Bunt gekleidete Menschen wohin das Auge reicht – etwa 7.000 Menschen zogen beim Christopher Street Day durch große Teile der Dortmunder Innenstadt. Neben dem Feiern ging es auf der „Pride Parade“ am 3. September 2022 aus aktuellem Anlass auch um Gewalt gegen queere Menschen und Forderungen nach mehr Akzeptanz und Toleranz.
Der Christopher Street Day in Dortmund als „Protestparty“
Am vergangenen Samstag fand unter dem Motto „Gemeinsam mit viel Liebe – Hand in Hand für Menschenrechte“ der Christopher Street Day in Dortmund statt. Startpunkt war der Nordausgang des Hauptbahnhofs.
Vorne weg fuhr ein Lautsprecherwagen – ihm folgten rund 7.000 friedliche und überwiegend junge Menschen. Zunächst die Mallinckrodt- und Leopoldstraße entlang, zog die Demonstration weiter über den Wall und den Westen- und Ostenhellweg zur Abschlusskundgebung am Friedensplatz.
Bunte Kostüme, Schminke und Plakate zierten die zahlreichen Teilnehmer:innen. Es wurde ausgelassen getanzt, mitgesungen und gefeiert. Doch die Akzeptanz im Rahmen des CSD’s trügt. „Es ist wichtig, dass wir zeigen, dass wir an ihn denken (gemeint ist Transmann Malte C., der beim CSD in Münster tödlich verletzt wurde) und dass Gewalt alltäglich ist, aber dass wir für Liebe und ein gutes Miteinander stehen“, betonte Paul Klammer vom Slado e.V. gleich zu Beginn.
Es gab Provokationen und Störungen durch Neonazis
Direkt zu Beginn der Demonstration störten offenbar Neonazis in der Kurfürstenstraße die Demo: So soll die Demo mit Eiern und anderen Flüssigkeiten aus einer Wohnung beworfen bzw. bespritzt worden sein. Das wird auch bei Twitter von Antifaschist:innen dokumentiert. Einer der beiden Personen sei angeblich als „Aussteiger“ aus der rechten Szene bekannt, schreibt die „Mean Streets Antifa“.
Anzeige seitens der Demonstrierenden sei jedoch nicht erstattet worden, teilte die Pressestelle der Polizei Dortmund mit. Daher ermittelt die Polizei nicht – auch nicht von Amts wegen. Denn wenn habe es sich nur um eine einfache Körperverletzung gehandelt – da könne die Polizei nur ermitteln, wenn Demo-Teilnehmende Anzeige erstatten würden.
Als der Demonstrationszug auf dem Wall den Hauptbahnhof erreicht, kommt es zu einem skurrilen Bild. Sascha Krolzig, früherer Bundesvorsitzender der Partei „Die Rechte“ und aktuell noch Bundesvorstandsmitglied, sowie Neonazi-Aktivist Christian M., standen plötzlich inmitten des CSD-Zuges. Verlaufen haben sie sich jedoch nicht – ganz im Gegenteil: Sie fotografieren gezielt die Teilnehmer:innen des CSD. Im Nachgang gibt die Polizei Dortmund bekannt, sie habe auf Höhe des Hauptbahnhofs zwei Rechtsextremisten Platzverweise erteilt. Ob es sich dabei um M. und K. handelt, teilt sie jedoch nicht mit.
Christopher Street Day: Eine gewaltsame Razzia war Ursprung der ersten „Pride Parade“
Das Jahr 1969: Zwischen Woodstock und Protesten gegen den Vietnam Krieg fand in den USA eine gesellschaftliche Veränderung statt – von der queere Menschen leider kaum profitierten. Die Wenigsten trauten sich, ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität offen auszuleben. Wer sich in queere Bars traute, musste damit rechnen bei einer von vielen Razzien durch die Polizei verhaftet zu werden.
