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Diskriminierungsfreie Willkommenskultur in der Pflege als neue Herausforderung bei der AWO in Dortmund

Die AWO thematisiert neue Herausforderungen in der Pflege. Fotos: Alex Völkel

Die AWO thematisiert neue Herausforderungen in der Pflege. Fotos: Alex Völkel

Von Alexander Völkel

Die Pflege musste sich immer auf neue Herausforderungen einstellen. Die Alten immer älter, das Thema Demenz bekommt mehr Raum. Auch das Thema Migrant*innen wird zunehmend wichtiger, weil die Generation der sogenannten „Gastarbeiter“ immer häufiger nicht mehr von ihren Familien betreut wird. Aber auch das Thema Diversität gewinnt an Bedeutung. Denn das traditionelle Bild von Ehe und Familie hat sich grundlegend geändert. Daher gewinnt der kultursensible Umgang mit den Menschen noch stärker an Bedeutung.

Offenheit für Diversität: AWO in Dortmund will die Vorreiterrolle nehmen

Richard Schmidt

Richard Schmidt

Denn wenn ein Frau ein Bild einer Frau auf dem Nachttisch stehen hat, muss dies nicht zwangsläufig die Schwester oder Mutter zeigen. Und auch nicht jede/r Bewohner*in kann Geschichten über Kinder oder Enkel zum Besten geben. Die AWO will sich diesem Thema stellen und auch hier eine Vorreiterrolle übernehmen, wie es so schon vor Jahrzehnten bei der Akzeptanz von Migrant*innen getan hat.

„Es ist für uns ein sehr wichtiges Thema, bei dem wir viele Leute an einen Tisch bekommen wollen. Wir als AWO sind für diverse Themen sehr offen“, betont Mirko Pelzer. Sowohl in der ambulanten wie auch der stationären Pflege will man sich diesem Thema stellen. Daher hat man jetzt andere Menschen und Organisationen eingeladen, um sich über Bedürfnisse und Anforderungen auszutauschen.

Einer von diesem Menschen ist Richard Schmidt (69). Er hat vor der Altersteilzeit 20 Jahre als Diplom-Pädagoge und Sozialarbeiter bei der Stadt Hagen gearbeitet. „Dort wollte ich nicht alt werden“, sagt er frei heraus. Der ehemalige Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins und stv. Vorsitzende des behindertenpolitischen Netzwerks setzte sich in Dortmund für vernünftige Strukturen für ältere Schwule und ein Wohnprojekt in Brünninghausen ein.

Diskriminierungsfreie Willkommenskultur ist das oberste Ziel der Anstrengung

Norbert Leschner

Norbert Leschner

Doch was ist, wenn das selbstbestimmte Wohnen in den eigenen vier Wänden nicht mehr geht und der Weg in eine Pflegeeinrichtung unumgänglich ist? „Meine Mutter ist selbst in stationärer Pflege. Daher weiß ich, was auf uns zu kommt“, berichtet Norbert Leschner, ein pensionierter Lehrer.

„Ich wünsche mir, dass ich gut und wohlwollend untergebracht werden kann, wenn ich nicht mehr alleine leben kann“, beschreibt Dieter Guhl, pensionierter Vermessungsingenieur, seine Hoffnung. „Wir wünschen uns eine stationäre Einrichtung mit einer diskriminierungsfreien Willkommenskultur“ – auf diesen einfachen Nenner bringt es Schmidt.

Gemeinsam mit seinen Mistreitern Leschner und Guhl ist er bei „Gay and Grey“, der Gruppe der älteren Schwulen aus dem KCR in der Nordstadt, aktiv. Sie hatten vor einigen Jahren das Thema Pflege auf die Tagesordnung genommen und sich gefragt, ob da überhaupt jemand kommen würde. Denn Schwule sind entweder jung – oder quasi unsichtbar.

Selbstbestimmt auch im Alter: Das Team braucht eine klare und deutliche Haltung

Mirko Pelzer

Mirko Pelzer

„Es war der bestbesuchte Abend, den wir je hatten“, berichtet Schmidt. Grund genug, daher das Gespräch mit der AWO zu suchen. „Diskriminierungsfreie Willkommenskultur ist zentral. Über alles andere können wir ins Gespräch kommen.“

Was gehört dazu? „Das Team braucht eine klare und deutliche Haltung. Wohl wissend, dass man es auch in unserer Generation mit Menschen in einem Haus zu tun hat, die mit schwul-lesbischen Lebensweisen nicht umgehen können.“

Es gehe natürlich nicht darum, diese von der jeweils anderen Lebensweise zu überzeugen. „Aber ich bin vielleicht mit 85 oder 90 Jahren nicht mehr in der Lage, mich zu wehren. Wenn ich hilfe- und schutzlos bin, möchte ich, dass bei Konflikten nicht wegguckt wird. Das ist der Hauptwunsch“, erklärt der blinde Schwulen-Aktivist.

