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Utopisten und Weltenbauer für eine Ausstellung zu Gast im Künstlerhaus am Sunderweg

Ausstellung: Utopisten & Weltenbauer, Künstlerhaus am Sunderweg. "gute Reise", 68 Karteikarten und ein Karteikartenstapel mit Flugobjekt von Gaby Taplick

Ausstellung: Utopisten & Weltenbauer, Künstlerhaus am Sunderweg. „gute Reise“, 68 Karteikarten und ein Karteikartenstapel mit Flugobjekt von Gaby Taplick

Von Lia Lenz.

„Utopisten&Weltenbauer“ residieren grade im Künstlerhaus Dortmund. Die Ausstellung mit dem gleichen Titel beginnt am heutigen Freitag um 20 Uhr. Wer nicht gleich an Thomas Morus und Jules Verne denkt, wie Kuratorin Anett Frontzek, dem sei erklärt, es geht um Wunschträume, Visionen und fremde Welten.

Künstlerin Barbara Caveng baute Welten in einem Dorf an der polnischen Grenze

Ausstellung: Utopisten & Weltenbauer, Künstlerhaus am Sunderweg. Installation MI KRICHT HIER KEENER MEHR WECH / HEIMISCH, Pampsee von Barbara Caveng

Installation MI KRICHT HIER KEENER MEHR WECH / HEIMISCH, Pampsee von Barbara Caveng, rechts

Für Künstler fast ein Lebensraum. Die Arbeiten sind alle pointiert und liebevoll, jedoch beeindrucken die Werke am meisten, welche die Theorie in die Praxis umsetzten, die Vision leben.

Barbara Caveng ist so eine Weltenbauerin. Sie ging für ein halbes Jahr in ein Mecklenburgisches Dorf, Pampsee an der polnischen Grenze. Circa 600 Dorfbewohner, der Altersdurchschnitt 72 Jahre.

Die Themen, die das Dorf bewegen: Flucht, Vertreibung, der ökonomischer Kollaps. Dann zog Künstlerin Barbara ins Dorf, ausgestattet mit dem Projektstipendium „Kunst fürs Dorf-Dörfer für die Kunst“.

Sonnenscheingruppe, Holzbrigade und Kunstkiosk sind die Ergebnisse eines halbjährigen Aufenthalts

Ausstellung: Utopisten & Weltenbauer, Künstlerhaus am Sunderweg. Installation MI KRICHT HIER KEENER MEHR WECH / HEIMISCH, Pampsee von Barbara Caveng

MI KRICHT HIER KEENER MEHR WECH / HEIMISCH, Pampsee von Barbara Caveng

Sie besuchte die Bewohner, sprach mit der Dorfjugend, unter die alle Bewohner um die sechzig Jahre fielen. Wo liegt das Potential der Gegend, des Dorfes, was sind Wünsche und Hoffnungen der Bewohner?

Das hörte sie sich bei Gemeindeversammlungen oder auch bei Kaffee und Kuchen in Wohnzimmern an. Die Gespräche kann man teilweise in ihren Audio-Installationen im Künstlerhaus anhören.

Dann erschuf sie mit den Bewohnern Pläne und Visionen und Gruppen, welche diese in die Tat umsetzten. Es entstanden die Sonnenscheingruppe, die Holzbrigade und der Kunstkiosk.

„Upcycling“: Aus gebrauchten und nicht verwendeten Materialien etwas Neues schaffen

Ausstellung: Utopisten & Weltenbauer, Künstlerhaus am Sunderweg. Installation MI KRICHT HIER KEENER MEHR WECH / HEIMISCH, Pampsee von Barbara Caveng

MI KRICHT HIER KEENER MEHR WECH / HEIMISCH, Pampsee von Barbara Caveng

Aus Materialien, die sich in Haushalten oder der Umgebung fanden, entstanden erfindungsreiche, originelle Dinge. Selbst Bettbezüge und Vorhänge aus DDR-Zeiten wurden verwendet.

Genutzt wurden auch die Talente der Bewohner, welche die Künstlerin nur herauszukitzeln brauchte. Der „in-Ausdruck“ dafür: upcycling. Aus gebrauchten, nicht-verwendeten Materialien etwas Neues, Kreatives erschaffen.

