eingeplant – und dabei bleibt es. Pünktlich zieht er durch die Hintertür wieder von dannen, wahrscheinlich zum nächsten Termin. Für die Masse an politischer Erfahrung, die jemand aus einem guten Jahrzehnt harter Arbeit als Repräsentant der Linksfraktion mitbringen und verteilen kann, ist „ein Leben“ vermutlich wirklich etwas knapp bemessen.

Sofern er denn bei einem aufmerksamen Publikum Gehör findet. Und das konnte an diesem Abend im Wichernhaus mit einem fast Heimspiel – vor 150 gemeldeten Gästen der linken Szenerie aus Dortmund und Umgebung (auch SPD-, Grünen- und GewerkschaftsvertreterInnen waren dabei) – natürlich nicht anders sein. Ohne allerdings größere Begeisterungsstürme auszulösen. Aber die waren mit dem Veranstaltungsformat wohl auch gar nicht eingeplant.

In Endlosschleifen geht es ums Politisch-Persönliche herum

Früher, in der Nachkriegszeit stellten Kinder ihren Eltern typischerweise irgendwann keine Fragen mehr: weil sie ihnen nicht vertrauten, keine Antworten oder Ohrfeigen bekamen. Seit knapp 50 Jahren dürfte es viele Eltern geben, denen ihre Kids deshalb keine Frage mehr stellen, weil sie nicht nur auf alles eine schlagkräftige Antwort haben, sondern die Auskünfte darüber hinaus so exzessiv sein könnten, dass es schnell öde zu werden droht.

Letzteres war beim Interview freilich nicht der Fall: dafür ist Gysi zu spitzfindig, schlagfertig, ironisch – kurzum, unterhaltsam. Trotz all seiner Abschweifungen, oder gerade deswegen.

Meist mit humorvollem Unterton, ohne eine gewisse Ernsthaftigkeit zu verlieren, rudert er unbekümmert durch die verschiedenen Themenbereiche, die der Interviewer anspricht, oder setzt sie gleich lieber selbst auf die Tagesordnung: „Wenn Sie Fragen nicht gestellt bekommen, müssen Sie übertrieben antworten“, erklärt er etwa bescheiden sein Statement, dass er – bei einer hypothetischen Regierungsbeteiligung der Linken – kein Minister werden wolle, sondern allenfalls Bundeskanzler.

Witzelt mit Selbstironie („Je älter ich werde, desto öfter krieg‘ ich Alkohol geschenkt“) und gerne über andere (bei einem erotischen Verhältnis zur Schwarzen Null könne man der Vernunft nicht zugänglich sein). Bestärkt sich (Ob noch kein bisschen müde, auch nicht von der Politik? – „Ich kann überall schlafen“) und hat sich unverkennbar sehr lieb.

Erzählt Anekdötchen um Anekdötchen, verliert aber nie wirklich ganz den Faden. Spricht wie ein Uhrwerk, zwar nicht monoton, aber in gefühlten Endlosschleifen, so dass es dem Interviewer sichtlich schwer fallen muss, dazwischenzukommen, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

Unermüdlicher Einsatz für die rechte Sache auch dort, wo es weh tut

Sechs Leben habe er schon geführt, erklärt Gysi, angesprochen auf seine voluminöse Autobiographie. Nummer fünf und sechs: Vom Gescholtenen und Abgelehnten zum Medienstar. Den Übergang sieht er in seiner preußischen Sturheit. So habe er einmal zu einem Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gesagt: „Wenn Sie von Anfang an netter zu mir gewesen wären, wären Sie mich schon lange los.“

Und in so vielen Talkshows sei er gewesen, weil er für seine Partei und sich um Akzeptanz gekämpft habe. Ansonsten sei es dort wegen des Zwangs zu kurzen Statements ziemlich oberflächlich zugegangen. – Aber hier beim Interview im Wichern-Kulturzentrum der Dortmunder Nordstadt kann er selbstverständlich wie in einem Caféhaus unbesehen in einen jovialen Erzählmodus wechseln, damit es auch wirklich alle verstehen.

