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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): „Zum Thierpark“: Lebende Tiere und Ausstellung sollten Gäste in die Kneipe locken

Von Klaus Winter

Der Kaufmann und Architekt Gustav Schäfer ließ um 1900 ein neues Haus an der Straßenecke Lessing- /Leibnizstraße errichten. Im Erdgeschoss des Neubaus wollte er eine Gaststätte einrichten, die sich von der Konkurrenz deutlich abheben sollte. Denn da die Kneipendichte in Dortmund zu der Zeit sehr hoch war, musste, wer sich neu in dem Geschäft behaupten wollte, etwas Besonderes vorweisen können.

Dauerhafte Ausstellung „größeren Maßstabes“ aus dem Reich der Tiere

Schäfers Idee war, seinen Gästen eine vielfältige, dauerhafte Ausstellung „größeren Maßstabes“ aus dem Reich der Tiere zu bieten. Er dachte dabei sowohl an eine ständige Präsentation lebender Tiere als auch an die Einrichtung eines eigenen Naturkundemuseums. Mit diesem Vorhaben war er in der Stadt jedenfalls konkurrenzlos.

Die Wirtschaft „Zum Thierpark“ wurde im November 1901 eröffnet. Ihr erster Wirt war Hermann Bremer aus Münster. Die persönliche Tüchtigkeit und Liebenswürdigkeit der Eheleute Bremer soll sofort für einen regen Besuch gesorgt haben.

Immerhin konnte der Wirt zu dem frühen Zeitpunkt seines Unternehmens auch schon einiges vorweisen: Neben dem großen Wirtschaftszimmer mit Billard gab es ein kleineres Gesellschaftszimmer mit Piano, eine Kegelbahn und zwei geräumige Säle mit Bühnenanlage. Der 1500 qm große Garten war allerdings noch nicht eingerichtet. Das geschah im Winter 1901/02.

Käfige für Löwen, Hyäne, Wolf, Bär, Affen und Vögel im Biergarten geplant

Nach einem im November 1901 angefertigten Lageplan waren drei Gartenseiten für Käfige und Zwinger vorgesehen: An der nördlichen Grundstücksgrenze – Gesamtlänge 15 m! – sollten Löwen, Hyäne, Wolf, Bär und Affen ihren Platz finden.

Im Westen wurden Vogelkäfige aufgestellt. Dann folgte in der südwestlichen Ecke ein Fischbehälter von 4 x 2 m und im Süden zwei Gehege von 5 x 4 m bzw. 7 x 4 m für Dam- und Edelhirsche.

Der geräumige Mittelteil des Gartens blieb abgesehen von einer Laube für die Besucher frei von Bebauung, so dass für die Gäste weit mehr Platz zur Verfügung stand als für die Tiere. Wahrlich keine günstigen Aussichten für die künftigen Bewohner des Parks!

Den gesamten Winter 1901/02 über bemühte sich der Wirt Bremer um die Gestaltung des Gartens, der Beschaffung und Aufstellung von Zwingern und Käfigen, den Ankauf der Tiere, der Besorgung von Futtervorräten und der Einrichtung eines Museums. Die Vorbereitungen gipfelten in der Anlage der Straßenbahnhaltestelle „Tierpark“ an der Ecke Schützen- /Lessingstraße!

Kneipe als Attraktion: Besucher des Tierparks „waren einfach baff“

Mitte März 1902 trafen die ersten Tiere ein: Panther, Löwen, Hyänen, Affen, Kängurus, ein Dachs, Fasane, Enten und ein Hufeisenbär. Besucher des Tierparks, die diesen bereits vor der offiziellen Eröffnung besucht hatten, „waren einfach baff“, da sie nicht mehr zu sehen erwartet hatten als eine „Tierbude“.

Auch das Museum war nun eingerichtet. Hier wurden ausgestopfte Säugetiere, Vögel und Fische, Käfer und Schmetterlinge, Eier, Schädel und vieles mehr ausgestellt.

Ostern 1902 war Eröffnung. Schon in den Vormittagsstunden sollen die Besucher zum „Thierpark“ geströmt sein, obwohl die Eröffnung erst für den Nachmittag angesetzt war.

Euphorisch berichtete die Presse: „In den Wirtschaftsräumen und den beiden Sälen saßen an blumengeschmückten Tischen und standen in den Gängen die Gäste zu vielen Hunderten, so daß die für diesen Tag engagierten sechs Kellner tatsächlich nicht in der Lage waren, die vom Wirt angeordnete und vom Publikum gewünschte prompte Bedienung durchzuführen; ein Faß Bier nach dem anderen musste in kurzen Zwischenräumen angestochen werden. Die Schokoladen- und Ansichtskarten-Automaten wurden belagert und mussten nochmals gefüllt werden. Im Garten aber vor den Zwingern und Käfigen wogten die Menschenmengen hin und her, plaudernd, bewundernd, scherzend; dazwischen brüllten die Raubtiere, schrien die Affen und kreischten die Papageien, so dass die Konzertmusik viel von ihrer Wirkung verlor.“

Romeo und Julia hatten Nachwuchs: Drei männlichen Löwenbabys als Besuchermagnet

Bremer nutzte in der Folge jede Gelegenheit, seinen Tierpark im Gedächtnis der Einwohner von Dortmund und Umgebung zu halten. Zu seinen Hauptattraktionen zählten ohne Zweifel die beiden Löwen, Romeo und Julia. Dieses Paar erhielt im Sommer des Jahres 1902 Zuwachs durch die Geburt von drei männlichen Löwen.

