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„Niemals vergessen!“ – Zum Gedenken an Auschwitz, seine Befreiung und die Verantwortung zum Widerstand gegen Nazis

Die Installation von Wolf Vostell im Dortmunder U. Fotos: Leopold Achilles

Die Installation von Wolf Vostell im Dortmunder U. Fotos: Leopold Achilles

Von Thomas Engel

27. Januar 1945, Konzentrationslager Auschwitz: Ein nahezu unaussprechliches, weil einmaliges Verbrechen in der Menschheitsgeschichte – der mit industrieller Kälte organisierte Massenmord an Menschen – findet mit der Befreiung durch die Rote Armee hier ein reales wie darüber hinaus symbolisches Ende. Gegen das Nicht-wahrhaben-Wollen, was einst geschah, und gegen Ewiggestrige, die heute weiterhin Fremdenhass säen, rufen engagierte DortmunderInnen auf. Gegen Dummheit und Intoleranz, für Vielfalt und Solidarität in ihrer Stadt.

Solidarität nach allen Regeln der Kunst aus persönlicher Betroffenheit

Regina Selter (stellv. Leiterin des MO) (h. l.) und Dr. Nicole Grothe (Leiterin der Sammlung des MO) (h. r.) mit Musiker Peter Sturm (m.), Helmut Manz (BDgR) (v. l.) und mit Ula Richter (BDgR) (v. r.).

Regina Selter (stellv. Leiterin des MO) (h. l.) und Dr. Nicole Grothe (Leiterin der Sammlung des MO) (h. r.) mit Musiker Peter Sturm (m.), Helmut Manz (BDgR) (v. l.) und mit Ula Richter (BDgR) (v. r.).

Solidarität mit jenen, die auch heute noch gefährdet sind: ihr Wohl, ihre Sicherheit, oder gar das nackte Leben. Sei es als Opfer roher Gewalt von Nazis oder durch die Folgewirkungen der Demagogie ihrer rechtspopulistischen Ableger: etwa als gezielte Abschiebung in sogenannte sichere Herkunftsländer, weil politisch Verantwortliche in diesem Land – beispielsweise bei Wahlen – die Quittung jener moralisch Besiegten fürchten, die ihrer Angst oder ihrem geschürten Unwillen vor dem Fremden erlegen sind.

„Den Satz, nach Auschwitz noch Lyrik zu schreiben, sei barbarisch, möchte ich nicht mildern; negativ ist darin der Impuls ausgesprochen, der die engagierte Dichtung beseelt.“ Was der Philosoph Theodor W. Adorno mit diesen 1962 erstmalig veröffentlichten und etwas verklausuliert daherkommenden Worten auch meinte, ist eigentlich ganz einfach:

Zu tun, was viele AktivistInnen in Dortmund in den nächsten Tagen im Gedenken an die Befreiung von Auschwitz und an die Opfer des NS-Regimes mutig machen werden. – Sich mit Engagement einzumischen nach allen Regeln der Kunst, im wahrsten Sinne des Wortes. Dort, wo es um die bewusste Erinnerung an das Unsägliche des Terrors und die damit angenommene Verantwortung um die Gegenwart geht: auf dass es nie wieder geschehe. Und, um den Anfängen entschlossen zu wehren.

Gegen das Vergessen: Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nationalsozialismus

Das zur Jahrtausendwende gegründete „Bündnis Dortmund gegen Rechts“ (BDgR) hat wie in jedem Jahr anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eine Veranstaltung mit umfangreichem Kulturprogramm organisiert.

Gastgeber am Samstag, den 27. Januar, ist diesmal das Museum Ostwall im Dortmunder U, wo unter anderem eine Installation des antifaschistischen und zeitlebens politisch engagierten Künstlers Wolf Vostell zu sehen ist und dort begangen werden kann.

Im Dortmunder Stadtbezirk Brackel findet am Montag, den 29. Januar, erneut im Rahmen der Gedenkveranstaltung eine Kranzniederlegung an der Tafel der Kommende-Mauer neben der Kirche am Hellweg statt. Dort sind die Namen jener Brackeler Antifaschisten aufgeführt, die ihren Widerstand gegen die Nazis mit dem Leben bezahlt mussten.

SchülerInnen aus Geschichtskursen des Abiturjahrgangs an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule werden im Rahmen des ökumenischen Gottesdienstes im Anschluss an die Kranzniederlegung über Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus berichten. Während des Gedenkgottesdienstes wird auch ein Text der Lyrikerin Renate Schmitt-Peters vorgetragen werden.

Ebenfalls am Montag wird zum „Tag gegen das Vergessen“ abends im Borusseum neben dem Westfalenstadion die international bekannte Holocaust-Überlebende Eva Weyl über ihre Lebens- und Leidensgeschichte während der NS-Zeit berichten. Hier gibt es eine der (leider nur noch) wenigen Gelegenheiten zu einem Zeitzeugengespräch.

