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Lokale Initiativen diskutieren Problemlösungen: Gemeinsam gegen Armut und Langzeitarbeitslosigkeit in Dortmund

In der Reinoldikirche gab es bereits eine Aktion zu "Armut in Dortmund". Foto: Schuetze/VKK

„arm in Arm – Armut in Dortmund“ ist der Titel einer Veranstaltungsreihe. Foto: Schuetze/KKDO

Ein Bericht/ Kommentar von Thomas Engel

Zum Auftakt einer Reihe von Fachkonferenzen des Dortmunder Netzwerks „arm in Arm. Armut in unserer Stadt“ haben am Mittwoch (11. Oktober 2017) VertreterInnen und Fachleute lokaler Initiativen und Institutionen zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit und Armut getagt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Arbeitslosenzentrum Dortmund e.V. – eingeladen waren ebenso Betroffene wie als Redner die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Dortmund, Martina Würker, und der Geschäftsführer des Dortmunder Jobcenters, Frank Neukirchen-Füsers.

Das Tagungsformat, die Zielsetzungen, die Problemstellung

In ihrer Begrüßung wies die Vorsitzende des Arbeitslosenzentrums Dortmund, Jutta Reiter, auf die örtliche Tradition von Initiativen gegen Verarmung und den damit verbunden Folgen in Dortmund hin. Ziel der Fachgespräche sei es, vermittels der je themenspezifischen Diskussionen verschiedener Aspekte der kommunalen Armutssituation zu problembezogenen und lokal- wie regionalsensitiven Lösungsansätzen zu gelangen.

Armut ist eine Angelegenheit vor Ort. Hier und jetzt. Konkret, fühlbar, sichtbar wie facettenreich: als Alters-, Bildungs-, Wohnungsarmut etc. Und eben auch als Armut derjenigen, die seit langem auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben. Sie nicht bekommen (können) oder nicht mehr sehen.

Die provokative Frage von Jutta Reiter lautete einleitend und angesichts des nicht zu verleugnenden Umstandes, dass die Schere zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik sich weiter öffnet: „Ist Armut gewollt in unserem Land?“ Wenn beständig mehr Armut produziert als beseitigt wird?

Aber die länger werdenden Entfernungen zwischen Arm und Reich – ganz sicher nach Kaufkraft, ebenso sozial und nach Chancen, vermutlich auch kulturell – sind das Eine. Der naheliegende Zusammenhang zwischen Langzeitarbeitslosigkeit und Armut das Andere. Von Forderungen zur Verbesserung der sozialen Lage deprivilegierter Schichten ganz zu schweigen.

Langzeitarbeitslosigkeit, die es eigentlich in Deutschland nicht geben sollte …

Zahlreiche Organisationen und Institutionen diskutierten in Dortmund mit. Foto: Stephan Schuetze

Zahlreiche Organisationen und Institutionen diskutierten in Dortmund mit. Foto: Stephan Schuetze

Um sich dem überhaupt nähern zu können, braucht es zunächst Fakten. Fakten zur Langzeitarbeitslosigkeit. Denn wer wollte schon normativ tätig werden, ohne zu wissen, was überhaupt los ist. Die nackten Zahlen dazu für Dortmund vermittelt Martina Würker in ihrem Vortrag.

„Langzeitarbeitslosigkeit“ – der Begriff ist selbstverständlich politisch definiert und über das SGB III in Rechtsform gegossen. Klar, dass Frau Würker auch hier nur auf jene Imperative durch die politisch geformte Definitionsmacht von Recht und Gesetz verweisen kann, denen ihre Behörde unterliegt. Sie verschweigt dies nicht.

Lange arbeitslos zu sein, bedeutet demnach (nach SGB III, §18), vereinfacht gesagt, ein Jahr oder länger ohne Arbeit zu sein. Und es bedeutet freilich, Teil jener Statistiken zu sein, die einem Politiker die Wiederwahl vermiesen oder arbeitsmarktpolitischen Konzeptionen ihre Glaubwürdigkeit rauben können. Der oder die Langzeitarbeitslose wird mithin nicht gern gesehen.

Und doch gibt es ihn, den Menschen ohne Arbeit auf lange Sicht …

… trotz heißen Bemühens und/oder weil unzureichend qualifiziert und/oder schlicht aus Faulheit oder wegen anderer Widrigkeiten, verschuldet oder unverschuldet. Und trotz der Schlupflöcher, welche das SGB III bietet, um Statistiken mit politischer Motivation „nachzubessern“, indem seine Zahl so klein wie eben möglich gehalten wird.