Macht nichts: Der Mann kann reden und es macht Spaß, ihm eine Weile zuzuhören. Es entsteht jedoch auch der Eindruck, dass Gysi mit seinen Antworten ein variables Programm abspult, das er als „Rampensau“ in- und auswendig kennt und beliebig wie geistesgegenwärtig nach den Erfordernissen der Situation nuancieren kann.

Weswegen, erstens, die Wortfülle seiner Antworten nicht immer in einem klaren Bezug auf die ihm gestellten Fragen steht. Und, zweitens, seine Stellungnahmen an diesem Abend zu verschiedenen Themen (wie etwa zu Europa) inhaltlich wie von der Diktion her nahezu deckungsgleich in vielen Interviews sich finden.

Lockere Argumentationsfiguren führen Gysi zuweilen in Sackgassen

Sein zuweilen locker assoziatives Denken in der entspannten Atmosphäre unter FreundInnen bringt ihn ab und an gar zu etwas merkwürdigen Argumentationsfiguren. Als es etwa um das Altern, um sein Alter ging: Toleranter, nachsichtiger würde man dann werden, „weil man besser zwischen Wesentlich und Unwesentlich unterscheiden“ könne. Es im Alter passiere, dass in einem die (rhetorische) Frage hochkäme, womit um alles in der Welt habe man in jungen Jahren bloß seine Zeit verbracht, wo andere Dinge für einen viel wichtiger gewesen wären.

Einstellungen und Wertzuschreibungen ändern sich aber über die Lebensspanne in einigen Bereichen immer, sonst wäre es sinnlos von Entwicklung zu sprechen. Jemand mag nun später geladen mit Ressentiments zurückblicken oder ohne auskommen – nur in letzterem Fall kann von Nachsicht, nämlich jener gegenüber sich selbst als einer Tugend aus Not die Rede sein. Oder von Altersmilde durch Weisheit oder Testosteronabnahme, wie auch immer.

Oder wenn er die aufsteigende Tendenz seiner Fremdbewertungen auf einer bipolaren ZDF-Rating-Skala (-/+ 5) von Minus-drei-Komma-Irgendwas zu positiven 0,9 beschreibt und daraus genialerweise schlussfolgert, „dass dann schon mehr als die Hälfte eher positive Werte abgaben.“ Aber, was soll‘s: hauptsache, die Leute lachen oder klatschen irgendwann.

Politische Inhalte und der Caféhaus-Stil des schönen Scheins – wieweit verträgt sich das?

Zweifelsfrei hat das Alter seine Vorteile: Seine Kinder hätten gesagt, er habe zwar nicht mehr Zeit als damals, als er noch Fraktionsvorsitzender war, aber er höre mehr zu. Weil er Verantwortung abgegeben habe und daher sein Kopf frei sei, so Gysi. Und dann erklärt er dem Publikum (und diesmal wirklich in brillanten Redewendungen), weshalb er nicht mehr Zeit habe, Termine sich weiter jagten usw. – aber wen interessiert das?

Natürlich sollen hier nicht die großen Verdienste Gysis um die Entwicklung der Linken innerhalb der Bundesrepublik geschmälert werden. Noch Konsistenz und Inhalte seiner politischen Positionen. An ihnen dürften sich so manche Möchte-gern-Linke eine dicke Scheibe abschneiden. Noch sein Engagement für die Sache. – Aber ein bisschen weniger Ego-Veranstaltung im Caféhaus-Stil dürfte es schon sein.

Das Kokettieren mit dem Wohlwollen der ZuhörerInnen, weil deren Herz wie seines am rechten Fleck schlägt, nämlich links, damit diese bei jedem Witzchen applaudieren – das hat auch etwas von: mit dem schönen Schein zu blenden, statt trennscharfe Inhalte zu debattieren. Denn es ist ja nicht so, als hätte er politisch nichts zu sagen.

