Die Dortmunder Neonazis haben ihre Galionsfigur zu Grabe getragen: Unter großem Polizeiaufgebot und mit viel Medieninteresse wurde die Urne von Siegfried Borchardt – vielen vor allem unter dem Spitznamen „SS-Siggi“ bekannt – beigesetzt. Hierbei nahmen rund 250 Trauergäste auf dem Hauptfriedhof Abschied. Ob das Urnengrab künftig zur neuen „Pilgerstätte“ wird, wird sich spätestens am 3. Oktober zeigen. Dann ist der erste Todestag – die Beerdigung fand wegen rechtlichen Auseinandersetzungen mit der Stadt Dortmund mehr als 3,5 Monate nach dem Tod des mehrfach vorbestraften Rechtsextremisten statt.
Rechtsstreitigkeiten: Beisetzung fand 3,5 Monate nach dem Tod statt
Die Trauerfeier und Beisetzung ging ohne größere Zwischenfälle ab. Ein Großaufgebot der Polizei war vor Ort und über das weitläufige Gelände des Hauptfriedhofs verteilt. Auch der jüdische Friedhof wurde bewacht. Zu Zwischenfällen kam es nicht – es gab nur kleinere Pöbeleien und Bedrohungen in Richtung der Medienvertreter:innen. ___STEADY_PAYWALL___
Bereits eine Woche nach dem überraschenden Tod hatte die Neonazi-Splitterpartei „Die Rechte“ einen sogenannten Trauermarsch angemeldet, an dem rund 500 Rechtsextremist:innen, Familienangehörige, Freunde, Rechts-Anwälte und Hooligans teilnahmen.
Auf die Beisetzung des international bekannten Neonazis mussten seine Weggefährten allerdings lange warten. Wie berichtet, hatte die Stadtverwaltung (erfolglos) versucht, eine Beisetzung in einem regulären – mit Namen gekennzeichneten – Grab zu verhindern. Sie hatte darauf gedrängt, dass der Neonazi in einem anonymen Grab beigesetzt wird.
Man wollte so verhindern, dass das Grab zu einer „Pilgerstätte“ wird. Doch damit war die Stadt bei Gericht abgeblitzt. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen gab in einem Eilverfahren dem Rechtshilfeersuchen von Neonazi-Kader Alexander Deptolla statt. Er ist „Totenfürsorgeberechtigter“ – nicht die Familie von Borchardt.
Gestaltung des Grabes ist noch Gegenstand eines Gerichtsverfahrens
Deptolla führte auch nach der Trauerveranstaltung am Seiteneingang Talweg unter freiem Himmel den Tross zum Grab an. Die meisten Trauergäste nahmen ohne Maske an der Veranstaltung teil. Dies war auch nicht explizit vorgeschrieben – bei der Beerdigung galt die „3G“-Regel.
Der Bestatter soll den Status kontrolliert und auch Schnelltests zur Hand gehabt haben. Dies soll das Ordnungsamt auch kontrolliert haben, teilte die Stadt auf Nachfrage mit.
Wortkarg zeigt sich die Stadt mit Blick auf den laufenden Rechtsstreit. Denn die Gestaltung bzw. Beschriftung des Urnengrabs ist noch Gegenstand eines Verfahrens.
„Bei der Ausgestaltung der Grabstätte sind die Vorschriften zur Herrichtung und Pflege der Grabstätten und zur Gestaltung von Grabmalen nach der Friedhofssatzung für die Friedhöfe der Stadt Dortmund zu beachten“, hieß es dazu auf Nachfrage bei der Stadt Dortmund.
Die Stadt verweist darauf, dass „die Grabstätte keine Inschriften, Gravuren oder sonstige Kennzeichen enthalten darf, die Hinweis auf politische Weltanschauung oder Identität des Verstorbenen geben“. Einen Termin für das Hauptsacheverfahren gibt es noch nicht.
