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Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund an den kurdisch-irakischen Schriftsteller Bachtyar Ali verliehen

2017.12.10 Dortmund Bachtyar Ali erhält Nelly-Sachs-Preis 2017

Bachtyar Ali erhält Nelly-Sachs-Preis 2017. Überreicht von Bürgermeisterin Birgit Jörder am 10. Dezember im Dortmunder Rathaus.

Erst zwei seiner Werke sind überhaupt ins Deutsche übersetzt worden. Aber sie haben genügt, um die Jury zu überzeugen. Am Sonntag übergab Bürgermeisterin Birgit Jörder den mit 15.000 Euro dotierten Nelly-Sachs-Preis der Stadt an den kurdisch-irakischen Schriftsteller Bachtyar Ali. Gewürdigt wurde neben der besonderen, poetisch-bildhaften Erzählweise des seit über 20 Jahre in Köln lebenden Autors vor allem sein Eintreten für Menschlichkeit inmitten der Erfahrungen von Deprivation und Gewalt als Kurde im Nordirak.

Verleihung des Preises durch Festakt im Dortmunder Rathaus

Bachtyar Ali mit Birgit Jörder

Bürgermeisterin Birgit Jörder, die den kurzfristig erkrankten Ullrich Sierau vertrat, erinnerte bei der Preisverleihung im Dortmunder Rathaus daran, dass bereits drei bislang mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnete AutorInnen ebenfalls den Literaturnobelpreis erhalten hätten: Nelly Sachs selbst, Elias Canetti und Nadine Gordimer.

Dies sei zwar keine Garantie, aber mache Hoffnung, fügte sie mit einem Schmunzeln hinzu. Ganz bewusst habe man sich bei der Vergabe des Preises dafür entschieden, auch jüngere Menschen zu begleiten.

Mit dem nach der Schriftstellerin Nelly Sachs benannten Literaturpreis ehrt und fördert die Stadt Dortmund alle zwei Jahre Persönlichkeiten, die überragende schöpferische Leistungen auf dem Gebiet des literarischen und geistigen Lebens hervorbringen und zur Verbesserung der kulturellen Beziehungen zwischen den Völkern beitragen. Preisträger waren u.a. Nadine Gordimer (1985), Milan Kundera (1987), Christa Wolf (1999), Per Olov Enquist (2003) und Rafik Schami (2007), Abbas Khider (2013) und Marie N’Diaye (2015).

Frühe Konflikte mit dem irakischen Regime des Diktators Saddam Hussein

Wer ist dieser Bachtyar Ali, der seit Mitte der neunziger Jahre in der Bundesrepublik lebt, dessen Arbeiten aber bis auf einige Ausnahmen heute nur wenigen Experten bekannt sind? – 1966 im nordirakischen Sulaimaniya geboren, gerät Ali in den achtziger Jahren als Studierender durch sein Engagement für die Rechte der irakischen Kurden mit der Diktatur Husseins in Konflikt. Bricht sein Geologiestudium ab, um sich ausschließlich der Poesie zu widmen. Verlässt schließlich das Land und geht ins Exil nach Deutschland.

Die blutige Unterdrückung der Kurden im Irak und anderswo, die innere Zerrissenheit der kurdischen und orientalischen Gesellschaft und vor allem die Fragen nach Versöhnung sind es, die Bachtyar in seinen Romanen, Gedichten und Essays immer wieder variiert. In einer mystisch-bildhaften und für die LeserInnen nicht immer leicht zu bewältigenden Sprache, die an große orientalische Erzähltraditionen erinnert.

„Meine Werke sind ein Versuch der Versöhnung (…). Sie sind ein Versuch, zu jenem Kern vorzudringen, der in uns steckte, bevor Politik und Religion ihn verschüttet oder entstellt haben. Ich sehe das als einen Weg der Rettung“, erläutert Ali in seiner Dankesrede während des Festaktes das Leitmotiv seiner literarischen Bemühungen.

Die Suche nach Möglichkeiten der Versöhnung in einer von Gewalt und Ideologien zerrissenen Welt

Originär schreibt Ali auf Sorani – jener Hauptdialektgruppe des Kurdischen, das in Zentralkurdistan, im Irak und dem Iran etwa von 10 Millionen Menschen in verschiedenen Teildialekten gesprochen wird. Professionelle Übersetzer dieser Sprache ins Deutsche gäbe es nicht, sagt Ulla Steffan vom Unionsverlag in Zürich, der den kurdischen Schriftsteller verlegt. Möglich seien die beiden deutschen Buchveröffentlichungen von Bachtyar Ali nur mit Hilfe von LeserInnen und Fans des Schriftstellers geworden.