Es ist der Dortmunder Chefin der Arbeitsagentur zugute zu halten, dass sie mitnichten den Eindruck vermittelte, als wolle sie bezüglich des Ausmaßes der Schieflage bei den Zugängen zum Arbeitsmarkt irgendetwas schönreden.

Von den ca. 33.900 offiziellen Langzeitarbeitslosen in Dortmund im September 2017, entsprechend einer Quote von elf Prozent, entfallen etwa 7.400 Menschen auf das SGB III (Arbeitslosengeld I) und rund 26.400 auf das SGB II, d.h. sie beziehen Grundsicherungsleistungen nach Hartz IV.

Fast 50 Prozent aller Hartz-IV-Bezieher in Dortmund sind langzeitarbeitslos

Martina Würker, Chefin der Agentur für Arbeit in Dortmund.

Martina Würker, Chefin der Agentur für Arbeit in Dortmund. Foto: Alex Völkel

Die Zahl bei den sogenannten „Empfängern“ (als wäre es kein Recht, sondern ein Almosen), also bei Beziehern von ALG-II-Leistungen ist gegenüber dem Vorjahr leicht rückläufig. Allerdings: etwa 41 Prozent der insgesamt in Dortmund als arbeitslos gemeldeten Menschen gehört zur Gruppe der Langzeitarbeitslosen; das sind ungefähr 14.000 Menschen. Im Jobcenter liegt der Anteil bei fast 50 Prozent.

Das Verhältnis Männer/Frauen bei den Langzeitarbeitslosen liegt bei 53/47 Prozent; bedingt durch die Flüchtlingszuwanderung dürfte sich die männliche Überrepräsentation noch vergrößern. Fast 2/3 der Betroffenen sind ohne Berufsabschluss. Der Anteil der über 50-jährigen liegt bei 57 Prozent, wobei besonders Männer betroffen sind; jener der Alleinerziehenden bei über 12 Prozent.

Ältere Männer, alleinerziehende Mütter mittleren Alters, ohne berufliche Qualifikation bei Jobsuche auf Helferniveau, resümierte Martina Würker – das sind erkenntlich zentrale Parameter bei Langzeitarbeitslosigkeit.

Das Bild des Langzeitarbeitslosen: faul, unmotiviert, unzuverlässig

Was tun? Da wären zunächst die Vorurteile über und die Stereotypisierungen von Menschen, die über einen längeren Zeitraum beschäftigungslos sind. Gesellschaftlich teilweise tief verankerte Pauschalurteile über Langzeitarbeitslose unterzog Frank Neukirchen-Füsers in seinem Vortrag einer differenzierteren Betrachtung. Vieles entpuppt sich sogleich als Legendenbildung.

Natürlich gäbe es auch Langzeitarbeitslose, die es sich in der Grundsicherung eingerichtet hätten. Denn eine Beschäftigung im Niedriglohnsektor ist finanziell motivationsfrei, da ihre Vergütung im Verhältnis zur Grundsicherung nicht punkten kann. Dennoch: viele Menschen beziehen ergänzende Sozialleistungen vom Jobcenter, arbeiten also faktisch unentgeltlich. „Davor habe ich hohen Respekt“, so der Geschäftsführer des Jobcenters.

Freiwillig über einen längeren Zeitraum ohne Arbeit zu sein, ist für die meisten Menschen eben wenig bis gar nicht attraktiv. Es fehlt die sinnstiftende, den Alltag strukturierende Funktion durch Eigentätigkeit, es mangelt an sozialer Teilhabe, der Reproduktion von Selbstwertgefühl durch Engagement und die Selbstwahrnehmung als jemand, der etwas bewirkt.

Viele Vorurteile gegenüber Langzeitarbeitslosen entpuppen sich als haltlos

Frank Neukirchen-Füsers (Geschäftsführer Jobcenter Dortmund)

Frank Neukirchen-Füsers ist Geschäftsführer des Jobcenters in Dortmund. Foto: Alex Völkel

Daher schon stehen gängige Unterstellungen, aus welchen sonstigen Gründen Langzeitarbeitslose wenig geneigt sind, ihre Lage zu verändern, auf tönernen Füßen. Oder sie gehen beispielsweise an den Defiziten der Dortmunder Sozialversorgung vorbei: Langzeitarbeitslose schöben eine nicht ausreichende Kinderversorgung vor, um nicht arbeiten zu müssen. Dazu Frank Neukirchen-Füsers knapp: „Wir haben nicht genügend Kinderbetreuungsplätze. Punkt.“

Weiter zeigt sich, dass Vorurteile gegenüber Langzeitarbeitslosen (analog zu denen über Flüchtlinge) gerade dort bestehen, wo es keine gibt. Firmen, betont der Chef des Jobcenters, die keine Bewerber aus einer längeren Arbeitslosigkeit heraus eingestellt hatten, schätzten diese hinsichtlich ihrer Motivation und Zuverlässigkeit weitaus schlechter ein als jene, in denen ehemalige Langzeitarbeitslose heute Mitarbeiter sind.

