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Vom Wohnzimmer ins Museum: Das MKK Dortmund begutachtet seit vielen Jahren private Kunstgegenstände

„Schätzchen“ oder nicht? Im MKK wird private Kunst begutachtet. – Fotos: Leopold Achilles

Ob röhrender Hirsch in Öl, ein Siebdruck von Hundertwasser oder einfach nur das hübsche Zuckerdöschen von Oma aus der Vitrine: Seit vielen Jahren bietet das Museum für Kunst- und Kulturgeschichte (MKK) an jedem ersten Freitag im Monat interessierten BürgerInnen aus Dortmund und Umgebung die Gelegenheit, von ExpertInnen mehr über ihre privaten „Schätzchen“ zu erfahren. Neugier, allein, genügt aber offenbar nicht.

Keine „Schätzungen zum Wert der Kunstgegenstände“ – dennoch bringen viele ihre Schätzchen

Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, der berüchtigte deutsche Rothirsch auf irgendeiner Halblichtung, gnadenlos dick aufgetragen mit Ölfarben auf Leinwand, ewig röhrend, im goldfarbenen Kitsch-Rahmen und frisch abgehängt über‘m Plüschsofa im Eiche-Rustikal-Wohnzimmer – er tauchte glücklicherweise nicht auf.

Trotz solcher Gefährdungen: Die Menschen, die sich an diesem Freitagmorgen im MKK gegenüber dem Hauptgebäude der Volkshochschule Dortmund einfinden, haben allerlei Sehenswertes im Gepäck. Sie sind gekommen, um ihre Dachboden- und Kellerfunde, einstige Flohmarktschnäppchen oder sorgfältig behütete Erbstücke, die da wie Kunst aussehen oder es vielleicht sogar sind, dem Blick vom Fach zu präsentieren. Um endlich Gewissheit zu haben, so der Eindruck.

Worüber eigentlich? Etwa um sich – wie es vorab in der Presseerklärung der Stadt Dortmund vorsichtig hieß – „über den Zustand mitgebrachter Objekte“ zu informieren und sich darüber hinaus beraten zu lassen, „wie damit umzugehen“ sei? So als drängte es nach Antworten auf Fragen wie: „Gut erhalten – schlecht erhalten?“ „Wie Staub wischen?“ Wohl kaum.

Etwas mehr sollte es offenbar doch sein. Das wiederum schien auch den kommunal Verantwortlichen der Veranstaltung zu dämmern. Weshalb sie sicherheitshalber, aber wohl vor allem zur rechtlichen Absicherung in dieselbe Ankündigung den unmissverständlichen Satz hineinschreiben ließen: „Schätzungen zum Wert der Kunstgegenstände sind allerdings ausgeschlossen.“ – Was treibt die Menschen dann an, sich hier einzufinden?

Ein Bürgerservice des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte seit vielen Jahren

Zwei Gutachterinnen haben hinter der Tischreihe in der Rotunde des ersten Stocks im MKK Platz genommen. Nach und nach treffen Menschen mit Koffern, großen Tüten, einem Tragesack oder einfach nur einer geheimnisvoll gefüllten Handtasche ein. Sie sind häufig älteren Jahrgangs, manchmal helfen ihnen sie begleitende Jugendliche. 10 Euro haben sie bezahlt, um maximal drei Wertgegenstände den Expertinnen präsentieren zu können.

Seit nunmehr 27 Jahren böte das MKK diesen Bürgerservice monatlich an, immer am jeweils ersten Freitag, erklärt auf Nachfrage Dr. Brigitte Buberl, Kunsthistorikerin und Leiterin der Kunstsammlungen im MKK. Heute begutachtet sie wieder mit ihrer Kollegin, was da den beiden Fachfrauen hoffnungsvoll zugetragen wird.

Der Andrang ist diesmal allerdings mäßig. Ein knappes Dutzend der durchnummerierten Tickets wurden vielleicht verkauft. Das ist allemal zu schaffen. Bis zu 40 seien es gewesen, als die Begutachtungsgebühren noch niedriger lagen – zu viel, verrät die Kunst-Expertin. Jetzt sei es glücklicherweise überschaubarer geworden.

„Straße der Überlebenden“ – Das Geheimnis einer Farbserigraphie von Hundertwasser

Ein Geschwisterpaar steuert bereits wieder auf den Ausgang zu. Bei dem kleinen, tönernen, krokodilähnlichen Wesen, das die etwas ältere der beiden liebevoll in den Händen hält, konnte Brigitte Buberl nicht wirklich weiter helfen. Nicht einmal der Herkunftskontinent des Kunstobjekts ließ sich zweifelsfrei bestimmen. Aber einen Rat hatte sie dennoch parat: Das Übersee-Museum Bremen wäre hier wohl die richtige Adresse, um mehr zu erfahren, was es mit dem zerbrechlichen Tier auf sich hätte.