Das kostet nichts außer Zeit und kreativen Einfälle. Den Anstoß dafür gab die Künstlerin, seitdem ist das Projekt ein Selbstläufer und erfolgreich. Eine Fernsehdokumentation und Internetauftritt gibt es, dazu ein Bildband und jede Menge Kunst.

„Artist-in-Residence“ Susanne Bosch zieht mit „Mobiler Werkstatt“ in der Nordstadt um die Häuser

Ausstellung: Utopisten & Weltenbauer, Künstlerhaus am Sunderweg. Die MOBILE Werkstatt - Glücklich kommt von Selbermachen von Susanne Bosch

Die MOBILE Werkstatt – Glücklich kommt von Selbermachen von Susanne Bosch

Eine Utopistin, die ihre Vorstellung von einer besseren Welt direkt und mit den Nordstädtern in die Tat umsetzt ist Susanne Bosch. Die Konsum- und Wegwerfgesellschaft stört sie.

Das Ende dieser Ära sieht sie außerdem längst gekommen: Mit der Finanzkrise erlebte sie das Platzen der ökonomischen Blase in Irland, auf einmal war kein Geld mehr da. Dafür aber Material und guter Wille.

Sie kam nach Dortmund und sieht sich in der Nordstadt mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Das Konzept, was sie nun während ihrer „Artist-in-Residence“ Zeit, umsetzt ist die „Mobile Werkstatt“. Zusammen mit Nordstädtern zieht sie um die Häuser, sammelt Sperrmüll auf, entwickelt Ideen und baut mit dem mobilen, vollausgerüsteten Werkzeugtisch neue, oder „upgecyclte“ Möbel.

Künstlerinnen und Künstler sammeln Materialien und Idden und verwerten sie neu

Ausstellung: Utopisten & Weltenbauer, Künstlerhaus am Sunderweg. YES, WE DREAM, Videoinstallation von Lucie Biloshytskyy

YES, WE DREAM, Videoinstallation von Lucie Biloshytskyy

Überhaupt haben fast alle Künstler, die in der Ausstellung mit ihren Werken zum Thema „Utopie“ vertreten sind Materialien oder Ideen neu verwertet und dadurch aufgewertet.

Lucie Biloshytskyy verwendete Videoaufnahmen von Martin Luther Kings „I have a dream“ – Rede und stellte sie Obamas „Yes-we-can“ Aufrufen gegenüber. Ist Luthers Utopie wahrgeworden? Konnte Obama umsetzten, was er versprach?

Gute Reise: Kunst aus alten Karteikarten und Briefmarken

Ausstellung: Utopisten & Weltenbauer, Künstlerhaus am Sunderweg. die niedlichen, kleine graue Comicfiguren von Felix Reidenbach

die niedlichen, kleine graue Comicfiguren von Felix Reidenbach

Eine „Gute Reise“ präsentiert Gaby Taplick. Sie verwendet für ihre Wandinstallation weggeworfene Karteikarten und gebrauchte Briefmarken.

Die Karteikarten hat sie aus einem Müllcontainer gefischt, als die DDR „entsorgt“ wurde. Ende einer fehlgeschlagenen Utopie. Die Briefmarken zeigen Flugobjekte: Ballons, Zeppeline. Aufbruch in eine neue Welt?

Eine Parallelwelt zeigt der Grafiker Felix Reidenbach. Seine „Niedlichen“ sind animierte Comicfiguren und leben in einer Welt, die medien- und gesellschaftstechnisch genauso organisiert ist wie die Unsere.

Ein Skandal durchzieht diese Welt: Fleisch soll rationiert werden. Wie Medien, Staat, Wirtschaft, Politik, Kultur und Kunst damit umgehen, dass dokumentiert seine Arbeit.

Sehr detailreich und verspielt kommt diese Welt daher und hinterlässt ein flaues Gefühl der „Enttarnung“ wenn man den Raum wieder verlässt und in unsere Welt zurückkehrt.

Müssen Utopien platzen wie Seifenblasen?

Ausstellung: Utopisten & Weltenbauer, Künstlerhaus am Sunderweg. Jan Vormann

Ausstellung: Utopisten & Weltenbauer,  Jan Vormann

Müssen Utopien platzten wie Seifenblasen fragt man sich auch, wenn man vor Jan Vormanns Seifenblasenmaschine steht. Paradox: Seine Seifenblasen platzten nicht.

