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„Sind Türkischstämmige integrationsunfähig?“ – Toprak-Fazit: Am Fuße des Leuchtturms liegt zuweilen das wahre Licht

Elmas Topcu vom WDR im Gespräch mit den Geschwistern Menekşe und Ahmet Toprak. Foto: Thomas Engel

Elmas Topçu vom WDR im Gespräch mit den Geschwistern Menekşe und Ahmet Toprak. Foto: Thomas Engel

Von Thomas Engel

Wer zur Lesung der Schriftstellerin und Journalistin Menekşe Toprak kam und ein paar Biestigkeiten zwischen den Geschlechtern erwartete, wurde enttäuscht. Stattdessen: große Traurigkeit bei ihrer Romanheldin, die durch den gut gefüllten Hörsaal klingt. Danach ein einvernehmlicher Plausch der Autorin mit Toprak(2), vordergründig. Dafür deutliche Worte zu rechtspopulistischen Vorstellungen zum Thema „Integration“. Und ganz nebenbei offenbaren sich doch die versteckten Abgründe zwischen Mann und Frau. Nicht nur in der Levante.

Geschwister mit türkischen Wurzeln und zwischen den Kulturen

Menekşe Toprak, Schriftstellerin, Journalistin

Menekşe Toprak, Schriftstellerin, Journalistin

Es war angerichtet: Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe mit dem vorsichtig provokativen Titel: „Sind Türkischstämmige integrationsunfähig?“ Erster Akt: Ein akademisch gebildetes Geschwisterpaar mit sog. Migrationshintergrund, beide inmitten der Türkei geboren, beide Jahrgang 1970, stellt sich gemeinsam dieser Frage. Ihr Schwerpunkt bei der Diskussion an der FH Dortmund: Geschlechterrollen. Zwischen und in den Kulturen, wäre hinzuzufügen. Moderation des Abends: Elmas Topçu vom WDR.

Kurz für‘s Mind-mapping: Wer von Globalisierung spricht und dabei nicht sofort auf den Mammon schaut, also auf ihre ökonomischen Aspekte, dürfte schnell das Kulturelle im Blick haben. Und sofort wird klar, auch wenn rechtspopulistische Agitatoren alles wieder gern zurückschraubten: Das war‘s mit geradlinigen Biographien und einheitlichen Identitäten! Nichts wird mehr sein, wie es war. Bei den Zuhörern am Donnerstag dürfte sich das Mitleid mit etwaig darüber verzweifelnden AFD‘lern in Grenzen gehalten haben.

Denn Toprak&Toprak stehen dafür – für die Melange der Kulturen, in gewisser Weise. Er, Ahmet Toprak, kommt irgendwann in die Bundesrepublik – in der Sache eigentlich egal, wann – und ist heute Professor für Erziehungswissenschaften an der Dortmunder FH und seit Jahren u.a. in der Integrationsforschung tätig.

Seine Schwester, Menekşe, findet sich im Alter von neun Jahren mit ihrer Familie plötzlich in Köln wieder. Daheim keine Bücher, kein Fernseher. Aber nun beginnt sie, das einsame Kind, zu lesen, viel zu lesen, später (in Ankara) zu studieren. Und sie beginnt, zu schreiben. Als Frau.

Zerrissenheit in Biographien: Wie AutorInnen sich selbst entdecken können

Menekşe Toprak liest Fatma

Menekşe Toprak liest Fatma

Heute lebt sie irgendwo zwischen Berlin und Istanbul, in den Zwischenwelten. Ebenfalls eigentlich egal, wo genau. Vielleicht weiß sie das selbst nicht. Und dürfte dazu stehen. Jedenfalls hat sie ihren gerade erschienen Roman im Gepäck, um vorzulesen: „Die Geschichte von der Frau, den Männern und den verlorenen Märchen“, veröffentlicht im Orlanda Frauenverlag.

Es ist die Geschichte einer jungen alevitischen Kurdin, Fatma, eigentlich arabisch „Fāṭima“, und bedeutet bezeichnenderweise: „die Entwöhnte“. Wovon? – Eingangs, es sei bemerkt, hatte Menekşe irgendwann gesagt, all ihr Schreiben hätte irgendwelche biographischen Bezüge. Zweitens: Wenn wir etwas von der Romanfigur Fatma an diesem Abend wissen, dann nur das, was uns Menekşe aus ihrem Buch vorliest und über sie erzählt. Nur davon ist im Folgenden die Rede.

Fatma stammt aus ärmlichen Verhältnissen, aufgewachsen im sog. Anatolien. Und zwar in jenem Teil, wo alevitische Kurden eine Minderheit bilden. Ihr Vater wurde getötet, aber sie setzt sich durch, studiert und kommt über ein EU-Stipendium in die Bundesrepublik, wird erneut zur Migrantin. Arbeitet, tingelt zwischen Berlin und Potsdam, später Warschau, wird schließlich arbeitslos und kehrt zurück in die Türkei, nach Istanbul. Und dort beginnt die eigentlich Erzählung.

