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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Ein Hauch von Luxus und automobilem Pioniergeist – frühe Autobesitzer in Dortmund

So wenig Verkehr ist auf dem Borsigplatz heute höchstens beim Stillleben. Foto: Sammlung Klaus Winter

So wenig Verkehr gibt es auf dem Borsigplatz heute höchstens beim Stillleben. Foto: Sammlung Klaus Winter

Von Klaus Winter

Das Stadtarchiv verwahrt in seinen Beständen eine Liste aller Autobesitzer Dortmunds aus dem Jahre 1912. Darin werden die Autohalter mit Namen und Anschrift und dem amtlichen Kennzeichen ihrer Fahrzeuge aufgeführt. Hinweise auf Hersteller und Typ der Automobile sind darin leider nicht enthalten. Auch eine Unterscheidung nach privaten, gewerblichen und kommunalen Autobesitzern ist nur anhand des Namens möglich.

Im Jahr 1912 gab es 374 Automobile in Dortmund – 74 davon in der Nordstadt

Die Autobesitzer sind durchnummeriert von 1 bis 372, doch wegen eines bei der Nummerierung unterlaufenen Fehlers gab es in Dortmund 1912 tatsächlich 374 Automobile. Die Eigentümer von 74 Fahrzeugen hatten eine Anschrift in der heutigen Nordstadt. Die Adressbücher aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg verraten mehr über die damaligen Autobesitzer.

Eine große Konzentration von Autos fand sich 1912 an der Bornstraße bei zwei benachbarten Anwesen. Unter der Adresse Bornstraße 87 waren fünf Autos gemeldet. Sie gehörten Hermann Haase, Inhaber einer Automobil- und Fahrrad-Reparaturwerkstatt, der auch den Verleih von Fahrzeugen betrieb. Die meisten seiner Motorwagen waren also für Kunden vorgesehen, die vorübergehend ein Auto benutzen wollte. Das Unternehmen Haase bestand 1912 im zweiten oder dritten Jahr.

Haases Nachbar war im Haus Bornstraße 85 die Fa. Automobil Taxameter G. m. b. H. Diese war erst 1912, also im Jahr der Aufstellung der Dortmunder Autobesitzer-Liste, gegründet worden.

Zeitungsinserat zur Geschäftseröffnung „Dortmunder Automobil-Taxameter“ (Dortmunder Zeitung, 07.07.1912)

Zeitungsinserat zur Geschäftseröffnung „Dortmunder Automobil-Taxameter“ (Dortmunder Zeitung, 07.07.1912)

„Besuchsfahrten mit und ohne Diener“ – Ein Hauch von Luxus vor dem Ersten Weltkrieg

Anfang Juli informierte ein Werbeinserat in der Tagespresse die Dortmunder über das neue Unternehmen, das gemäß der Anzeige über erstklassige Fahrzeuge verfügte und langjährig geschultes Personal einsetzte, um seine Fahrgäste im Nah- und Fernverkehr zu befördern.

Die Fahrzeuge der Automobil Taxameter G. m. b. H. waren „auf den bekannten Halteplätzen“ zu finden und am Schriftzug „Felix“ auf dem Kühler zu erkennen. Zu den Spezialitäten des neuen Unternehmens gehörten auch „Besuchsfahrten mit und ohne Diener“ – zweifellos ein Hinweis darauf, dass dem Autofahren vor dem Ersten Weltkrieg ein Hauch von Luxus anhaftete.

Interessant auch, dass an den Hinweisen auf die gute Ausbildung der Chauffeure des Unternehmens und den großen Wert, den man auf Sicherheit legte, sich der Satz anschließt: „Ein jeder unserer Fahrgäste ist mit einer hohen Prämie gegen Unfall versichert.“

Die Motorfahrzeugfabrik von W. Stutznäcker in der Andreasstraße war die erste ihrer Art in Dortmund

Acht Automobile waren auch unter der Anschrift Andreasstr. 6a gemeldet. Gemäß dem Dortmunder Adressbuch für 1902 (Redaktionsstand 1901) befand sich im Gebäude Andreasstr. 6 die Motorfahrzeugfabrik von W. Stutznäcker. Sie war vermutlich die erste ihrer Art in Dortmund.

