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Neonazis starten Kampagne gegen Vermieter, weil er an den anarchistischen Buchladen „Black Pigeon“ vermietet

Fotokünstler Hendrik Müller und Sascha Bender von „Black Pigeon“ vor der zerstörten Glasfront.

Fotokünstler Hendrik Müller und Sascha Bender von „Black Pigeon“ vor der zerstörten Glasfront.

Seit fast zwei Jahren gibt es schon den kleinen libertären – also anarchistischen – Buchladen „Black Pigeon“ in der Nordstadt. Auf 17 Quadratmetern bietet er im „ConcordiArt“ am Borsigplatz Bücher zu den verschiedensten „-ismen“ an: Anarchismus, Feminismus, Antirassismus, Antifaschismus und Veganismus, aber auch Ökologie und Geschichte.

In der Scharnhorststraße soll der Kultur- und Buchladen „Black Pigeon“ entstehen.

In die Scharnhorststraße zieht es „Black Pigeon“.

Außerdem gibt es ein „Umsonst“-Büchertausch-Regal. Jetzt wollen die Buchhändler in der Scharnhorststraße einen vielfach größeren Laden eröffnen.

Doch der Traum vom Kultur- und Buchladen bereitet ihnen nun schlaflose Nächte. Neonazis haben ihren Vermieter auf unterschiedlichen Kanälen angegangen, um ihn zur Kündigung des Mietvertrages zu drängen.

Neonazis starten Kampagne gegen Vermieter

Während es in den vergangenen zwei Jahren keinerlei Probleme gab, haben die Neonazis das noch nicht bezogene neue Ladenlokal ins Visier genommen. Sie haben dort bereits eine Scheibe eingeworfen und über ihr Internet-„Zentralorgan“ eine Kampagne gegen den Vermieter gestartet.

Anrufe, Mails, Internetpostings und negative Bewertungen sorgen offenbar dafür, dass an der Hamburger Straße bei Schneider die Nerven blank liegen. „Wir sind unverschuldet zwischen die Fronten geraten“, heißt es von der Geschäftsführung. Doch mehr will man zu dem Fall zunächst nicht sagen.

Bisheriger Vermieter lobt die gute Zusammenarbeit mit „Black Pigeon“

BlackPigeon - das libertäre Buchladenkollektiv, wird Bücher und Lesungen anbieten. Bücher, Diskussionsrunden

BlackPigeon – das libertäre Buchladenkollektiv zog vor zwei Jahren im ConcordiArt ein.

Dem Buchladen ist dafür aber keine Schuld anzulasten: Der bisherige Vermieter des Buchladens – der ConcordiArt e.V. – kann nichts Negatives über „Black Pigeon“ berichten. „Sie waren von Anfang an dabei“, berichtet die Vorsitzende Ute Ellermann.

Natürlich sei der anarchistische und kapitalismuskritische Buchladen immer ein Exot im Kreativkaufhaus gewesen, welches von der Wirtschaftsförderung auf den Weg gebracht wurde. „Aber die anderen Anbieter haben ihn gewollt. Es gab ein gutes Miteinander“, so Ellermann.

Die Aktiven von „Black Pigeon“ hätten auch regelmäßig Ladendienste für das „ConcordiArt“ insgesamt übernommen –  und dies zuverlässig. Dass ihnen der neue Vermieter nun vielleicht den Stecker ziehen könnte, bedauert sie.

Vor allem deshalb, weil der von „Black Pigeon“ genutzt Raum im „ConcordiArt“ bereits weitervermietet ist. Ein Bleiben – über eine Übergangszeit hinaus – wäre nicht mehr möglich.

Fotokünstler Hendrik Müller als zweiter Mieter des Ladenlokals ist ebenfalls betroffen

Fotokünstler Hendrik Müller möchte sich im hinteren Teil des Ladens ein Fotostudio einrichten.

Fotokünstler Hendrik Müller möchte sich im hinteren Teil des Ladens ein Fotostudio einrichten.

Ebenfalls unter die Räder zu kommen droht der Fotokünstler Hendrik Müller. Er hatte das neue Ladenlokal in der Scharnhorststraße im Herbst entdeckt und wollte es mit zwei anderen Künstlern mieten. Doch das Vorhaben ließ sich nicht realisieren.