Davon freilich gibt es in seiner Heimat genug. Dort ist er fast schon eine Legende. Nach dem Sturz der Diktatur von Saddam Hussein wurde das Kurdische im Irak als offizielle Sprache anerkannt, seit 2005 kann er wieder in die autonome Provinz Kurdistan, muss dort aber immer noch sehr vorsichtig sein. Besucht er seine Heimat, bliebe er meist bei seiner Mutter, gesteht er mit einem Lächeln.

Denn auch heute noch sei die Situation im Irak sehr kompliziert. Was jemand an einem bestimmten Ort vielleicht ungehindert kundtun könne, dafür würde man unter Umständen ein paar Straßenzüge weiter erschossen. Es gäbe im Orient stets so etwas wie eine innere Beobachtung, „gewisse Grenzen nicht zu überschreiten“. Was sagt der Mufti? Was sagt die Mutter? Die Schere im Kopf.

Die etwas unvorteilhaften Eigenarten des Politischen im Orient

Natürlich sei es so, dass die politischen Verhältnisse den Hintergrund seines Schreibens bildeten, erklärt Bachtyar Ali auf Nachfrage. Dies sei unvermeidlich. Es dürfe aber nicht immer nur nach politischen Lösungen gesucht werden. Gerade die Personen in seinen Erzählungen schlügen einen anderen Weg ein, indem sie für die Freiheit beispielsweise mit den Mitteln der Kunst oder Liebe stritten.

Eine vom Autor ganz bewusst gewählte Erzählweise. Denn im Orient ginge es in der Politik nur um Macht, erläutert Ali. Daher könne sie dort nicht durch Kunst, Literatur oder Wissenschaft beeinflusst werden. Sondern produzierte stattdessen Gewalt. Und der dadurch entstehende „Hass wird mit Hass beantwortet“, ein Teufelskreis, so der Autor und fragt: „Wie können wir dort den Nationalismus überwinden?“ Einem Nationalismus begegnen, der im Orient häufig faschistische oder extremistische Tendenzen hätte. Gebunden an „eine dogmatische Kultur“, die er „zum Denken bringen“ möchte.

In seiner Laudatio bescheinigte Jury-Mitglied Stefan Weidner dem Schriftsteller eine „zutiefst humane Haltung“. Die Auszeichnung für Bachtyar Ali sei „nicht nur ein Statement für diese besondere Art von Literatur, sondern auch eines für die Vielfalt der Literatur, einer Vielfalt, die auf dem internationalen Buchmarkt häufig zu kurz kommt.“ Bachtyar Ali, so Weidner, habe mit seinen Romanen „eine Kettenreaktion der Begeisterung ausgelöst, die alle kulturellen und sprachlichen Grenzen und zudem die ökonomischen Mechanismen des Buchmarktes überwunden hat. Ich sage Ihnen voraus, dass die Kette dieser Kettenreaktion noch lang werden wird.“

Den vielen tragischen Geschichten eine Sprache geben

Er sehe den Preis „als ein bedeutendes Zeichen für die Unterstützung der Literaturen des Orients“, betont Bachtyar Ali in seiner Dankesrede. Der Nelly-Sachs-Preis sei „ein Zeichen der Hoffnung für all jene Menschen, die sich um das Überleben ihrer Sprache bemühen, seien sie Kurden oder aus anderen Volksgruppen“. Die Verleihung des Preises stünde aber auch für die vielen unbekannten Autoren und anderen Menschen, die sich „für Freiheit, Frieden, Versöhnung“ eingesetzt hätten, aber dafür ins Gefängnis mussten.

Auf die Frage, ob er sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt einen unabhängigen kurdischen Staat vorstellen könne, ist Ali deutlich: „Ich bin momentan sehr skeptisch, ob diese Idee Erfolg haben wird.“ Der Staat könne nicht alle Probleme der Kurden lösen, es bräuchte vor allem Demokratie. Und Menschen, die sie auch leben können. Deswegen versuche er, nicht über den Nationalismus zu reden und schriebe daher nichts über einen kurdischen Staat.

Aber es gäbe in Kurdistan noch viele tragische Geschichten, die ein Gesicht, einen Namen bräuchten. Zwar könne er nicht ausschließen, irgendwann einmal über seine eigenen Erfahrungen in Deutschland zu schreiben, aber es wird deutlich: Bachtyar Ali ist mit seinem Herzen in seiner ursprünglichen Heimat und mit ihren Problemen, denen er eine Sprache geben möchte.

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