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Mehr Kunden, steigender Bedarf: Die Dortmunder Tafel wächst an ihren Aufgaben – Aber: Es gibt noch viel zu tun

14.000 Menschen werden in Dortmund mit Lebensmitteln von der Dortmunder Tafel versorgt. Archivfoto: Klaus Hartmann

14.000 Menschen werden in Dortmund mit Lebensmitteln von der Dortmunder Tafel versorgt. Archivfoto: Klaus Hartmann

Von Thomas Engel

Zwischen 80 und 100 Tonnen an überschüssigen Lebensmitteln werden von der Tafel-Zentrale in der Nordstadt wöchentlich an bedürftige KundInnen in der ganzen Stadt verteilt. Immer mehr Menschen ergreifen die Gelegenheit, beim Einkauf von Lebensmitteln zu sparen. Oder stehen auf den Wartelisten für Tafelausweise. Dies macht die Herausforderungen, mit denen sich der seit 2004 in Dortmund bestehende gemeinnützige Verein konfrontiert sieht, nicht gerade kleiner.

Kampf gegen die Ernährungsarmut – die Dortmunder Tafel steht an vorderster Front

4300 Tafelausweise hat die Dortmunder Tafel mittlerweile, Stand heute, an Einzelpersonen ausgestellt. Tendenz steigend. Vor nicht allzu langer Zeit waren es „nur“ 3600 registrierte Kunden. – Familienangehörige in den betreffenden Haushalten mit eingerechnet, versorgt die Tafel damit aktuell ca. 14.000 Menschen in Dortmund.

Werden zusätzlich noch die 29 Einrichtungen berücksichtigt, die augenblicklich von der Tafel regelmäßig mit Lebensmitteln beliefert werden, wie etwa das Gasthaus oder das Wichernhaus, dann steigt die Zahl auf über 15.000 Bedürftige, denen in unserer Stadt ihre Arbeit zugute kommt.

Eine beeindruckende Bilanz. – Das Elend, das sich dahinter freilich versteckt, wird leicht übersehen: Der Umstand, dass immer mehr Menschen – im „reichen“ Deutschland – hungern. Im Englischen heißt das „Breadline“: Dort, wo das Brot zum Problem wird. Und dort hört bekanntlich der Spaß auf: Zu sehen beispielsweise, wenn in ärmeren Ländern ausgehungerte Menschen revoltieren und etwa nach Brotpreiserhöhungen Bäckereien stürmen.

„Breadline“ wird im Deutschen mit Existenzminimum oder Armutsgrenze übersetzt. Menschen, die dort leben müssen, fallen potentiell in die Ernährungsarmut. Schon vor einigen Jahren berichtete die Menschenrechtsorganisation FIAN, dass immer mehr Menschen in Deutschland nicht in der Lage seien, sich angemessen zu ernähren. Betroffen sind insbesondere Kinder in Hartz-IV-Haushalten.

Mehr ehrenamtliche MitarbeiterInnen bei der Dortmunder Tafel

Dr. Horst Röhr ist Vorsitzender der Dortmunder Tafel.

Dr. Horst Röhr ist Vorsitzender der Dortmunder Tafel.

Deswegen verwundert es nicht, dass die Nachfrage nach Tafelausweisen in Dortmund ungebrochen ist und die Wartelisten nicht kürzer werden. Bewältigt werden können diese Herausforderungen aber nur durch Geld- wie Sachspenden sowie durch die Tätigkeit der vielen Ehrenamtlichen.

Konkret ermöglicht wurde die Versorgung einer größer werdenden Zahl von Kunden in den letzten Monaten unter anderem deshalb, erläutert der Vorsitzende der Tafel, Dr. Horst Röhr, weil man – zusätzlich zur Akquisition von Lebensmitteln bei Supermarktketten – auf Produzenten und Direktlieferanten geradewegs zugegangen sei. Dadurch könnten Lebensmittelhersteller wie etwa Dr. Oetker durch Überproduktion aufgehäufte Warenbestände abbauen und zugleich etwas Gutes tun.

Ferner sei es gelungen, so der Vorstandsvorsitzende der Tafel, die Verkaufsschichten in einzelnen Filialen nach und nach zu erweitern. Verschiedene Aufrufe, die über die Presse in der Vergangenheit lanciert wurden, um ehrenamtlich tätige HelferInnen für den Transport, die Kontrolle, Sortierung und den Verkauf von Waren zu gewinnen – waren erfolgreich: 80 Prozent der neu hinzugestoßenen ehrenamtlichen MitarbeiterInnen seien geblieben. Auch ein Zeichen für die große Integrationskraft des gesamten Teams.

Wie funktioniert die Dortmunder Tafel eigentlich genau?