Darüber soll der Tierpark-Wirt die Öffentlichkeit durch die Zeitungen wie folgt unterrichtet haben: „Geburtsanzeige. Drei junge Löwen angekommen. Dortmunder Tierpark. Romeo und Julia.“ Selbstverständlich wurde auch der erste öffentliche Auftritt der jungen Löwen durch Inserate in der Zeitung bekanntgemacht.

Neben Werbeanzeigen erschienen in der Presse wohlwollende Artikel über Bremers Tierpark. Doch schon im Sommer 1902 enthielten sie erste Hinweise auf eine Stagnation des Unternehmens.

Wohl ist noch von regem Betrieb die Rede, sonntags vor allem, wenn vormittags der Eintritt zu ermäßigten Preisen möglich war und nachmittags Konzerte „teilweise bei freiem Entree“ gegeben wurden.

Schulen zeigten überraschend wenig Interesse für Tiere und Museum

An den Wochentagen belebten jedoch nur die Stammgäste und einige Kegelgesellschaften das Geschäft. Anders als erwartet zeigten die Schulen wenig Interesse für Tiere und Museum, obwohl ihnen ein ermäßigter Eintrittspreis gewährt wurde.

Im Laufe des Sommers gingen die Besuche im Tierpark mehr und mehr zurück. In einem Zeitungsartikel hieß es: „Die reichen Leute aus dem Osten und Süden der Stadt gingen in die Sommerfrische und für die Schulen begannen die langen Ferien. Viele dünkten sich auch zu vornehm, als das sie ihre Schritte in das Arbeiterviertel lenkten. Zudem war das anfangs so lebhafte Interesse ziemlich abgeflaut; bei der großen Menge die Neugier aus einigen Besuchen befriedigt.“

Der Wirt Bremer kämpfte um seine Existenz. Regelmäßig wurden Konzerte veranstaltet. Doch das boten andere Wirtschaften auch. Dem emsigen Wirt, der neben dem Tierpark auch einen Tierhandel mit einer Verkaufsstelle am Westenhellweg betrieb, gelang hin und wieder die Organisation einer ausgefalleneren Veranstaltungen, wie beispielsweise der Auftritt der Magierin Maria Agoston.

Brachte die eine oder andere Sonderveranstaltung noch einmal einen größeren Erfolg und volle Kassen, so zeichnete sich das nahende, rasche Ende des Tierparks doch deutlich ab.

Geeignetes Grundstück für die Tiere fehlte – ebenso wie Gönner

Zu seinem Untergang sei aus den 1916 verfassten Erinnerungen eines Redakteurs der „Dortmunder Zeitung“ zitiert:

Es kam hinzu, dass das mit vielen Geldkosten ins Leben gerufene und ungeheure Ausgaben verursachende Unternehmen von keiner Seite materielle Unterstützung fand; weder die Stadt […] noch irgendwelche Gönner fanden sich bereit, die wertvolle Anlage lebensfähig zu erhalten. Vielleicht hätten die naturwissenschaftlichen Vereine, selbst die interessierten Brauereien etwas dazu tun können. 

Da auch der Wirtschaftsbetrieb infolge des immer schwächer werdenden Besuches des Tierparks zurückging, befand sich Bremer bereits im Herbst in bedrängter Lage und als das Jahr zu Ende ging, sah er sich gezwungen (auch durch persönliche und geschäftliche Differenzen mit dem Besitzer des Grundstücks veranlasst), das mit großen Opfern an Geld und Mühe gegründete, mit Eifer und Sorgfalt geführte und mit Schwierigkeiten aller Art dreiviertel Jahr lang behauptete Unternehmen aufzugeben bzw. abzutreten. 

Seine Versuche, von der Kronenburg, vom Besitzer des Tivoli und des Fredenbaums u. a. ein geeignetes Grundstück mit der erforderlichen Einrichtung für seine Tiere zu erhalten, führten zu keinem Erfolge; so wurden sie sämtlich verkauft, zum Teil mit Verlust, und der Tierpark, der vielen eine Stätte der Erholung und des Vergnügens hätte sein können, hatte aufgehört zu bestehen, weil in Dortmund niemand Weitblick genug besaß, die gesamte schöne Anlage zu unterstützen und zu erhalten.“

„Gewerkschaftshaus“ als Nachfolger –
zentraler Treffpunkt der Sozialdemokratie

Die kurze Geschichte der Wirtschaft „Zum Thierpark“ ist heute nahezu vergessen. Das Nachfolgelokal bestand weitaus länger, nämlich bis 1933. Es war das „Gewerkschaftshaus“ – ein zentraler Treffpunkt der Sozialdemokratie in Dortmund.

Auch heute gibt es noch eine Gastronomie an der Ecke Leibniz-/Lessingstraße. Das um 1900 gebaute Haus musste jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg einem Neubau weichen. Hier erinnert nun nichts mehr an die Gaststätte zum Thierpark oder das Gewerkschaftshaus.

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