Eine dieser gewalttätigen Razzien sollte am 28. Juni 1969 im „Stonewall Inn“ in der Christopher Street in New York stattfinden. Doch dieses Mal setzen sich die Besucher:innen der Bar zur Wehr – die über Jahre angestaute Wut entlud sich in von Gewalt geprägten Nächten. Es kam zu tagelangen Straßenschlachten zwischen der Polizei und queeren Menschen.
Nach den „Stonewall-Unruhen“ gründeten sich erste politische Gruppierungen wie die „Gay Liberation Front“ und forderten Toleranz und mehr Rechte ein. Die mediale Aufmerksamkeit sorgte dafür, dass queeren Menschen erstmals in der Öffentlichkeit ein Gesicht gegeben wurde. Am ersten Jahrestag der Razzia im „Stonewall Inn“ fand der erste Christopher Street Day mit etwa 4.000 Demonstrant:innen im New Yorker West Village statt.
53 Jahre später erfahren queere Menschen immer noch Anfeindungen in der Öffentlichkeit
Am zehnten Jubiläum der „Stonewall-Unruhen“ fand der erste Christopher Street Day in Berlin statt. Rund 450 Teilnehmer:innen forderten damals die ersatzlose Streichung des Paragraphen 175. Dieser stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe und galt bis 1969 sogar noch in der verschärften Fassung der Nationalsozialisten.
Jüngste Ereignisse zeigen: Abneigung gegenüber queeren Menschen kann in Gewalt enden
Wie weit der Hass gegen öffentlich erkennbare queere Menschen gehen kann, zeigen Vorfälle im Rahmen der diesjährigen „Pride Parades“. Im Juni wurde am CSD-Wochenende in der norwegischen Hauptstadt Oslo das queere „London Pub“ angegriffen. Ein Mann schoss mit einer Schellfeuerwaffe auf Besucher:innen der Bar. Zwei Menschen starben, mindestens 21 wurden verletzt.
In Dortmund wurden am 27. August fünf Gäste nach der Vorparty des CSD in der Berswordthalle verbal und körperlich angegriffen. An der Reinoldikirche trafen die Partybesucher:innen auf eine Gruppe von vier Männern, die sich durch die Regenbogenflaggen provoziert fühlten.
Nach einer verbalen Auseinandersetzung verfolgten die Männer die Gruppe von Partygästen und griffen diese an. Einer der Partygäste ging zu Boden, mehrere wurden von dem Pfefferspray der Angreifer ins Gesicht getroffen und mussten anschließend medizinisch versorgt werden.
Trans-Mann Malte C. wird ins Koma geprügelt und verstirbt kurz nach der Hasstat
Am selben Tag wurde ein 25-Jähriger Trans-Mann am Rande des CSD in Münster lebensbedrohlich verletzt. Zeugenaussagen zufolge habe der männliche Angreifer gegen 20 Uhr mehrere Teilnehmerinnen als „dreckige Lesben, dreckige Huren“ beleidigt und sei drohend auf sie zugegangen.
Malte C. habe die Situation beobachtet und den Unbekannten gebeten, diese Beleidigungen zu unterlassen. Mehreren Medienberichten zufolge habe der Angreifer gesagt „du bist kein richtiger Mann“ und dem couragierten Zeugen dann unvermittelt ins Gesicht geschlagen. Durch den Schlag habe der Geschädigte das Gleichgewicht verloren.
Der Beschuldigte habe wiederholt zum Schlag ausgeholt und dem taumelnden Mann einen erneuten gezielten Faustschlag ins Gesicht versetzt, sodass der Geschädigte das Bewusstsein verloren habe und zu Boden gefallen sei. „Der Geschädigte fiel in Rückenlage zu Boden und schlug mit dem Hinterkopf auf den Asphalt auf. Der Verletzte war nicht mehr ansprechbar“, heißt es in der Pressemitteilung der Polizei Münster. Malte C. wurde ins künstliche Koma versetzt und erlag am 2. September seinen Verletzungen.
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