Musikalisch begleitet wird der Abend von Dr. Maik Hester und Peter Sturm, die in Konzentrationslagern und Ghettos entstandene Lieder vorstellen werden. An der Organisation der Veranstaltung war maßgeblich die Fan- und Förderabteilung des BVB beteiligt. Unterstützt wird sie vom Dortmunder Verein Heimatsucher e.V..

Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz im neuen Museum Ostwall

Das Museum Ostwall, mittlerweile beheimatet im Dortmunder U, ist diesmal Ort der alljährlich vom „Bündnis Dortmund gegen Rechts“ (BDgR) organisierten Gedenk- und Kulturveranstaltung zur Erinnerung an all jene Menschen, die in Auschwitz und anderswo von Nazi-Schergen inhaftiert, gefoltert und ermordet wurden.

Anlass der Veranstaltung ist stets ein bestimmter Jahrestag – jener der Befreiung des Konzentrationslagers von Auschwitz durch die nach Westen vorrückende Rote Armee am 27. Januar 1945. Dieses geschichtsträchtige Datum ist auch zu einem Symbol für das Gedenken an alle Opfer des NS-Regimes geworden.

Und es ist zugleich eine Gelegenheit, Zeichen zu setzen: Für den Widerstand gegen menschenverachtende Einstellungen, Haltungen und Ideologien, gegen ihr intolerantes, alles Fremde ausgrenzende Schmalspurdenken. Damit sich das Unbegreifliche, was in Deutschland geschah, nie wiederholen kann.

Das „Bündnisses Dortmund gegen Rechts“: Erweiterung des Aktionsspektrums

Ula Richter, Sprecherin Dortmunder Bündnis gegen Rechts.

Ula Richter, Sprecherin Dortmunder Bündnis
gegen Rechts.

Das im Mai 2000 gegründete Bündnis ist ein Zusammenschluss unterschiedlicher Parteien, Gewerkschaften, Vereine, Gemeinden, (Jugend-)Organisationen, Schulen wie Hochschulen und anderer Organisationen sowie antifaschistischer AktivistInnen.

Die Vereinigung versteht sich nicht nur als ein Bündnis aller demokratischen Kräfte in Dortmund und Umgebung gegen jedwede Form des Neofaschismus, sondern im Laufe der Zeit haben sich zwei weitere wichtige Handlungsfelder herausgebildet: Konsequenter Antimilitarismus, das „Nein!“ zum Krieg, und die uneingeschränkte Solidarität mit Geflüchteten, die in der Stadt ein neues Zuhause gefunden haben, berichtet Bündnissprecherin Ula Richter.

Damit ist der weitere Rahmen der Gedenkveranstaltung am Samstag unter dem untrennbar mit Esther Bejarano verbundenen und nach dem Titel eines bekannten jüdischen Partisanenliedes gewählten Mottos: „Sag mir nie, Du gehst den letzten Weg“ – inhaltlich abgesteckt. Ihren Kern bildet – dem Anlass gemäß – selbstverständlich das Innehalten für, die Erinnerung an die unzähligen Opfer der Nazis. Dies soll hauptsächlich geschehen vor der Installation „TEK – Thermoelektronischer Kaugummi“.

So nannte der 1998 verstorbene Künstler Wolf Vostell sein begehbares Stacheldrahtgehege, das im Museum Ostwall in der fünften Etage des Dortmunder U seit einiger Zeit aufgestellt und dort nicht nur einfach zu sehen, sondern auch zu hören, zu fühlen ist.

Vostells Installation „TEK“ – nach Auschwitz / in Auschwitz (und anderswo)

Die Installation von Wolf Vostell im U.

Auschwitz ist in seiner verbrecherischen Dimension historisch einmalig und es verbieten sich luftige Vergleiche. Doch für Wolf Vostell, dem politischen Künstler aus der sogenannten Fluxus-Bewegung, ist Auschwitz, ist die Shoa auch ein mittelbares, entferntes Symbol, dem er sich künstlerisch nähert: ein Symbol für Haft, Elend und Leid, für Gewalt, für Tod. Und so konnte er den gewichtigen Satz formulieren: „Der Mensch wird freier, wenn seine Erniedrigung dokumentiert, anstatt verschwiegen wird.“

Diesen Anspruch versucht Vostell unter anderem mit der Installation „TEK“ umzusetzen. Die BesucherInnen werden nach Auschwitz oder an andere dunkle Orte der Unmenschlichkeit geführt und sind gleichzeitig mittendrin. Vostell zeigt ihnen den Weg dorthin und in eins einen Teil der grausamen Wirklichkeit an Ort und Stelle.

Wer das Kunstwerk begeht, trägt einen schäbigen Koffer mit den letzten Habseligkeiten, hört monotone Ansagen aus den Lautsprechern des Bahnhofs, geht über unzählige, schrecklich gegeneinander knackende Löffel zwischen Stacheldrahtreihen. Irgendwo spielt Musik. Zeitgenössische.

Es mögen sich Bilder von Viehwagons aufdrängen, in welche die entsetzten Menschen später gepfercht wurden. Männer, Frauen, Kinder an den Händen. Ängstlich, ungläubig, unbegreiflich, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Plötzlich ausgestoßen zu sein, alles verloren zu haben, von jetzt auf gleich – außer diesen einen Koffer, die schmutzigen Kleider am Leib und das letzte bisschen Leben. Und gnadenlos angetrieben von jenen, die bis dahin Nachbarn waren. Fast surreal. Und doch war es so.

