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„Wir könnten in Europa nur zusammenkommen mit einer Sozialwende bei uns und einer Politikwende in Europa“

Marco Bülow und Gesine Schwan standen zum Thema „Sozialwende jetzt!“ Rede und Antwort. Foto: Claus Stille

Marco Bülow und Gesine Schwan standen zum Thema „Sozialwende jetzt!“ Rede und Antwort. Foto: Claus Stille

Schade, dass sie nicht Bundespräsidentin geworden ist, fand gewiss nicht nur allein Marco Bülow. Der Dortmunder Sozialdemokrat, der abermals für den Bundestag kandidiert, hatte zu seiner Kundgebung „Sozialwende jetzt!“ eingeladen: Ehrengast auf dem Reinoldikirchplatz war Prof. Gesine Schwan, Vorsitzende der Grundwertekommission der SPD.

Herausforderung: Gegen technische Probleme und Kirchengeläut anreden

Einem technischen Problem an der Mikrofonanlage begegneten in einer ersten Gesprächsrunde auf dem Podium Marco Bülow, DGB-Dortmund-Hellweg-Chefin Jutta Reiter und Gunther Niermann (Kreisgruppengeschäftsführer des Paritätischen) überbrückend mit ihren „Naturstimmen“.

Wacker gegen das nun auch noch einsetzende Geläut von St. Reinoldi sprach Tobias Scholz vom Mieterverein Dortmund an. Hilfe zwecks Stimmenverstärkung kam dann in Form eines Megafons heran, das der NGG-Gewerkschafter Manfred Sträter flugs geholt hatte. Gerade rechtzeitig, bevor Gesine Schwan ans Rednerpult trat, die zur Veranstaltung aus Berlin angereist war.

Schwan schlug von Dortmund ein Bogen nach Europa, das „für Viele nicht mehr eine wirkliche Heimat“ sei. Weil sie den Eindruck hätten, dass „aus Europa ein kalter Wind und nicht warmer – ein Schutzwind –  kommt“.

Gesine Schwan: „Die Ungleichheit ist eine riesige menschliche Gefahr“ 

„Die Ungleichheit ist eine riesige Gefahr für die menschliche Situation, psychische Situation und den Zusammenhalt.“ 

„Die Ungleichheit ist eine riesige Gefahr für die menschliche Situation, psychische Situation und den Zusammenhalt“, betont Schwan. Foto: Claus Stille

In den letzten zwei Jahrzehnte und besonders seit der Bankenkrise 2007/2008 – die zu einer Staatsschuldenkrise umdefiniert worden sei – hätte die Politik nicht darauf geachtet, dass die Menschen sich sozial gesichert fühlten, sondern sie im Gegenteil „sozial verunsichert hat“.  Eine große Gefahr, die rechtspopulistischen Parteien in die Karten spiele.

Gesine Schwan erklärte, warum in Deutschland kaum Verständnis für die mit Problemen kämpfen Südländern aufkomme: „Durchschnittlich“ ginge es eben den Menschen hierzulande noch gut, die Sozialsysteme funktionierten noch relativ gut.

Aber große Gefahren bergen, so Gesine Schwan weiter, die finanziell so unterschiedlichen Situationen, in den sich Kommunen, Regionen und Länder in Deutschland wie insgesamt in Europa im Gegensatz zu reichen Kommunen und Landesteilen befänden.

Wie überhaupt das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich beängstigend sei. Das führe psychologisch betrachtet auch zu einer Selbstentwertung der Menschen. „Die Ungleichheit ist eine riesige Gefahr für die menschliche Situation, psychische Situation und den Zusammenhalt.“  Die neoliberale, marktradikale Politik der letzten Jahrzehnte habe „auch immer mehr das Bewusstsein dafür getrübt, dass wir eine solidarische Verantwortung haben“.

Eine Sozialwende in Deutschland und einer Politikwende in Europa gefordert

Gesine Schwan suchte das Gespräch mit den PassantInnen und GenossInnen.

Gesine Schwan suchte das Gespräch mit den PassantInnen und GenossInnen.

Falsch sei, das Deutschland anderen Ländern Austerität predige, selbst jedoch eine Staatsinvestitionspolitik betreibe. Mit des Bundesfinanzministers schwarzer Null profitiere Deutschland ausgesprochen davon, dass es anderen Ländern so viel schlechter gehe.

„Wir könnten in Europa nur zusammenkommen mit einer Sozialwende bei uns und einer Politikwende in Europa“, ist sich Prof. Schwan sicher. „Dann hört es endlich auf mit der Neubildung der nationalen Vorurteile, die für mich, die ich Jahrgang 1943 bin, unerträglich sind.“

Davon zeigte sich die Politikwissenschaftlerin überzeugt und gab darüber hinaus zu bedenken: Deutschland habe „keine Zukunft mit Demokratie, Wohlstand, Stabilität und Sicherheit, wenn es nicht umgeben ist von einem Europa, das auch in Stabilität, Wohlstand und demokratischer Sicherheit lebt.“

Was Gesine Schwan dem neuen Bundestag ins Stammbuch schreibt

Im Gespräch mit Marco Bülow regte Schwan ein verantwortungsvolles Wachstum an. Auch in den Dienstleistungen wie Pflege und Bildung. Nur müssten diese Dienstleistungen anders und nicht nur als Konsumtivausgaben – die also nur Geld verschlängen – ge- und bewertet werden.

