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Ungewöhnliche Fassadengestaltung: Phantastische Tiere an der Kinderstube und ein Denkmal für die Edelweiß-Piraten 

Die ungewöhnliche Fassadengestaltung von Günter Rückert ist fertig.

Die ungewöhnliche Fassadengestaltung in der Schleswiger Straße ist fertig. Fotos: Alex Völkel

Die Bauarbeiten befinden sich auf der Zielgeraden: Der Umbau und die Sanierung in der Schleswiger Straße 40 in der Dortmunder Nordstadt ist fast abgeschlossen. Augenfällig ist die ungewöhnliche Fassadengestaltung der beiden AWO-Immobilien: Ein rot-weißes Haus setzt den Edelweiß-Piraten ein würdiges Denkmal. Und direkt daneben nehmen phantastische Tiere auf einer blau-weißen Fassade das Nachbarhaus in Besitz.

Künstler Günter Rückert gestaltete die beiden Hausfassaden

Beide Fassaden wurden von dem Dortmunder Künstler Günter Rückert gestaltet. Die Planungen und Arbeiten dafür haben fast so lange gedauert wie die eigentlichen Renovierungsarbeiten in der Schleswiger Straße 40.

Die AWO hatte das Haus im Frühjahr 2016 gekauft und so verhindert, dass die Immobilie in dubiose Hände fällt. Es ist bereits das zweite Haus an dieser Stelle, welches die AWO saniert hat. Seit einigen Jahren ist auch das Nachbarhaus mit der Nummer 38 in Besitz des Wohlfahrtsverbandes.

Für Günter Rückert – er gestaltete erstmals eine Hausfassade – war das Projekt ein interessante Herausforderung. Ganz abgesehen davon, dass es ja um zwei verschiedene Fassaden ging. Die Themenfindung erfolgte in Abstimmung mit der AWO. „Ich habe viele Skizzen und Entwürfe gemacht“, gibt Rückert Einblicke in die Entstehung.

In einem Abstimmungsprozess folgten genauere und farbige Zeichnungen. Doch die eigentliche Herausforderung war, die Motive auf die Häuserwände abzustimmen. Hilfe bekam er dabei von Layouterin Juliane Cordes, die die Zeichnungen digitalisierte und am Computer virtuell auf die Hauswände brachte.

In die Abstimmung eingebunden war auch Malermeister Andreas Wulle. Schließlich sollten die Farben der beiden Fassaden ebenfalls zu einander wie auch zu den Motiven passen. Die  Originale von Rückert – Acryl auf Karton – wurden in einer Druckerei auf Alu-Dibond vergrößert, ausgefräst und auf die Fassade gebracht.

Gelebter Antifaschismus: Erinnerung an die Edelweiß-Piraten in Dortmund

Die Schleswiger Straße 40 erinnert an die Dortmunder Edelweiß-Piraten.

Die Schleswiger Straße 40 erinnert an die Dortmunder Edelweiß-Piraten.

Die linke Haushälfte (in rot) erinnert an die Edelweiß-Piraten – eine Jugendgruppe, die sich während der NS-Zeit gegen die Nazis engagiert hat und deswegen verfolgt wurde. Rückert hat dafür viel in Archiven und im Internet geforscht, um Bilder von Dortmunder Mitgliedern der antifaschistischen Jugendgruppe zu finden.

Aus Gruppenfotos hat er Portraits extrahiert. Doch außer Kurt Piehl – ihn lernte Rückert durch seine Arbeit an einem Comic über die Edelweiß-Piraten persönlich kennen – sind keine Namen zu den fünf Gesichtern überliefert, die der Künstler in schwarz-weiß auf die Fassade gebracht hat.

Eine Motivwahl, die sehr im Sinne der AWO ist: „Wir begrüßen es, wenn junge Antifaschistinnen und Antifaschisten für ihre Rechte und ihre Meinung eintreten und sich auch für andere Menschen einsetzen. Das passt zur Arbeiterwohlfahrt“, begründet die AWO-Vorsitzende Gerda Kieninger die Motiventscheidung.