Und dann ist da noch die Hundertwasser-Reproduktion. Ihr Vater, der 1984 verstorbene Architekt Menzel, seinerzeit von Berufswegen für die Errichtung des Dortmunder Keuning-Hauses verantwortlich, habe den Siebdruck irgendwann einmal erworben, sagt die andere Schwester. Gerne behielte sie ihn für sich, aber dies ginge nach innerfamiliärer Vereinbarung nur, wenn er relativ wertlos sei. Sonst solle verkauft werden.

Die Antwort steht nach der Begutachtung noch aus. Denn auf der drucksignierten Farbserigraphie – dem zweiten Blatt des Hundertwasser-Portfolios „Look at it on a rainy day“ von 1971/72 – mit dem Titel „Straße der Überlebenden“ ist die genaue Stempelnummerierung neben der Auflagenhöhe von 3000 etwas verblasst.

Immerhin wurde eine solche Serigraphie mit lesbarem Zifferncode bei einem bekannten Auktionshaus vor einigen Jahren einmal für 1.800 Euro angeboten. Grund genug für die beiden Schwestern, daheim eine gute Lupe zur Hand zu nehmen und eine Entscheidung zu treffen.

„Elfenbein“ aus Ostasien für den profitablen Export in eher bildungsfreie europäische Wohnstuben

Keine wirklich große Entdeckung habe es in all den Jahren gegeben, erzählt Brigitte Buberl. Bis in den Bereich von etwa 10.000 Euro sei man bei den apportierten Kunstgegenständen schon mal vorgedrungen. Aber Leute, die einen Monet zuhause rumstehen hätten – das sei eine ganz andere Größenordnung. Und die wüssten das auch, erläutert die Kunsthistorikerin. Weshalb solche Gemälde einfach ohne großes Aufsehen vererbt würden. Und selbstverständlich ohne weiteren Explikationsbedarf.

Schon nimmt der nächste Besucher mit seinen Kostbarkeiten am Begutachtungstisch Platz. Der Mann mittleren Alters hat zwei in Zeitungspapier eingewickelte und nach ostasiatischen Motiven modellierte Stoßzähne mitgebracht. Bei laienhaften BeobachterInnen der Szenerie schrillen natürlich sofort die Alarmglocken: Einfuhrverbot von Elfenbein! – Ankaufs- und Verkaufsverbot? – Wird es jetzt komisch?

Aber dank der Expertise von Brigitte Buberl entspannt sich die – gedacht aufgeladene –  Atmosphäre unverzüglich, bevor es überhaupt zu knistern anfangen kann. Aller Wahrscheinlichkeit nach handele es sich hier um einen elfenbeinähnlichen Kunstguss für den Export zum nicht-asiatischen Markt, erkennt die Kunsthistorikerin nach kurzer Prüfung. Für Elfenbein seien die beiden zahnförmigen Modelle viel zu massiv, viel zu schwer, und vor allem zu glatt, weil ohne elfenbeintypische Maserungen.

Die Hoffnung, etwas Wertvolles zu besitzen, ist zäh – und ihre Zerstreuung braucht viel Geduld

Dass es sich bei den beiden „Stoßzähnen“ um gegossene Imitate handelt – dieser Verdacht war dem Eigentümer wohl auch schon gekommen. Seine „Vorab-Infos“, die er bereits eingeholt habe, deckten sich damit, gibt er zu Protokoll. Dennoch ist ihm seine Enttäuschung anzumerken. So leicht zerplatzen die Träume vom großen Wurf nun doch wieder nicht. Deshalb begründet die erfahrene Kunsthistorikerin ihr Urteil auf die vorsichtigen Nachfragen des desillusionierten Besitzers geduldig und detailliert.

Bei Elfenbeinarbeiten sei der Fuß in der Regel aus Bronze; hier aber handele es sich offenbar um dasselbe Material, aus dem die Zähne selbst gegossen wurden, nur sei es eingefärbt. Des Weiteren: Wäre es wirklich Elfenbein, dann hätten die beiden Kunstgegenstände „eine tiefere Bedeutung gehabt, weil jeweils ein ganzer Zahn verarbeitet worden wäre“, so die Gutachterin. Dem widerspräche aber, erlischt sie schließlich den letzten Funken Hoffnung des bis dahin stolzen Besitzers, dass etwa die eingearbeiteten Motive auf der einen Figur nicht allesamt dem ostasiatischen Raum zuzuordnen seien. Beispielsweise befände sich in ihrem oberen Bereich eine Art Drachentöter wie der Hl. Georg, während unten ein chinesischer Drache dargestellt würde.