Den Zeitgeist verändern, um konkrete politische Forderungen durchsetzen zu können

Das wenigste davon noch, weil den ZuhörerInnen bekannt: viel verbürgte linke Theorie – etwa zur Sonderrolle Deutschlands über die verspätete Entwicklung zum Nationalstaat, dadurch wenig Kolonien und der Wunsch nach Neuaufteilung der Welt mit den bekannten Weltkriegsfolgen usw. Gleiche Rente für gleiche Lebensleistung, gleicher Lohn und gleiche Arbeitszeit für Ost und West, Gleichstellung der Geschlechter, Rettung Europas für die Jugend usf. Und den Klimawandel möchte er auch noch verhindern.

Interessanter schon – auf die Frage, was ihn an der Politik antriebe? – „Den Zeitgeist zu verändern.“ Das ist freilich per se auch kein besonders neues Projekt. Andere sprechen von der Absicht, ein Umdenken in der Gesellschaft zu bewirken. Gemeint ist immer, Mehrheiten für das Grundlegende des eigenen politischen Denkens und dem daraus unmittelbar Folgenden zu gewinnen. Nicht für die Tagespolitik, sondern es geht um Einstellungen und Haltungen.

Ohne den Zeitgeist zu verändern, gäbe es „keine einzige politische Veränderung“; gelänge dies aber, könnten „sich selbst reaktionärste Politiker dem nicht entziehen.“ Dadurch sei es beispielsweise gelungen, den Mindestlohn einzuführen (den er natürlich als erstes gefordert hat) – und umgekehrt hätten es interessierte Kreise von Rechts geschafft, die Wahrnehmung in die Gesellschaft diffundieren zu lassen, dass es den Menschen in der Bundesrepublik zu gut gehe.

Dann kommt wieder ein argumentativer Überschlag, wonach niemand wirklich gefragt hatte: Weisheiten dazu, wie in der Politik Unliebsames eingeführt und durchgesetzt würde, nämlich bekanntermaßen scheibchenweise oder als beträfe es eigentlich nur die wenigsten. Und Gysi scheint wirklich davon überzeugt zu sein, etwas besonders Originelles zu erzählen.

Komplexe Themen mit Beispielen übersetzen und mit Humor vortragen

Was eine gute Bundestagsrede bräuchte, um zu wirken? In einem Satz bitte, Herr Gysi! – „Ja!“. Ein Satz?!, „Nein!“ (Gelächter): „Sie müssen übersetzen können und dürfen Ihren Humor nicht verlieren.“ Geht doch. – Dann die Erklärung: Übersetzen etwa mit einfachen Beispielen bei Debatten um kompliziert erscheinende juristische Sachverhalte („Veräußerungserlösgewinnsteuer“). Und mit Humor, indem er sich seinerzeit, zu Beginn seiner Rede im Bundestag dazu, selbst rhetorisch gefragt habe, ob er es denn verstanden hätte.

Oder beim debattierten Problem einer Privatisierung von Straßen, wenn er nach Ankündigung einer Drohung (und wahrscheinlich ziemlich süffisant) Schäuble gefragt habe, was der denn davon hielte, wenn er, Gysi, nun die Straße kaufte, in der Schäuble wohnt und dieser dann nur über eine Mautstrecke sein Heim erreichen könne? Und zudem in „Gysi Nr. 1“ wohne? Mit solchen Beispielen als Aufhänger, die natürlich beliebig erweiterbar sind, würde den Leuten klar, „dass es nicht geht.“

Einmal bei aktuellen Politikthemen angelangt, bekommen auch die Sozialdemokraten ihr Fett ab: die SPD verlöre mehr und mehr Alleinstellungsmerkmale, so Gysi sinngemäß. Die Unterschiede zur CDU schmölzen dahin. Eine GroKo bedeute Stillstand. Was wäre an einer Minderheitsregierung so schlimm gewesen?, fragt er.

Bundestagsdebatten würden endlich wieder interessant, es gäbe eine ganz andere Form von öffentlicher Debatte, ein Mehr an Demokratie. Oder warum nicht Neuwahlen? SPD, Grüne und Linke müssten sich in einem Wahlkampf „benehmen“ – für eine mögliche Mitte-Links-Koalition mit Konzept. Denn auch er wolle nicht, bei aller Kritik, dass die SPD unterginge.