Dem neuen Bundestag würde Gesine Schwan ins Stammbuch schreiben, zu begreifen, „dass die Grundwerte als Orientierung dienen und weder Luxus noch Hindernis für eine Realpolitik sind, sondern die Bedingung dafür, dass und wie wir zusammen friedlich leben können.“  Überdies dürften Alternativen – wie bei Merkel üblich – nicht mehr unter den Tisch gekehrt werden.

Sozialdemokratie, darin erinnerte Schwan, wohne das besonderes Merkmal Solidarität inne. Das müsse auch im Bundestag eingefordert und Alternativen diskutiert werden. Und zu Marco Bülow gewandt, sagte Schwan: „Da habt ihr viel zu tun.“

DGB-Vorsitzende Reiter: „Die Schuldenbremse wird uns das Genick brechen“

Marco Bülow und Gesine Schwan standen zum Thema „Sozialwende jetzt!“ Rede und Antwort. Foto: Claus Stille

Marco Bülow hat das Thema „Sozialwende jetzt!“ mit vielen MitstreiterInnen auf den Weg gebracht. Foto: Claus Stille

Zuvor hatte Marco Bülow einmal mehr die derzeitige soziale Situation in Deutschland dargestellt. Der Sozialdemokrat hat mit Mitstreitern ein Dossier „Sozialwende jetzt!“ (erhältlich in Bülows Büro, Brüderweg 10-12 sowie online) zusammengestellt, dass so Bülow, Fakten enthält, die „erschreckend“ seien.

Schon die Tatsache, dass „zehn Prozent der Menschen in Deutschland sechzig Prozent des Vermögens besitzen und die Hälfte der Bevölkerung ein bis zwei Prozent des Vermögens besitze“, lasse rote Warnlampen aufleuchten. Bülow berichtete von seiner seit Januar währenden Sozialtour und den dabei erfahrenen, zunehmenden Problemen in sozialen und Pflegeeinrichtungen der Stadt.

DGB-Chefin Jutta Reiter informierte über die zunehmende Tarifflucht, die allgemeine soziale Schieflage in ihrem Wirkungskreis, prekäre Arbeitsverhältnisse (wo Beschäftigte noch beim Jobcenter aufstocken müssen) sowie die in zehn bis zwanzig Jahren daraus resultierende Rentenarmut.

Sie skandalisierte, dass hier jedes 3. Kind von Armut betroffen sei und prophezeite: „Die Schuldenbremse wird uns das Genick brechen.“ Eine Forderung des DGB ist die Schaffung eines sozialen Arbeitsmarktes.

Schockierende Zahlen für Dortmund aus dem Mund von Gunther Niermann

Gunther Niermann vom Paritätischen kritisierte das Unterlaufen von Tarifen. Und nannte die schockierende Zahl von 14.000 Dortmunderinnen und Dortmundern die von ihrem Lohn nicht leben und als Aufstocker zum Jobcenter müssen.

Bereits jetzt seien fünf Prozent der RentnerInnen ebenfalls AufstockerInnen. Eine weitere nicht weniger erschreckende Zahl: Täglich werden 11.400 Menschen in der Stadt von Tafeln mit Lebensmitteln versorgt. Niermann findet das „skandalös“.

Immer mehr Wohnungslose, wob Marco Bülow ein, müssten mangels Unterkunftsplätzen abgewiesen werden. Niermann ärgerte sich darüber, dass immer wieder davon die Rede sei, dass Menschen es sich in der sozialen Hängematte bequem machten. Dies sei eine Legende. Fakten dazu seien nicht zu finden.

Mieterbund-Vertreter Scholz mahnte „ein wirksame Mietbremse“ an

Die Samba-Gruppe „Até Logo“ sorgte für den musikalischen Rahmen. Foto. Claus Stille

Die Samba-Gruppe „Até Logo“ sorgte für den musikalischen Rahmen. Foto. Claus Stille

Tobias Scholz vom Mieterbund erinnerte an den Verkauf und die Privatisierung von Wohnraum in Dortmund. Davon seien in den letzten Jahren 40.000 ehemals sozial geförderte Wohnungen betroffen gewesen. Scholz mahnte „eine wirksame Mietbremse“ dringend an.

Die Kundgebung auf dem Reinoldikirchplatz zog in deren Verlauf immer mehr interessierte Menschen an. Wohl auch angelockt von den heißen Rhythmen, der in der Pause zwischen den Vorträgen und am Ende der Veranstaltung aufspielenden Samba-Gruppe „Até Logo“.

Ihre Mitglieder sorgten mit ihren mit Verve durch die Luft wirbelnden Trommelstöcken auf ihren Klanginstrumenten für einen unterhaltsamen musikalischen Rahmen.

Hier gibt es das Papier als PDF zum Download: Sozialwende jetzt!

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