Deshalb, so ihre vernichtende Schlussfolgerung, handele es sich bei beiden Stoßzähnen vermutlich um „Augenpfeffer“: hergestellt für den Export, nicht wirklich gut, höchstens 100 Jahre alt. Punkt. – Aber einen Rat hat sie auch in diesem Fall parat, vielleicht aus der Erfahrung, dass es einige Menschen trotzdem nicht glauben wollen: Kontakt aufnehmen mit dem Ostasiatischen Museum in Köln. Die wissen es sicher noch überzeugender.

Was das „Wertvolle“ an Kunst ist – bestimmt (leider) nur ihr variierender Marktpreis

Wie denn die relative Beratungsresistenz bei so manchen ZeitgenossInnen, die ihr Schätzchen ins MKK brächten, zu erklären sei? Dr. Brigitte Buberl kann es nachvollziehen: Da hätten die Eltern vor langer Zeit einmal einen Kunstgegenstand gekauft und dafür vielleicht ein ganzes Monatsgehalt ausgegeben. Und der solle nun nichts mehr wert sein? Schwer zu glauben. Zumal er ja älter geworden ist.

Dass sich der Kunstmarkt verändert und das, was einst nachgefragt war, heute unter Umständen kaum noch jemand interessiert, sei für viele daher nur schwer begreiflich, erklärt die Expertin. Zudem unterlägen Laien immer wieder der drastischen Fehlannahme, dass etwas Hübsches auch zwingend wertvoll sei. Zumal, wenn es lange im Familienbesitz war und über viele Generationen vererbt wurde.

Schließlich, so Buberl mit kritischem Blick, gäbe es deutschlandweit operierende Galerieketten. Die empfingen die KundInnen zwar wie Könige, verkauften ihnen dann aber auch Kunst zu entsprechenden Preisen: bis zum zehnfachen des üblichen Marktwertes würde in solchen Etablissements verlangt. Und später fallen die so über den Tisch gezogenen KäuferInnen im MKK hinten rüber.

Ein Hundertwasser zum Zweiten – in seinem Innersten aber anders als in der Erinnerung

Und dann geht es weiter an diesem Vormittag. Bis um 12 Uhr wird es noch so manche Enttäuschung geben. Einige können es nicht fassen und öffnen – spontan und fast verzweifelt – sorgfältig verklebte Bilderrahmen ohne weitere Hilfsmittel. Um im Inneren, an den Rändern oder auf der Rückseite des Bildes, vielleicht doch Belege zu finden, welche die beiden Expertinnen des MKK von Außen nicht zu erkennen vermochten.

Belege dafür, dass von einer Minute auf die andere nicht alles vorbei sein kann, woran sie jahrelang glaubten: dass sich wertvolle Kunst in ihrem Besitz befindet. Und womöglich Teil der eigenen Identität und des Selbstwertgefühls geworden ist. Wo jeder Verlust weh tut.

Da ist die Dame mit der Hundertwasser-Serigraphie, die jahrelang im Unternehmen ihres Ehemannes hing. Von einer Verwandten des Künstlers hätte dieser damals das mit einer Widmung signierte Bild geschenkt bekommen. Jetzt, nach dem Öffnen des Rahmens, vermutet sie, dass am unteren Rand des Siebdrucks etwas weggeschnitten worden sei. Und kann es nicht fassen.

Das geerbte Zuckerdöschen und ein bombastisch wirkendes Öl-Unikat geben sich die Ehre

Auch die nun vor Brigitte Buberl sitzende Dame „mit historischer Szene auf Kachel“ kann letztlich nur den gut gemeinten Rat erhalten, ihr Kunstwerk vielleicht im Badezimmer zu verbauen. Und vom sorgfältig verpackten Zuckerdöschen erfährt sie lediglich, dass es sich hier ziemlich sicher um eine Kitsch-Variation des beginnenden 20. Jahrhunderts handle. Vermutlich hergestellt im heutigen Tschechien und nicht etwa handbemalt, sondern unter Verwendung einer Schablone. Ernüchterung macht sich breit.

Andere nehmen’s eher sportlich. So der lasziv wirkende Eigentümer eines Gemäldes von Jörg Sommer, als Gegenstand schwer und kantig wie sein Motiv: der Schlachtensaal des Kölner Rathauses. Leider hatte der Künstler dieses Thema in verschiedenen Arbeiten immer wieder variiert. Und als besonders genial wurde die gequälte Darstellung bis heute ebenfalls nicht rezipiert.

Immerhin: Für ähnliche Öl-Bildnisse wurden in einigen Auktionshäusern schon um die 1200 Euro verlangt. Und auf dem einschlägigen Kleinanzeigenmarkt sind Interessierte mit 1.000 Euro dabei. Von einem einzigen gelungenen Verkauf in dieser Preislage ist allerdings nichts bekannt. „Macht nichts“, scheint sich der stämmige Besitzer zu denken. Und zieht mit seinem Schätzchen in den Armen und einem Lächeln unversehens von dannen.

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