Ansichten einer (migrierenden) Frau – oder, wie/warum Männer sch… sind

Die Geschichte einer Frau

Die Geschichte einer Frau, zerschnitten auf der Suche nach Glück

Was sich ab jetzt bis zur Hälfte des Buches in Fatmas Gegenwart ereignet, ist schnell berichtet, denn es ist offenbar nicht viel: Sie verliebt sich in einen schönen jungen Türken, gebildet, Umweltaktivist – und verbringt mit ihm eine Nacht. Soweit, so gut. Aber dann kommt das Erwachen. Nein, keine Gewalt gegen Frauen, nicht einmal Streit.

Sondern für Fatma nur Enttäuschung und Traurigkeit. Er will Sex, sie will Liebe, ganz einfach: Emotionen, Vertrautheit, Zärtlichkeit, das ganze Programm. Ihre Blöße stört sie plötzlich, sie kleidet sich wieder an, während er im Bett vor sich hin schlummert. Von den gemeinsamen Zukunftsplänen, die er ihr am Abend zuvor unterbreitete, als sie noch brav auf der Couch saßen, ist nichts mehr übrig. Sie möchte ihn küssen, er nimmt sie. Und schämt sich dafür, dass ihre Lust ihren Stolz bezwingt.

Sicher, hier werden auch plakativ Geschlechterrollenstereotype abgespult, wohl nicht ganz ungewollt. Zugleich ist die auktoriale Perspektive die innerpsychische einer Frau, die ihren assoziativ-emotionalen Vorgängen freien Lauf lässt, dabei natürlich wenig zweckrational organisiert ist. Ängste, Hoffnungen, vor allem Zerrissenheit mit den zärtlich-traurigen Worten eines zerbrechlichen Wesens spiegeln, das am Ende dieser Nacht nicht einmal mehr Vorwürfe erheben kann.

Während Menekşe Toprak liest, scheint sie selbst an diesen fließenden Übergangen zwischen der Enttäuschung über sich immer wieder verfestigende Rollenverteilungen und der Bedürftigkeit nach Anerkennung als Frau teilzuhaben. – Damit war die Thematik der Veranstaltung, literarisch aufbereitet, für alle Anwesenden fast sinnlich im Raume.

Zerbrechen am Hiatus zwischen den Geschlechtern (weibliche) Hoffnungen?

Die Männer in dem Buch seien entweder Schürzenjäger oder verklemmt; unbegreiflich, was türkische Frauen eigentlich von solchen Typen wollten, für die intellektuell starke Frauen wie Fatma an ihrer Seite nicht hinnehmbar seien, kommentiert Ahmet Toprak beim anschließenden Gespräch mit seiner Schwester auf dem gemütlichen Sofa neben dem Katheder.

Und doch suchten Frauen einen starken Mann, wird von Seiten der Moderation vorsichtig eingeworfen. „Die Frauen wollen alles haben. Einen solchen Mann müsste man quasi backen“, daraufhin der Wissenschaftler von der FH mit einem verschmitzten Lächeln.

Erste Hinweise auf unterschwellige Unebenheiten, aber nie offen zwischen den Geschwistern. Die, so der Eindruck, redeten implizit manchmal schlicht aneinander vorbei. Oder mindestens nebeneinander her: wenn sie nämlich auf unterschiedliche Fragen der Moderatorin, jeweils gerichtet an die eine oder andere Seite, deutlich akzentverschoben antworteten. Also alles, Fragen wie Erwiderungen, nicht ganz ohne die Reproduktion gewisser Geschlechterrollen.

Männer – Frauen: Selbst-, Fremd- und Selbstfremd- Einschätzungen

Ahmet Toprak, Prof. an der FH Dortmund

Ahmet Toprak, Prof. an der FH Dortmund

Er, mit der professoralen Selbstsicherheit eines Mannes, der wahrscheinlich eine gute Liste von Veröffentlichungen zu Gender-Themen o.ä. vorzuweisen hat und daher kaum im Verdacht stehen dürfte, einer jener „gebildeten Machos“ bzw. „Looser“ zu sein, die er in dem Roman seiner Schwester ausgemacht hat: „Fatma ist eine Nervensäge und ich kann verstehen, warum die Männer abhauen. […] Ich weiß, warum sie alleine ist und bleiben wird.“

Sie: „Fatma kann nicht entdecken, was für ein Typ er ist“, weil er einfach wegliefe. Ja, auch Männer suchten Liebe, wie alle, aber sie hätten andere Ängste: nämlich ohnmächtig zu sein bzw. zu versagen, zu scheitern. Die der Frauen bezögen sich eher auf das Alleinsein, auf das Fehlen einer Antwort auf ihre Emotionalität, fügt sie hinzu.

Zumal sie, die Frauen, wäre ebenfalls etwas plakativ zu ergänzen, mit dem Älterwerden schneller „unsichtbar“ werden, weil sie sich von jenen gesellschaftlichen Schönheitsidealen entfernen, die von Männern stammen. Während die werten Herren ihren hängenden Allerwertesten in den Medien der Macht und des Geldes zu kompensieren pflegen. Und dies können, weil sie nicht am Herd standen und für die Kinder da waren, sondern stattdessen Karriere gemacht haben. Um sich dann ‘ne Jüngere zu suchen.