Sie schimmern aber auch nicht bunt und können nicht fliegen.„Das Mögliche hat seine Spur im Sein“ steht auf der Einladungskarte, die ich während des Rundgangs durch das Künstlerhaus und der Pressekonferenz in der Hand halte.

Diese Seifenblasenmaschine scheint diesen Spruch perfekt zu symbolisieren. Auf dem Nachhauseweg sehe ich zwei junge Frauen, die ein kaputtes Regal tragen.

Ich frage mich, ob sie wohl was daraus bauen wollen und schon scheint mir die Utopie einer besseren, nachhaltigeren Welt nicht mehr allzu fern.

Teilnehmende KünstlerInnen:
Lucy Biloshytskyy: Yes we dream, Susanne Bosch: Mobile Werkstatt, Barbara Caveng: Kunst fürs Dorf-Dörfer für die Kunst, Stefan Eichhorn: Operation Paperclip, Hörner und Antlfinger: Le nouveau Omiza, Christine Niehoff: The supremacy of the Idea, Felix Reidenbach: die niedlichen-FleischCard, Gaby Taplick: Gute Reise, Katinka Theis: Losgelöste Raumstruktur, Jan Vormann: Soapbubble-life-extension-machine-4b.

Kuratorinnen: Anett Frontzek, Linda Opgen-Rhein und Gaby Peters
www.kh-do.de

Eröffnung: Freitag, 29.8. 20 Uhr
vom 30. August bis 5.Oktober 2014.

www.kunstgemeinde-pampsee.net

arte dokumentation:
http://kunstgemeinde-pampsee.net/publiziertes/arte-dokumentation/

Susanne Bosch und die Mobile Werkstatt:
http://www.borsig11.de/wordpress/presse/

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2 Gedanken über “Utopisten und Weltenbauer für eine Ausstellung zu Gast im Künstlerhaus am Sunderweg

  1. Künstlerhaus Dortmund

    Beim Kunst- und Filmprojekt 4014 sind noch Plätze frei!

    Für Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren sind noch Plätze zu vergeben im ausstellungsbegleitenden Filmprojekt „4014“, das zu „Utopisten & Weltenbauer“ im Künstlerhaus Dortmund an zwei Wochenenden im September kostenlos angeboten wird.

    TERMINE
    Sa., 13. und So., 14. September 14, 11 bis 16 Uhr
    Sa., 27. und So., 28. September 14, 11 bis 16 Uhr

    WAS PASSIERT?
    Erstmalig bietet das Künstlerhaus Dortmund mit 4014 ein Kunst- und Filmprojekt für Kinder von 10-14 Jahren an, das sich thematisch auf eine laufende Ausstellung bezieht. Utopisten & Weltenbauer“ bildet den künstlerischen Rahmen, innerhalb dessen sich die KursteilnehmerInnen auf eine phantastische Zeitreise ins Jahr 4014 begeben. Vorstellungen von besonderen Fähigkeiten, wie zum Beispiel Telekinese oder das Steuern von Flugsautos können eine genauso wichtige Rolle spielen wie Fragen danach, ob es die Natur, Menschen oder Tiere noch so geben wird, wie wir sie heute kennen.
    Diese und viele andere phantastische Ideen und Vermutungen wird die Gruppe gemeinsam mit den Künstlerinnen Dagmar Lippok und Jody Korbach, Carl Brandi sowie dem Filmemacher Björn Leonhard besprechen und in selbstgebauten Modellen und Fotografien umsetzen. Von dort aus geht es dann um die Umsetzung der eigenen Zukunfts-Welt in das Medium Film!…

    Die Arbeitsergebnisse werden in der Ausstellung „Utopisten & Weltenbauer“ den Eltern, Freunden und dem Team von BORSIG11 präsentiert.

    ORT
    Künstlerhaus Dortmund, Sunderweg 1, 44147 Dortmund

    ANMELDUNG BEI
    Dagmar Lippok, Workshopleiterin
    dagmar.lippok@gmx.de
    Büro Künstlerhaus Dortmund, Tel. 0231 820304

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