„TEK“ im Kontext des weitergehenden Themas „Freund – Feind“

Dr. Nicole Grothe, Leiterin der Sammlung des Museums Ostwall im Dortmunder U.

Dr. Nicole Grothe, Leiterin der Sammlung
des Museums Ostwall im Dortmunder U.

Vor allem ältere Menschen assoziierten beim Eintreten in Vostells Installation die Vernichtungslager während der Nazi-Zeit, sagt Dr. Nicole Grothe, Leiterin der Sammlung des Museums Ostwall im Dortmunder U. Teenager dagegen verbänden damit eher die Flüchtlingslager von heute. Was sie eint: der Gang hindurch berührt, verunsichert – und regt zur Debatte unter denen an, die ihn gewagt haben.

Daran dürfte der alles andere als zweckfrei agierende Künstler seine helle Freude gehabt haben, wäre das Motiv nicht so bedrückend. Denn Vergangenheit und Gegenwart können, ja müssen von den BesucherInnen der Installation bewusst miteinander verknüpft werden, auf dass die Zukunft sich freundlicher gibt.

Im Rahmen der Ausstellung des Museums Ostwall „Fast wie im echten Leben“ steht Vostells „TEK“ im Kontext des Teilthemas „Freund oder Feind? ‚Wir‘ und ‚die Anderen‘“. Es geht also im weiteren Sinne um die Abgrenzung sozialer Gruppen voneinander, die Definitionsmacht von Zugehörigkeiten und die Ausgrenzung von Individuen, die nicht zu den Gruppennormen passen.

Um Feindbilder, Vor-Urteile und Stereotype. Und um die Gefahren, die in ihrem unreflektierten Gebrauch liegen. Wo im Extremfall Grausamkeiten, Leid und Tod lauern. – Ein Blick auf die beschämenden Taten von Neonazis und ihrer Geistesverwandten überall in der Bundesrepublik genügt.

„Sag mir nie, Du gehst den letzten Weg“ – das Veranstaltungsprogramm

Die Installation von Wolf Vostell im U.

Die außergewöhnliche Gedenkveranstaltung soll am Samstag um 12 Uhr im Erdgeschoss des Dortmunder U‘s beginnen. Vorgesehen ist nach kurzer Begrüßung von Edwin Jacobs, Direktor des Dortmunder U, eine Rede von Ursula Richter für das BDgR und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der AntifaschistInnen. Der musikalische Auftakt und Abschluss des Programms wird von der Rap-Formation aus Duisburg, der „inclusion4real“ gebildet.

Die Band besteht aus Angehörigen der Roma. Sie repräsentieren einerseits eine Opfergruppe der nationalsozialistischen Verbrechen, andererseits seien Bandmitglieder heute von Abschiebung bedroht, erklärt Ula Richter. Zwei weitere Musikbeiträge stehen ebenfalls für die Opfer: Peter Sturm (Klezmer) sowie David Oriewski und Bernd Rosenberg (russische Partisanenlieder).

Der Schauspieler Claus Dieter Clausnitzer wird Gedichte von Ernst Jandl und die „Todesfuge“ von Paul Celan vortragen. Zwischen Musikdarbietung und Vortrag gibt es eine Schweigeminute für die Opfer des Nationalsozialismus. Das Ende der Veranstaltung ist gegen 13.30 Uhr geplant.

Weitere Informationen:

  • Veranstaltung „Sag mir nie, Du gehst den letzten Weg“ des „Bündnisses Dortmund gegen Rechts“ in Kooperation mit dem Museum Ostwall im Dortmunder U: Samstag, den 27. Januar, 12 Uhr, im Erdgeschoss. Hauptteil des Programms auf Ebene 5 direkt vor der Installation „TEK“.
  • Gedenkveranstaltung in Dortmund-Brackel: Kirche am Hellweg (Brackeler Hellweg 140, 44309 Dortmund). Montag, den 29. Januar, um 17:00 Uhr
  • Gedenkveranstaltung im Borusseum: An der Nordost-Ecke des Westfalenstadions, Strobelallee 50 (Zugang über den Aufzug gegenüber der Spielereinfahrt). Montag, den 29. Januar, um 19:09 Uhr (Einlass ab 18:30 Uhr). Der Eintritt ist frei. (Sollte die Besucherkapazität erreicht sein, kann leider kein weiterer Zutritt gewährt werden.)
  • Alle VeranstalterInnen behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die nazistischen Parteien oder Organisationen angehören, der Nazi-Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Wort, Schrift und Bild in Erscheinung traten, den Zutritt zu den Veranstaltungen zu verwehren oder sie von diesen auszuschließen.
  • Beleg des Zitates von Theodor W. Adorno: ders., „Engagement“, in: Noten zur Literatur, hrsg. von Rolf Tiedemannn, Frankfurt a.M. 1981, 409-430, hier: 422.
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