Situation in der Türkei, Rolle der Frau: Laizismus passé?

Gegen Ende der Veranstaltung warf eine Teilnehmerin ein, sie habe eine intensivere Diskussion zwischen den Geschwistern vermisst. Und in der Tat, sie hatte recht. Das lag aber auch daran, dass die Integrationsproblematik nach der Lesung stark im Vordergrund stand. Und das deutsch-türkische Verhältnis. Und hier wurde es deutlicher. Immer wieder kam die Debatte im Hörsaal naheliegenderweise auf die Situation in der Türkei selbst zurück.

Ahmet Toprak sagt klipp und klar: „Unter Erdogan gehen die Geschlechterrollen wieder in Richtung osmanisches Reich.“ Seine Schwester Menekşe nennt Zahlen: Jährlich ca. 200 Frauen würden in der Türkei aus Ehr-Motiven getötet. Haftstrafen sehr milde. Dass Frauen in Bussen ungestraft wegen kurzer Röcke geohrfeigt würden, sei mittlerweile keine Seltenheit.

Anfangs sei einiges unter der AKP-Regierung etwas freier geworden, betont sie. Gutes wie bitteres Beispiel: Frauen im öffentlichen Dienst durften wieder Kopftücher tragen. Ein kemalistisches Unding. Ging aber nach hinten los: Jetzt gibt es ein Gesetz, wonach Muftis wieder Ehen schließen dürfen, wogegen sich selbst AKP-freundliche Frauen gewandt hätten. – Die Scheidungsrate in der Türkei steigt.

Fakt sei, so Toprak&Toprak: Ein bestimmter Teil der türkischen Gesellschaft sei konservativer geworden. Dies allerdings übertrüge sich auch auf Deutschland, in die türkische Community. – Aber ganz so einfach ist es nicht, wie es scheint. Und das hat etwas mit xenophobem Denken zu tun, wie Ahmet Toprak erläutert.

Und die Türkischstämmigen in Deutschland? – Keine Panik!

Zunächst wegen der Integrationsfähigkeit, immerhin Aufhänger zur Veranstaltungsreihe: „Viele Menschen sind in eine Trotzreaktion gegangen“, so Ahmet. Sie seien aber auch nicht immer willkommen gewesen. Daher gäbe es gewisse Wechselwirkungen. Wer wollte da widersprechen.

Muslimische Frauen auf dem Wochenmarkt

Entscheidend aber ist: Was verstünden wir denn eigentlich unter „Integration“? Also in unserem wunderschönen Deutschland, wenn 95 Prozent der Türkischstämmigen in Deutschland sagten, sie seien integriert. Mithin dies auch für einen Großteil der AKP-Anhänger – mindestens ihrer Selbstwahrnehmung nach – zutrifft.

Die Antwort des Wissenschaftlers ist eindeutig: In Deutschland würde Integration häufig mit Assimilation, also mit Angleichung an bestehende Kulturperformationen gleichgesetzt. Leitkultur lässt grüßen. Kopftuch als Desintegrationszeichen etc. Oder, frei übersetzt: Ein guter Türke in Deutschland darf alles sein, nur kein Türke. Widerlich.

Daher die Wahrnehmung mangelnder Integration. Weil wir, eher: die Ewiggestrigen fordern, dass alle so sind wie „wir“. Und er ergänzt, sicher nicht ohne Gefühl für eigene Lebenserfahrungen in Deutschland: „Wir [Dt.! – d.A.] sind eine intolerante Gesellschaft, auch wenn wir sagen, wir seien tolerant. […] Wir tun nur so.“ Das sollte zu denken geben.

Zurück: Menschen, die alle ein bisschen, manche ein wenig mehr „queer“ sind

„Perspektiven einnehmen, in der kulturelles Wissen abgefragt wird!“ Geiler Satz aus dem Publikum. Leider ist es aber globalisierungstechnisch vorbei mit einheitlichen Kulturen. Es sei denn, als HistorikerIn prockelte man/frau in der Geschichte herum. Doch auch dort, allenthalben formschöne Konstruktionen, damit der Mensch es begreifen mag. Wir erkennen: Das „Sein“ ist sozusagen die Melange. Daher: „queer“.

Menekşe Toprak: „Ich bin manchmal nirgendwo integriert.“ Auch nicht in der Familie. Häufig desintegriert. „Manche Menschen sollen auch desintegriert sein.“ Denn jeder hätte seine eigene Welt und Lebensweise. Das klingt nach Selbstbekenntnis, Stärke, aber auch nach Verzweiflung und vordergründige Schicksalsgläubigkeit, um sich selbst Mut zu machen, es durchzuhalten.

Die Zerrissenheit, die Heimatlosigkeit in den Zwischenwelten, wo das rettende Ufer vor dem Verlust ohne schützende Arme immer nur irgendwo in Dir selbst liegt, am Fuße des Leuchtturms.

Nein, Fatma, Du bist keine normale Frau. Aber wer ist das schon? Wollte es anders? – Danke für den illustren Abend!

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