Parteichef hielt eine glühende Würdigung auf einen Straftäter und „Gigolo“
Von der Weltanschauung machten die Trauergäste allerdings keinen Hehl: Sowohl Alexander Deptolla als auch Sascha Krolzig hielten die Würdigungen auf ihren Weggefährten. Umrahmt von einer schwarz-weiß-roten sowie einer Stadtfahne sowie von brennenden Fackeln wurden die Grabreden gehalten.
Vor allem Sascha Krolzig – Co-Bundesvorsitzender der Partei „Die Rechte“ auf Freigang aus der JVA und früher beruflich Trauerredner – hielt eine langatmige Würdigung auf das Leben und Wirken des bekanntesten Dortmunder Neonazis.
Dabei wurde mit den Straftaten des Verstorbenen ebenso kokettiert wie mit seinem Engagement in den verschiedensten oft später verbotenen Organisationen. Der Nationale Widerstand Dortmund (NWDO) sei dabei schon die siebte verbotene Organisation gewesen, so Krolzig.
Er beschrieb – offenbar mit den Tränen kämpfend – Borchardt in glühenden Farben und würdigte ihn als Nationalisten, Patrioten, Kameraden, leidenschaftlichen Hooligan, Politiker, väterlichen Freund, Familienmenschen, Frauenschwarm und Gigolo. Seine Verfehlungen und Straftaten wurden dabei natürlich zu Heldentaten verklärt. Dabei war es unerheblich, ob dies schulische Verweise, disziplinarische Strafen in seiner Zeit bei der Bundeswehr oder eben Straftaten waren. Und davon gab es nicht wenige….
„Die Rechte“ ruft zu Patrouillen auf dem Hauptfriedhof auf und bietet 1000 Euro Belohnung
Hervorgehoben wurde seine Stärke als Netzwerker. Das wurde auch bei der illustren Schar der Teilnehmenden auf der Trauerfeier deutlich: Vertreter verschiedener Rechtsaußen-Parteien, von Kameradschaften, Vereinen und Gruppen waren vertreten. Am bekanntesten war Borchardt als Gründer der „Borussenfront“ – viele seiner alten Weggefährten trugen dies denn auch zur Schau.
Alle gemeinsam machten keinen Hehl daraus, „SS-Siggi“, der sich selbst lieber den Spitznamen „SA-Siggi“ gegeben hätte, auch künftig als Helden verehren zu wollen. Krolzig kündigte denn auch an, dass man sich künftig immer am 3. Oktober seiner erinnern wolle. Ob man dies dann aber im nicht-öffentlichen Kreise der Kameraden oder mit Aufmärschen im öffentlichen Raum tun wolle, ließ der Co-Bundesvorsitzende der Partei „Die Rechte“ in seiner „Trauerrede“ offen.
Auch nach dem Tod soll Borchardt seine Bedeutung als Galionsfigur und seine Strahlkraft als Symbol nicht verlieren – auch nicht als Feindbild für die Antifa. So hat die Partei schon jetzt vorsorglich 1000 Euro Belohnung ausgerufen. Sie will damit prophylaktisch eine „Grabschändung“ verhindern.
Dies ist wohl auch ein Grund für eine angeblich 800 Kilogramm schwere Platte, mit der das Grab abgedeckt werden soll. Zudem forderte „Die Rechte“ auf einem Online-Kanal indirekt dazu auf, auf dem „weitläufigen Hauptfriedhof“ Patrouille zu gehen und erinnerte daran, auch vom „Jedermannfestnahmerecht“ Gebrauch zu machen.
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Reader Comments
Irmela Mensah-Schramm
Ich weiß nicht, was das soll, wenn sich all die Medien auf die Berichterstattung zu dem Begräbnis des Ekel-Obernazis stürzen, als ob es nicht’s Wichtigeres gäbe!
Ich finde es als eine unerträgliche ‚Hofierung‘ , die ich auch als „Würdigung“ sehe!