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„Wieder gerne lernen“: 15 Jahre erfolgreiche Arbeit gegen Schulmüdigkeit und Schulabbrüche in Dortmund

15 Jahre Kontakt- und Beratungsverbund: Von „Kein Bock auf Schule?!“ zu „Wieder gerne lernen“. Grünbau. v. l.: Oliver Uzunkol, Angela Dietz, Joachim Thiele, Katrin Vinogradov, Ute Lohde, Dezernentin Daniela Schneckenburger

15 Jahre besteht der in Dortmund der Kontakt- und Beratungsverbund. Foto: Klaus Hartmann

In Dortmund verlassen – und das schon seit Jahrzehnten – vergleichsweise viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Bundesweit sind es knapp sechs Prozent – in Dortmund hingegen aktuell 7,8 Prozent und damit auch mehr als im Durchschnitt der Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen. Grünbau und AWO kümmern sich schon sehr lange um schulmüde Jugendliche und Abbrecher*innen.

Kontakt- und Beratungsverbund wurde vor 15 Jahren gegründet

Der eigens dafür gegründete Kontakt- und Beratungsverbund besteht mittlerweile seit 15 Jahren. Er entstand im Jahr 2001 aus der Fachtagung „Kein Bock auf Schule?!“. Mittlerweile werden jährlich bis zu 200 Schulverweigerer*innen ab 12 Jahren bis zur Beendigung des 10. Schulbesuchsjahres aller Schulformen von pädagogischen Fachkräften beraten und begleitet.

Ziele der Beratung sind die Verhinderung vorzeitiger Schulabbrüche, die Vermeidung bzw. die Verringerung von Schulmüdigkeit und -verweigerung, die Reintegration der Verweigerer in die Schule, die Unterstützung der Jugendlichen beim Erreichen eines Schulabschlusses sowie eine ressourcenorientierte Förderung der Lernmotivation und des Selbstwertgefühls der Schüler*innen.

Doch warum gibt es überhaupt mehr Schulverweiger*innen in Dortmund? Für dobeq-Geschäftsführer Joachim Thiele sind vor allem die sozialen Rahmenbedingungen dafür verantwortlich: Eine immer noch vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit und damit verbundene Armut.

Cybermobbing ist heute eine der Hauptursachen für Schulverweigerung

Ute Lohse (Grünbau) und Achim Thiele (dobeq) kümmern sich seit Jahren um dieses Thema. Foto: Alex Völkel

Ute Lohse (Grünbau) und Achim Thiele (dobeq) kümmern sich seit Jahren um dieses Thema. Foto: Alex Völkel

Doch die Ursachen von Schulmüdigkeit haben sich teils verändert: „Wir verzeichnen eine Zunahme von multiplen psychischen Problemen, wo Beratung allein nicht funktioniert und wo therapeutische Bedarfe indiziert sind“, erklärt Thiele.

Doch hier ist das Ruhrgebiet benachteiligt – es gibt bislang noch einen zu niedrigeren Versorgungsgrad mit Psycholog*innen und Therapeut*innen. Die Wartezeiten betragen z.T. bis zu 12 Monate.

Doch auch andere Herausforderungen kommen hinzu: „Im Moment haben wir zudem sehr viele Schulverweigerer, wo Mobbing hinter der Problematik steckt – in all den modernen Formen wie zum Beispiel Cybermobbing“, ergänzt Ute Lohde von Grünbau.

Zudem kommen in den letzten Jahren noch mehr zugewanderte Kinder. Da stecken auch noch andere Problematiken dahinter. Bei Geflüchteten sind häufig traumatische Erfahrungen ursächlich, bei Armutszuwanderer-Kindern sind es die prekären Lebensbedingungen.

Doch die Arbeit des Kontakt- und Beratungsverbundes hat schon vieles bewegt: Die Schulen haben sich dem Thema geöffnet: Mehr jüngere Schüler*innen werden gemeldet. „Das hat auch etwas mit der Sensibilisierung zu tun, dass man in Schulen hinguckt und früher reagiert.“ Wichtig ist dabei die Arbeit der Schulsozialarbeiter*innen, die es flächendeckend an allen Schulen gibt.

Je früher ich intervenieren, desto größer sind die Chancen auf Reintegration

15 Jahre Kontakt- und Beratungsverbund: Von „Kein Bock auf Schule?!“ zu „Wieder gerne lernen“. Grünbau. Dezernetin Daniela Schneckenburger

Dezernentin Daniela Schneckenburger gratulierte zum Jubiläum. Foto: Klaus Hartmann

Eine frühe Intervention ist von Vorteil für die Jugendlichen. Beide Träger haben daher in Zusammenarbeit mit Schule und Fachkräften der Jugendhilfe und Jugendberufshilfe gemeinsam ein Frühwarnsystem mit Indikatoren entwickelt, die den Lehrkräften bei der Erkennung helfen sollen.

„Wenn ich erst in der 9. oder 10. Klasse interveniere, dann ist die Chance zur schulischen Reintegration schwieriger. In der Grundschule liegt die Erfolgsaussicht noch bei 100 Prozent, in der 5. bis 7. Klasse bei etwa 80 Prozent und in der 8. und 9. nur noch 50 Prozent“, verdeutlicht Lohde.

„Da sind so verfestigte Raster entstanden, dass der Weg zurück in die Schule schwierig ist. Dann müssen wir eher auf den Arbeitsmarkt vorbereiten“, so Thiele. Dabei helfen die außerschulischen Lernorte wie z.B. die Lernwerkstatt Multimedia der dobeq. Die Arbeit läuft gut – es gibt viele Erfolgsgeschichten. Allerdings gibt es noch keine flächendeckende Anwendung des Indikatoren- und Frühwarnsystems.

Große Finanzierungslücke – Anbieter müssen viele Eigenmittel aufbringen

Noch viel gravierender ist allerdings die nicht ausreichende Finanzierung der Arbeit. Das Land finanziert nur einen Teil der Kosten, die Stadt übernimmt ebenfalls einen Teil. Dennoch bleibt immer ein großes Loch für AWO und Grünbau.

„Als Träger müssen wir uns permanent um Co-Finanzierungen kümmern. Außerdem stecken wir auch viel Eigenmittel rein“, erklärt dobeq-Geschäftsführer Thiele. „Wir brauchen mehr Sicherheit und Nachhaltigkeit, damit wir die Arbeit kontinuierlich weiterführen können. Es ist eine wichtige Aufgabe, womit wir uns nachhaltig beschäftigen wollen – sage ich als AWO.“

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