Müller, ebenfalls Mieter im ConcordiArt, kam mit seinen Ladennachbarn von „Black Pigeon“ ins Gespräch. Sie entschlossen sich, das 180 Quadratmeter große Ladenlokal im Hafen-Quartier gemeinsam anzumieten und zu teilen. Müller will hier ein Fotostudio einrichten.

Erfolgreiches Crowdfunding 

Der Verein hinter dem Buchladen startete eine Crowdfunding-Kampagne im Internet, um Geld für ihren neuen Laden zu sammeln, wo deutlich mehr Aktivitäten als bisher möglich wären.

Der Kultur- und Buchladen wollte neben dem eigentlichen Bücherverkauf auch Diskussionsrunden, Lesungen, Poetry Slams und ähnliche Veranstaltungen anbieten. Auch weitere Ideen waren vorstellbar.

Daher hatte die Kampagne Erfolg: Mehr als 7000 Euro kamen zusammen. Das Geld aus der Spendenaktion wurde benötigt, weil sie für den Abschluss des Zwei-Jahres-Mietvertrages gleich ein Jahr Miete im Voraus bezahlt haben.

Renovierung hat begonnen – Neonazis haben Schaufenster eingeworfen

Die defekte Gastherme macht den neuen Mietern zu schaffen.

Die defekte Gastherme macht den neuen Mietern zu schaffen.

Vor knapp zwei Wochen haben sie die Schlüssel bekommen und mit der Renovierung begonnen. Bisher war ihr größtes Problem, dass die Gastherme nicht funktioniert und daher die lange leerstehenden Räume sehr feucht und kalt sind.

Der richtige Ärger begann, als ihnen mutmaßlich Neonazis die Scheibe einwarfen. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen – auch der Staatsschutz ist informiert, bestätigte Polizeisprecherin Nina Vogt auf Nachfrage.

Das Buchladen-Kollektiv wurde von der Nazi-Kampagne überrascht, weil es weder am neuen linken Treffpunkt „Nordpol“ in der Münsterstraße noch am „ConcordiArt“ zu Problemen kam.

Früher gab es häufiger Attacken von Neonazis, so auf die Szene-Kneipe „Hirsch-Q“ und das „Taranta Babu“ im Klinik-Viertel. Zuletzt hatten die Rechtsextremen sich aber vor allem auf den politischen Gegner und dessen Infrastruktur „eingeschossen“. Leidtragende waren unter anderem die Piraten.

Mieterverein eingeschaltet – Gespräche mit dem Vermieter laufen

In der Scharnhorststraße soll der Kultur- und Buchladen „Black Pigeon“ entstehen.

In der Scharnhorststraße soll der Kultur- und Buchladen „Black Pigeon“ entstehen.

Mittlerweile haben sich Müller und „Black Pigeon“ beim Mieterverein informiert. Allerdings gibt es wenig Optionen. Denn ein gewerblicher Zeitmietvertrag endet – im konkreten Fall – nach zwei Jahren. Einer Verlängerung muss der Vermieter nicht zustimmen.

Zudem könnte der Vermieter versuchen, sie vorzeitig loszuwerden. Dagegen könnten die Mieter dann vor Gericht ziehen. Dies kann – beim Weg durch zwei Instanzen – auch zwei Jahre dauern, würde aber Zeit, Nerven und Geld kosten, verdeutlicht Rainer Stücker, Chef des Mietervereins.

Trotz der wenig rosigen Aussichten wollen weder Hendrik Müller noch der Buchladen aufgeben, betont Sascha Bender von „Black Pigeon“. Das ist das Ergebnis eines Zusammentreffens am Donnerstagabend. Sie wollen daher das Gespräch mit dem Vermieter suchen.

Dafür wünscht ihnen Stücker viel Erfolg: „Es wäre ärgerlich, wenn die Nazis mit ihrer Kampagne gewonnen hätten.“

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4 Gedanken über “Neonazis starten Kampagne gegen Vermieter, weil er an den anarchistischen Buchladen „Black Pigeon“ vermietet
  1. Rita-maria Schwalgin

    Respekt fürs Weitermachen! Ich wünsche viel Erfolg und Durchhaltevermögen! Der Vermieter sollte froh sein, nach Leerstand einen guten Mietermix zu haben. Kulturakteure und Kreative sind wichtig und nachweislich positiv für den Stadtbezirk!