Solche und andere Vorurteile führen dazu, dass Menschen nach einer längeren Abwesenheit vom Arbeitsmarkt häufig erst gar nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Die hohe Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet ist aber vor allem strukturell bestimmt. Daher sei Langzeitarbeitslosigkeit nicht allein eine Frage des Individuums und seiner gedachten Defizite, sondern Folge fehlender Nachfrage.

Arbeitsmarkt und arbeitsmarktpolitisches Handeln auf kommunaler Ebene

Menschen, die heute angeblich nicht arbeiten wollen, könnten morgen bei veränderter Bedarfslage händeringend gesucht werden. Bestes Beispiel der jüngeren Zeit in Dortmund: das neu entstandene Logistikzentrum von Amazon, für das über 1000 Arbeitskräfte gesucht werden, die nicht zwingend einen Schul- oder Berufsabschluss vorweisen müssen.

Trotz dieser positiven Zeichen bleibt Frank Neukirchen-Füsers illusionslos: „Der Markt wird es nicht richten. Wir brauchen einen subventionierten Arbeitsmarkt, aber keinen zweiten Arbeitsmarkt“, betont er. Beschäftigung müsse dort „geschaffen werden, wo sie der Markt allein nicht generiert“.

Daher subventioniert und fördert das Jobcenter Arbeitsverhältnisse gerade auch für jene, denen der Zugang zum Arbeitsmarkt durch lange Arbeitslosigkeit erschwert oder gar versperrt ist.

Rolle von kommunalen Initiativen und Institutionen 

Interview DGB Jutta Reiter

Jutta Reiter

Unabhängig von arbeitsmarktpolitischen Interventionen zur Förderung der Reintegration von Langzeitarbeitslosen in Beschäftigungsverhältnisse verbleiben allerdings eine ganze Reine von Aufgaben in sozialen Handlungsfeldern. Gerade wenn es um Armut und Ausgrenzung durch Arbeitslosigkeit geht. Denn langzeitarbeitslos sind viele Menschen in Dortmund in der Gegenwart.

Während Vollbeschäftigung unter marktwirtschaftlichen Voraussetzungen eher als eine Art regulativer Idee erscheint, klafft seit vielen Jahren eine riesige Lücke zwischen diesem idealtypischen Zustand und der Wirklichkeit auf dem Arbeitsmarkt. In ihr leiden Menschen unter den Folgen dauerhafter Arbeitslosigkeit. Unter anderem durch ein Leben in Armut.

Dieser Wirkung von Dauerarbeitslosigkeit, der Verarmung und Deprivilegierung der Betroffenen zunächst ein Gesicht zu geben, war Zielsetzung bei der abschließenden themenspezifischen Gruppenarbeit der Tagung.

Die Begegnung mit hilfsbedürftigen Menschen in den Institutionen

Die Leitfragen der Diskussion in den jeweiligen Kleingruppen waren: Welchen Menschen mit welchen Anliegen und Problemen begegnen die Mitarbeiter in ihren Institutionen? Und: Was kann getan werden, um ihre Lage zu verbessern?

Gegenstand der Gespräche waren Themenbereiche wie: Wohnungslosigkeit und ihre psychosozialen Folgen, fehlende Sozialwohnungen; Sucht- und psychisch Erkrankte; befristete Beschäftigungsverhältnisse, Unterstützung zur Mobilität, Jobs für Behinderte; das Fehlen von Kindertageseinrichtungen und flexiblere Öffnungszeiten, Berücksichtigung des Wachstums von Kindern beim Jobcenter; Erweiterung des Kreises für den Dortmund Pass, Verteuerung des Sozialtickets.

Ergebnis war eine noch recht unstrukturierte Sammlung von Alltagsproblematiken der Lebenswirklichkeit langzeitarbeitsloser Menschen einerseits, Ansätze zu einer Lösung andererseits.

Ziel ist es, die zusammengetragen Aspekte in der nächsten Zeit zu systematisieren und sie in konkrete Forderungen zur Verbesserung der sozialen Lage von Langzeitarbeitslosen auf verschiedenen Ebenen zu übersetzen. Man darf gespannt sein!

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