Kurt Piehl war einer der Dortmunder Edelweißpiraten, die die Verfolgung überlebt hatten und sich trauten, ihre Erfahrungen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und ihre fortgesetzte Kriminalisierung in der Nachkriegszeit öffentlich zu machen.

1980 veröffentlichte Kurt Piehl die authentische Geschichte eines Teils dieser spontanen antiautoritären Bewegung, der „Edelweißgruppe Brügmannplatz“, im Kampf gegen die Hitlerjugend und seine Zeit im Dortmunder Gestapo-Gefängnis Steinwache.

Der Roman endet mit den Worten: „Eine offizielle Anerkennung ihres Kampfes hat es nie gegeben, nicht als Widerstand und nicht als Verfolgung.“ Lediglich in Köln gibt es bisher ein Denkmal für die Edelweiß-Piraten, in Bergkamen – von 1959 bis 1994 sein Wohnort – seit 2009 eine nach Piehl benannte Straße. „In Dortmund setzt die AWO nun an einer Fassade den jungen Aktiven eine ungewöhnliches Denkmal“, betont AWO-Geschäftsführer Andreas Gora.

Phantastische Tiere zieren die Wand des Nachbarhauses mit der Kinderstube

Das Nebenhaus mit der Kinderstube hat – auf blauem Grund – Tiermotive bekommen. Sie spielen regelrecht mit der Hausfassade, stehen auf Fenstervorsprüngen oder krabbeln die Fassaden hoch. Knallbunt, fröhlich, vielfältig – so präsentieren sich die Tiere und Fabelwesen.

Damit passen die Tiere zur Nordstadt und den Kindern in der Kinderstube: Unterschiedliche Herkunft, unterschiedliches Aussehen und große Vielfalt. „Aber alle sind friedlich miteinander vereint“, beschreibt Gerda Kieninger die Intention der Wandgestaltung.

Sie könnten auch Teil eines Bilderbuches sein, sagt Rückert. „Sie sehen so aus, als wenn sie Geschichten erzählen könnten oder Gedichte“, findet der Dortmunder Künstler. Doch die Geschichten ausdenken können sich die Kinder die Geschichte selbst.

Modernste Technik für zwei Gebäude mit einer historischen Fassade

Großen Aufwand hat die AWO nicht nur bei der Fassade, sondern vor allem auch bei der Sanierung des Hauses getrieben. Viel Geld floss in moderne Technik: Neue Thermen, modernste Brennwerttechnik, Netzwerkkabel und -anschlüsse in allen Räumen. Außerdem wurden die Holzfenster ausgetauscht und das Dach erneuert, berichtet Frank Czwikla, Leiter der AWO-Baukommission.

Neben der Kinderstube – sie ist seit Januar 2017 in Betrieb – wird es vier preiswerte Wohnungen für kinderreiche Familien geben. Zwei Wohnungen mit 115, eine mit 100 und eine mit 78 Quadratmetern sind in Kürze bezugsfertig.

Die neun Kinder in der AWO-Kinderstube „Spielwiese“ haben sich längst in „ihren“ neuen Räumen eingelebt. Im September 2012 wurde die Großpflegestelle als erste von mittlerweile vier AWO-Kinderstuben in der Brunnenstraße eröffnet. Nach 4,5 Jahren haben sie nun deutlich größere Räume zur Verfügung, freut sich Koordinatorin Kristina Budde.

Ein eigener Spielplatz im Hof wird ab Herbst zu nutzen sein

Seit diesem Jahr gibt es auch mehr Platz, um Angebote gemeinsam mit den Eltern durchzuführen. Die Kinder können sich auf viel mehr Fläche austoben, die neue Krippen-Kletterlandschaft erkunden oder sich in die Kuschelecke zurückziehen. Im Herbst werden die Kinder dann auch den Hof des Hauses nutzen können. Hier wird ein kleiner Spielplatz – eigens für die Kinderstube – hergerichtet.

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