  2. Sandra

    Das macht mich alles sehr traurig. Nazis wollen am Mittwoch vor dem Büro des Vermieters demonstrieren und wie zu lesen ist, scheint die Firma auch am überlegen zu sein den Mietvertrag wohl zu kündigen. Wo leben wir eigentlich, dass diese Rechten tun und lassen können was sie wollen. Menschen werden bedroht, geschlagen, verhöhnt und nichts geschieht um diesen Nazis einhalt zu gebieten. Jetzt trifft es einen Buchladen und ich gehe jede Wette ein dass der Vermieter sich auf die Seite der Braunen schlägt Ich schäme mich gerade Dortmunderin zu sein und wünsche den Mietern viel Kraft für die kommenden Tage

  3. David Grade

    Ich hoffe, dass der demokratische Teil der Politik, Wirtschaftsförderung, IHK, Immobilien Schneider, Stadtgesellschaft und generell gesellschaftliche Institutionen dazu eine klare Haltung zeigen (auch wenn sie teilweise etwas Bedenkzeit brauchen, es ist halt nicht jedermenschs Sache öffentlich gegen Nazis, Einschüchterung und Hass und für Vielfalt und Weltoffenheit einzutreten und Mut muss manchmal gefunden werden).

    Danke an Black Pigeon und Hendrik Müller, dass ihr weiter macht und mutig seid.

  4. Grüne Dortmund

    Deutliches Zeichen und Unterstützung durch die Stadt sind notwendig

    Die Dortmunder Grünen fordern ein deutliches Zeichen der Stadtspitze und der Polizeigegen die Drohungen und Einschüchterungsversuche der Dortmunder Nazis gegen den Vermieter eines Ladenlokals, in das ein linker Buchladen einziehen will.

    Hilke Schwingeler, Sprecherin des Grünen Kreisverbandes, Ingrid Reuter, Sprecherin der Grünen Fraktion, Ulrich Langhorst, Sprecher der Grünen Fraktion:

    „Die Bedrohungen andersdenkender Personen ist keine neue Strategie der Dortmunder Nazis. Die aktuellen Ereignisse haben ein neues Bedrohungspotential. Jetzt versuchen die Nazis mit Einschüchterungen und Drohungen auch Einfluss darauf zu nehmen,wer an wen Wohnungen vermieten darf.

    Das erinnert an den Terror von SA und SS der Nazis in den 20er und 30er Jahren. Die gesamte Stadt steht in der Verantwortung, hier ein klares Zeichen zu setzen. Wir würden es begrüßen, wenn der Oberbürgermeister und der Polizeipräsident sehr klar machen, dass in Dortmund nicht die Nazis bestimmen, wer wo und wann in ein Haus ziehen darf. Sowohl der Vermieter der Immobilie als auch die Mieter brauchen jetzt deutliche Zeichen, dass in Dortmund demokratische Grundwerte gelten und sich niemand dem Druck der Nazis beugen muss. Die Auflösung des Mietvertrags aufgrund der Bedrohungen der Nazis wäre ein fatales Zeichen. Stadt und Polizei sollten deshalb öffentlich dem Vermieter ihre Unterstützung signalisieren. Der Rat hat mehrfach in Erklärungen gegen den Rechtsradikalismus in Dortmund deutlich gemacht, dass er sich den Nazis klar und deutlich entgegenstellt. Das ist nun dringend notwendig.

    Die Aktionen der Nazis können nicht losgelöst gesehen werden vom aktuellen Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Münster. Dadurch bekommen NPD und Rechte im Rat die Möglichkeit, mit städtischem Geld ihre Infrastruktur auszubauen. Auch hier sind wir der Auffassung, dass alle Möglichkeiten genutzt werden müssen, um das zu verhindern.

    Sollte das aufgrund der Rechtsprechung nicht möglich sein, werden wir vor dem Hintergrund des NPD-Verbotsverfahrens anregen, dass mit den Zuwendungen an NPD und Rechte in Dortmund ähnlich verfahren wird wie auf Bundesebene. Dort fließen Gelder an die NPD im Rahmen der Parteienfinanzierung nur dann, wenn eine entsprechende Sicherheit beispielweise in Form einer Bankbürgschaft hinterlegt wird.

    Andernfalls würden nach einem erfolgreichen Verbotsverfahren sämtliche Rückforderungen der städtischen Gelder ins Leere laufen.“

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