
Gemeinsam mit dem Bündnis „Tag der Solidarität – Kein Schlussstrich“ gedachten am Freitagabend (4. April 2025) mehr als 250 Menschen dem 2006 ermordeten Mehmet Kubaşık. Er ist eines von neun Todesopfern des rechtsterroristischen „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU). An der Gedenkveranstaltung nahmen zahlreiche Opfer und Angehörige von Opfern rechter, rassistischer oder antisemitischer Gewalt teil. Die Tochter des Ermordeten, Gamze Kubaşık, forderte weiterhin Aufklärung.
Der NSU tötete den Dortmunder Kioskbesitzer und Familienvater Mehmet Kubaşık
19 Jahre ist es her, dass Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße 190 von Neonazis mit zwei Schüssen in den Kopf brutal ermordet wurde. Was damals niemand wusste: Er ist das achte Mordopfer des rechtsterroristischen NSU, der in einer rassistischen Mordserie zwischen 2000 und 2007 neun migrantische Menschen und eine Polizistin tötete und 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle verübte.

Für die Angehörigen der Opfer begann ein Albtraum. Sie wurden von den Sicherheitsbehörden verhört, verdächtigt und ihren toten Vätern, Brüdern und Ehemännern wurden kriminelle Machenschaften unterstellt.
Nur so konnten oder wollten sich die Behörden die bundesweiten Hinrichtungen migrantischer Männer erklären. Indizien, die auf organisierte Rechtsextremist:innen hindeuteten wurden aktiv ignoriert.
In der Presse wurde die Mordserie rassistisch als „Dönermorde“ geframet. Und auch Solidaritätsbekundungen aus der Gesellschaft blieben vorerst aus. Erst mit der „Selbstenttarnung“ des NSU-Kerntrios im Jahr 2011 bekamen die Familien der Opfer Gewissheit und die Morde wurden als solche anerkannt, die sie waren: Rassistisch motivierte Anschläge einer rechtsterroristischen Gruppierung.
Offene Fragen: Gamze Kubaşık forderte weiterhin Gerechtigkeit und Aufklärung
Um an Mehmet Kubaşık zu erinnern versammelten sich Freitagnachmittag mehr als 250 Personen an dem ehemaligen Tatort im Dortmunder Norden. Sie gedachten ihm in einer Schweigeminute und legten Blumen an seinem Gedenkstein nieder. Von dort aus zog die Demonstration zum Mahnmal für die Opfer des NSU am Nordausgang des Hauptbahnhofs.

Hier richtete Gamze Kubaşık das Wort an die Teilnehmenden. „Wir sind heute hier um gemeinsam an meinen Vater, Mehmet Kubaşık, zu erinnern“, sagte sie.
Und fuhr unter Tränen mit fester Stimme fort: „Ich möchte, dass man meinen Vater niemals vergisst. Er war ein Herzens guter Mensch. Er ging immer mit einem Lächeln durchs Leben. Er war jemand, der niemals nach Anerkennung suchte, aber nie zögerte, seine Liebe und Fürsorge zu geben. In seinem Lächeln lag eine Wärme, die ich niemals vergessen werde.“

Der Kampf für die Gerechtigkeit und die Aufklärung dauere an und sei herausfordernd, erklärte die Tochter des Ermordeten.
„Bis heute sind uns die Behörden Antworten und weitere Ermittlungen schuldig. An die Taten des NSU zu erinnern heißt auch, an das Versagen und das Vertuschen des Staates zu erinnern“, stellte sie fest. Ein solches Verbrechen dürfe niemals in Vergessenheit geraten, denn es sei ein Teil unserer Geschichte, ein dunkles Kapitel, das zeige, wie gefährlich Hass und Hetze sein könnten.
Semiya Şimşek teilte ihre Erfahrungen mit den Zuhörenden
Danach sprach Semiya Şimşek, die Tochter von Enver Şimşek und langjährige Freundin von Gamze Kubaşık. Ihr Vater war das erste Opfer des NSU. Er wurde im September 2000 an seinem Blumenstand in Nürnberg niedergeschossen und starb zwei Tage später an den Verletzungen. „Ich denke oft, mein Vater und Gamze’s Vater hätten sich gut verstanden. Wenn wir an unsere Väter denken, dann erinnern wir uns stets an die schönen, glücklichen Momente. An das Lächeln, die Späße und die vielen Gespräche. Umso schmerzvoller ist die Abwesenheit unserer Väter“, sagte Semiya Şimşek.

Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek lernten sich 2006 bei einem Schweigemarsch nach dem neunten NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel kennen. „Gemeinsam ist es leichter diesen beschwerlichen Weg zu gehen“, sagte Semiya Şimşek.
„Unsere Mütter hatten gegenüber der Polizei geäußert, dass die Täter Nazis sein könnten. Doch ihre Aussagen wurden nie ernst genommen. Mehrere Jahre konnten wir nicht in Ruhe trauern“, so Şimşek. Mit der NSU-Selbstenttarnung sei das Chaos, die Hektik, losgebrochen. Ein aufwühlender Prozess vor dem Oberlandesgericht München folgte.
Bundesweites Solidaritätsnetzwerk bringt Angehörige zusammen
Doch Semiya Şimşek, Gamze Kubaşık und die Angehörigen der anderen Opfer haben immer noch keine Gerechtigkeit bekommen. „Der NSU-Prozess ist beendet, Urteile wurden verkündet, aber viele Fragen bleiben unbeantwortet. Unsere Forderung ist eine lückenlose Aufklärung. Wir möchten genau wissen, warum unsere Väter sterben mussten, nach welchen Kriterien die Opfer ausgesucht wurden“, forderte Şimşek.

Mit ihren Forderungen und ihren Emotionen sind die Angehörigen der NSU-Opfer nicht allein. Deshalb vernetzen und engagieren sie sich. Semiya Şimşek erklärte, wieso.
„Uns verbindet die Wut auf die Sicherheitsbehörden, der empathielose Umgang mit den Familienangehörigen der Opfer und dass auf unsere Forderungen nicht eingegangen wird. Wirklich Konsequenzen bleiben aus. Diese Erfahrungen machen viele Betroffene rechter Gewalt. Deshalb organisieren sie sich und treten gemeinsam auf. Gemeinsam sind wir stark!“
Daraus entstanden ist unter anderem das bundesweite Solidaritätsnetzwerk der Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, das seit 2022 besteht. Dort engagiert sich auch Emiş Gürbüz aktiv. Ihr Sohn Sedat Gürbüz war am 19. Februar 2020 bei dem rassistischen Anschlag in Hanau ermordet worden. Der Täter: Ein Rechtsextremist, der zuvor rechtsextreme und antisemitische Pamphlete im Netz hochgeladen hatte.
Angehörige weiterer Opfer rechter und rassistischer Gewalt sprachen bei der Gedenkkundgebung
Emiş Gürbüz wandte sich an die Zuhörer:innen vor dem Hauptbahnhof: „Wenn ich an Dortmund denke, denke ich an Mehmet Kubaşık. Ich denke an Gamze, an die Familie und an das Leben vor und nach dem 4. April. Ich denke an den Schmerz, den ihr seit 19 Jahren tragt, ein Schmerz, der uns alle verbindet. Aber ich denke auch an die unglaubliche Kraft und den Mut, den ihr immer wieder aufbringt. Ihr habt dafür gesorgt, dass Mehmet Abi nicht vergessen wird. Und das ist mehr als wichtig.“

„Ich denke aber auch an die Leben, die nicht mehr gelebt werden konnten. An die Leere, die bei den Familien bleibt. An all die Erinnerungen, die nie geteilt werden können“, sagte sie weiter. Auch sie kritisierte die fehlende Aufklärung und das ausbleibende politische Handeln.
Es reiche eben nicht, wenn Politiker:innen ein Mal im Jahr zum Jahrestag kämen, aber keine Versäumnisse einräumten. Sie fragte: „Es gab so viele Morde, so viel Gewalt, wo bleibt die Aufklärung? Bis heute hat niemand in den Behörden Verantwortung übernommen, niemand wurde bestraft. Wo bleibt die Veränderung?“
Ebenfalls sprachen mehrere Überlebende rassistischer Brandanschläge. Auch Cihat Genç, der 1993 bei einem rechtsextremen Brandanschlag in Solingen fünf Familienangehörige verlor. Er sagte: „Eine Gedenkveranstaltung wie diese ist nie nur ein stilles Erinnern. Sie ist immer auch ein Zeichen, eine Botschaft, ein Aufruf. Und ich kann euch zumindest einen Teil davon verraten: Wir fordern Aufklärung, wir fordern Schutz, wir fordern eine Welt ohne Rassismus. Lasst uns dafür kämpfen – gemeinsam!“

Der NSU ermorderte Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, Ismail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.
In Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau: Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kenan Kurtović, Kaloyan Velkov, Mercedes Kierpacz, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz und Vili Viorel Păun.
In Erinnerung an Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç und Saime Genç und alle weiteren Opfer rechter, rassistischer oder antisemitischer Gewalt.
Weitere Informationen:
- Informationen zum NSU: www.bpb.de
- Informationen zum Anschlag in Hanau: www.bpb.de
- Informationen zum Anschlag in Halle: www.bpb.de
- Informationen zum Brandanschlag im Jahr 1993 in Solingen: www.bpb.de
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