Nicht Jeder und Jede in der Szene kann und will mit seiner Sexualität offen umgehen. Daher gibt es Menschen, die auch im Alter „nichts Spezielles“ wollen. Doch es gibt auch andere. „Das ist keine Kontroverse, sondern Wahlfreiheit.“ Das Neue an der Situation: „Wir sind die erste sichtbare Generation.“

Annette Sieberg:  „Wir hatten schon immer Schwule und Lesben im Personal.“

„Für mich war das nie ein Thema. Eigentlich ist es kein Thema“, gesteht Annette Sieberg, Leiterin der Seniorenwohnstätte in Eving und des AWO-Fachbereichs Senioren. Denn ein Problem sieht sie nicht: „Wir hatten schon immer Schwule und Lesben im Personal.“

„Das ist die Ideal-Situation. Jeder weiß es. So wie mit meiner Blindheit – das ist einfach so. Wir müssen einfach den Mensch in den Mittelpunkt stellen und nicht den Schwulen“, findet Richard Schmidt. Doch eine Selbstverständlichkeit ist das noch lange nicht: „Ich war als Lehrer geoutet. Es war aber wichtig zu wissen, dass man den Rückhalt bei Kollegen und Schulleitung hatte“, berichtet Norbert Leschner.

„Ich gehe mit meiner Homosexualität auch sehr offen um. In der Einrichtung gab es überhaupt keine Berührungsängste und ich habe in 20 Jahren nie eine Anfeindung erlebt“, ergänzt Pflegefachkraft Markus Schwarz. Er fühlt sich hier auf- und angenommen. „Das ist auch einer der Gründe, dass ich hier auch gerne arbeite. Ich werde gemocht wegen des Charakters, nicht wegen meiner Sexualität.“ Auch für seine Chefin ist das kein Thema: „Als ich hier begonnen habe, waren der Pflegedienst- und der Heimleiter schwul.“

Lebensgefahr für Schwule: „Sehen sie es uns nach, aber wir haben eine andere Zeit erlebt“

„Sehen sie es uns nach, aber wir haben eine andere Zeit erlebt“, erinnert Schmidt an die Verfolgung und Kriminalisierung von Homosexuellen. Männer – 15 oder 20 Jahre älter als er selbst –  hätten noch um Leib und Leben fürchten müssen.

„Die erste berufliche Erfahrung hatte ich bei den Falken. Da wussten es vielleicht zwei oder drei. Ich hätte als Leiter der RAA kein Bein auf den Boden bekommen. Als Jugendamts- oder Schulleiter ist das immernoch schwierig.“

Bei älteren Schwulen und Lesben gebe es eine besondere Schutzbedürftigkeit: „Das hat mit Lebenserfahrung oder Ängsten zu tun. Wir haben jetzt erst die Generation Stonewall, die älter wird“, erklärt Susanne Hildebrandt von der Koordinierungsstelle für Lesben, Schwule und Transidente der Stadt Dortmund.

Doch die Sichtbarkeit von älteren Schwulen, Lesben und Transidenten komme: „Das wird sich in den nächsten Jahren deutlicher werden. Die Zeit ist reif dafür“, glaubt Schmidt. Damit komme es auch zu anderen Themen in den Heimen. So wie bei seiner 90-jährigen lesbischen Nachbarin, die jetzt ins Heim umgezogen ist. „Ihr waren Möbel egal, aber ihre Fotoalben waren ihr wichtig. Die Bilder, die Biographie. Sie wird sichtbar – auch bei aufgehangenen Bildern.“

Achtsamkeitsbegleiter gegen Gewalt, Vernachlässigung, Ausgrenzung und Diskriminierung in der Pflege

Tom Sebastian

Tom Sebastian

Bei der AWO haben sie Strukturen geschaffen, die Gewalt, Vernachlässigung, Ausgrenzung und Diskriminierung in der Pflege verhindern sollen. „Im Mittelpunkt stehen sogenannte Achtsamkeitsbegleiter“, stellt Pflegedienstleister Tom Sebastian sein Konzept vor.

Es sind Menschen, die wachen und wachsamen Auges durch die Einrichtung gehen und auch bei Problemen ansprechbar sind. Bisher sei Homosexualität noch kein sichtbares Thema oder Problem gewesen.

Doch Vorurteile schon: „Wir Haben viele Mitarbeiterinnen mit Kopftuch und natürlich auch ,braune’ Bewohner“, betont Annette Sieberg. „Wenn ihnen das mit dem Kopftuch hier nicht passt, müssen sie sich ein anderes Heim suchen. Wir sind offen für Alle.“

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