Keine Angst vor einer Regierungsverantwortung, solange die Richtung stimmt

Politischer Elfmeter „soziale Gerechtigkeit“ – wieso verwandelt die Linke ihn nicht? Frage also: Warum keine linken Mehrheiten? – Dafür, so Gysi, gäbe es mehrere Gründe: Die Linke habe in der Geschichte versagt (die Untaten in ihrem Namen bleiben – bei aller Distanz – ihre Geschichte); die Linke würde nur in der Opposition als positiv und demokratisch bewertet; das Versagen des Staatssozialismus und das damit verbundene Vertrauensdefizit spielten eine Rolle.

Schließlich: Gerechtigkeitsargumente wie höhere Löhne zerbrächen an der Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, weshalb die Linke erklären müsste, „wie wir für eine funktionierende Wirtschaft sorgen.“

Falls es aber – rein hypothetisch – doch zu einer Regierungsbeteiligung der Linken kommen könne, wäre da immer noch in den eigenen Reihen Sorge, die eigene Identität durch die Übernahme von Regierungsverantwortung zu verlieren. Dafür habe er einen einfachen Maßstab, so Gysi: jeder Schritt müsse in die richtige Richtung gehen; er könne allenfalls kürzer sein, als gedacht. Entscheidend ist also die Passung zu den Parteiprinzipien.

Statt ein grundsätzliches Exportverbot von Waffen gleich zu erreichen, gibt Gysi ein Beispiel, könne in einem ersten Schritt zumindest ein solches Verbot etwa für Diktaturen und Krisengebiete durchgesetzt werden.

Haltung bewahren, statt unter Bedrängnis von eigenen Prinzipien abzurücken

Es komme darauf an, auch in schwierigen Situationen Haltung bewahren, für die eignen Überzeugungen einzustehen, erklärt Gysi hier ebenso überzeugend. Als beim damaligen Jugoslawien-Krieg und den Bombardements von Belgrad andere zu deren Rechtfertigung in einer Talkshow mit kontrafaktischen Behauptungen nur so um sich geworfen hätten – standhaft gegen den Krieg bleiben. Denn: „Das erste was stirbt im Krieg, ist immer die Wahrheit.“

Schließlich die vieldiskutierte Frage der Obergrenze für Flüchtlinge, die mittlerweile ja „auch der Oscar“ befürworte, so Gysi lästernd. Um dann genüsslich die kriterienfreie Willkür einer solchen Festlegung den ZuhörerInnen auseinander zu legen. – Zu kurz kommen bei seinen Ausführungen allerdings deutlichere Hinweise auf die Normativität, die der Festlegung einer Flüchtlingsobergrenze innewohnt. Zumal im Sondierungspapier vorgegaukelt wird, als wäre es (durch gewisse Maßnahmen) einfach so, dass nicht mehr MigrantInnen kämen.

Damit niemand sagen kann, das Grundgesetz würde mit einer Obergrenze infrage gestellt. Gysi holt noch weiter aus: Die soziale Frage sei keine nationale Frage mehr, sondern durch international agierende Konzerne zu einer Menschheitsfrage geworden, die nicht durch Abschottung gelöst werden könne, sondern allein und grundsätzlich durch Bekämpfung der Fluchtursachen. Stichwörter: eine andere Weltwirtschaftsordnung, keine Waffenexporte, keine Kriege oder die Unterstützung von Kriegsparteien.

Und dann war er wieder weg, der Gregor. Gerne wieder, aber vielleicht in einem anderen Format. Mit Möglichkeiten zu mehr Interaktion. Denn wie sagte er noch? Er habe im Alter das Zuhören gelernt.

Die zahlreichen Gäste waren größtenteils von Gregor Gysi begeistert. Foto: Klaus Hartmann

Die zahlreichen Gäste waren größtenteils von Gregor Gysi (etwas) begeistert. Foto: Klaus Hartmann

 

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