Stutznäcker hatte sich, bevor er zusätzlich in die Autoherstellung einstieg, bereits einen Ruf als Hersteller von Nähmaschinen und Fahrrädern erworben und besaß sein Hauptgeschäft am Westenhellweg, während Kontor und Fabrik an der Andreasstraße 4-6a lagen.

Der letzte Eintrag mit diesen Informationen befindet sich im Adressbuch für 1909. Nachfolger von Stutznäcker an der Andreasstraße wurde die Motor-Fahrzeug-Handlung Regentwerke Küppers und Schlüter, die hier aber nur eine kurze Zeit lang bestand.

Andreasstr. 6a wurde dann die Anschrift für das staatlich konzessionierte „Automobilführer-Technikum“, gleichzeitig Reparaturwerkstätte „für alle Systeme“, Garage für 100 Automobile sowie Öl- und Benzinstation.

Werbeanzeige „Dortmunder Autohaus“ (Dortmunder Adressbuch, 1912)

Werbeanzeige „Dortmunder Autohaus“ (Dortmunder Adressbuch, 1912)

Unter derselben Adresse war auch das „Auto-Reparatur-Haus“ zu finden, das gemäß Werbeanzeigen über ein „ständiges Lager von Automobilen aller Systeme“ verfügte, die Vermietung „eleganter Automobile“ und Gelegenheitskäufe anpries und ferner die Anfertigung aller Ersatzteile, u. a. durch eine eigene Zahnradfräserei und „autogene Schweißanstalt“ anbot. Das Technikum nannte sich bald „Elektra“ und tauchte unter diesem Namen in der Autobesitzer-Liste des Jahres 1912 auf.

Damals wie heute: In Der Nordstadt gibt es Dienstleistungen rund um das Automobil

An der Münsterstraße hatte der Autohändler Hans Daum seinen Firmensitz. Begonnen hatte er 1905 an der Münsterstr. 38 ½. Sein Betriebsgelände war durch die Einfahrt an der Zimmerstraße erreichbar. Neben dem Fahrzeugverkauf – Automobile und Motorräder – betrieb auch er eine Reparaturwerkstatt, bot Garagenplätze an, unterhielt ein Lager an Ersatzteilen und eine Ladestation.

1908 verlegte Daum sein Geschäft dann zur Münsterstr. 56, wo er eine Garage für 30 Autos besaß. Um 1910 warb er für Horch-Automobile, 1912 dann zusätzlich für Fahrzeuge der Marke Brennabor. In Liste der Autobesitzer des Jahres 1912 wurde er mit sieben Fahrzeugen geführt.

Die Beispiele zeigen, dass die Autohersteller, -verleiher und -verkäufer 1912 die größten Autobesitzer waren. Aber auch andere Unternehmen setzten auf motorisierte Fahrzeuge. So besaßen die Hansa-Brauerei, Steigerstraße, drei Fahrzeuge. Die kleine Flotte wurde weiter aufgebaut, denn gemäß einer polizeilichen Aufstellung der Garagenbesitzer vom 17. Februar 1913 verfügte die Brauerei zu dem Zeitpunkt über vier Garagen.

Fuhrpark des Konsum-Vereins Dortmund-Hamm, um 1925 (Sammlung Klaus Winter)

Der Fuhrpark des Konsum-Vereins Dortmund-Hamm um 1925. Bild: Sammlung Klaus Winter

Beim Konsum- und Sparverein Dortmund-Hamm e. G. m. H. betrug die Zahl der Garagen 1913 sogar fünf, obwohl 1912 erst zwei Automobile auf die Gesellschaft zugelassen waren. Unbeantwortet bleiben muss die Frage, ob es sich bei diesen Fahrzeugen um Lkw für den Einsatz im Geschäftsbetrieb oder um Pkw für den Gebrauch der Direktion handelte.

Motorwagen fanden sich 1912 auch bei kleineren Unternehmen. Der Bäckermeister Nölker, Lortzingstraße, besaß zwei Wagen, ebenso der Metzgermeister Reitmeyer in der Alsenstraße und Otto Jeltsch, Inhaber eines Versandgeschäfts am Königshof. Über je ein Auto verfügten – neben 16 weiteren Firmen und Einzelpersonen – auch die beiden Ärzte Dr. med. Kleffmann, Schützenstraße und Dr. med. Hellhake, Borsigstraße.

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