Wer – nach Nachweis der eigenen Bedürftigkeit – einen Tafelausweis erhält, wird einer der Dortmunder Filialen zugeordnet. Auf dem Ausweis ist zusätzlich vermerkt, wie viel Personen in dem betreffenden Haushalt des Kunden versorgt werden müssen: Von einer „1“ für einen Singlehaushalt bis zur Ziffer „11“ (!) reicht die Reihe. Einmal wöchentlich erhalten die KundInnen sodann einen Termin für eine Verkaufsschicht – eine halbstündige Zeitspanne, innerhalb deren sie in Kleingruppen nach und nach in den Filialen gegen Bezahlung von drei Euro Nahrungsmittel erhalten.

Einkommenssituation der Tafel-Kunden. Quelle: Dortmund Tafel

Die Einkommenssituation der Tafel-KundInnen. Quelle: Dortmunder Tafel

Mindestens acht bis zehn Kilo Lebensmittel im Wert von 30 bis 35 Euro werden auf diese Weise einmal in der Woche pro Ausweis ausgegeben. Was übrig bleibt, erhalten jene KundInnen zusätzlich, die keinen Single-Haushalt führen. Keine leichte Aufgabe für die VerkäuferInnen, denn sie müssen die Waren gleichmäßig verteilen und daher zu jedem Zeitpunkt ungefähr kalkulieren, wie viele Kunden an einem Verkaufstag im Verhältnis zum aktuellen Warenvorrat noch zu erwarten sind.

140 bis 160 Personen sind dies gegen Ende eines Monats an einem Tag. Am Monatsanfang sind es aus nachvollziehbaren Gründen etwas weniger. Vielen Kunden fällt es schwer, sich in eine Schlange zu stellen. Denn da ist der Stolz. Und das Bild, AlmosenempfängerIn zu sein. Deswegen sind die Nahrungsmittel nicht kostenlos. Deswegen sprechen bei der Tafel alle von den „KundInnen“.

Am schwierigsten sei die Situation morgens, sagt Horst Röhr. Dann, wenn noch nicht vollständig klar sei, welche und wie viel Lebensmittel an dem betreffenden Tag angeliefert würden. Mit einer Unschärfe von etwa 20 Prozent müsse man anfangs immer rechnen. Und natürlich geht die Rechnung nicht immer auf. Bleiben Lebensmittel übrig, sollen sie natürlich nicht weggeworfen, sondern müssen eingelagert werden. Um an anderen Tagen niemand mit einem leeren Einkaufsbeutel nach hause schicken zu müssen.

Geld sparen, wo immer nur möglich: Tafel entwickelt neues Lagerkonzept

Eine äußerst komplexe logistische Aufgabe – auch, weil der Unterhalt geeigneter Lagerflächen und insbesondere von Kühleinrichtungen für verderbliche Lebensmittel natürlich finanzielle Ressourcen verschlingt. Und die sind bei der in einem hohen Maße auf Spenden angewiesenen Tafel freilich immer knapp. Also waren neue Ideen gefragt.

Die gab es und sie werden seit ungefähr anderthalb Jahren umgesetzt – mit dem Konzept ausgesourcter Lagermöglichkeiten. Seinerzeit begann die Atlas-Schuhfabrik aus Dortmund-Wickede damit, der Dortmunder Tafel kostenlos Lagerräumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Der Transport der dort eingelagerten Lebensmittel geht ebenfalls unentgeltlich vonstatten: Er wird seither von der Dortmunder Spedition Bloedorn übernommen (wir berichteten).

Dadurch musste die Tafel bis heute zwar keine neuen Lagerflächen mehr anmieten. Aber durch den weiter steigenden Bedarf an Tafelausweisen, stößt selbst das ausgefeilteste Logistiksystem irgendwann an seine Grenzen. Daher, betont Horst Röhr, suche man im Raum Dortmund weiterhin nach zusätzlichen Lagermöglichkeiten.

Erfolge beim Ausbau des Logistiksystems – aber es fehlen noch Kapazitäten

Ein erster Erfolg konnte bereits verzeichnet werden: Mit der Nagel-Group aus Versmold, einem europaweit agierenden Unternehmen für Lebensmittellogistik, wurde bereits eine Vereinbarung über die Einlagerung von bis zu 150 Paletten an Kühllebensmitteln in Dortmund-Marten und Bochum getroffen. Bei den Tiefkühlprodukten hingegen gibt es noch deutlichen Handlungsbedarf.

Denn die in der Tafel-Zentrale am Borsigplatz ausgebauten Tiefkühlkapazitäten sind nicht ausreichend, zudem sehr kostenintensiv. Obwohl nach der kürzlichen Fertigstellung der zweiten – über den Berliner Tafel-Bundesverband mitfinanzierten – Solaranlage auf dem Dach des Gebäudekomplexes in der Osterlandwehrstraße nun insgesamt 35 Prozent des gesamten Stromverbrauches durch Sonnenenergie gewonnen werden, wie Horst Röhr stolz berichtet.

Ebenso werden noch Unternehmen gesucht, die neben der Firma Bloedorn weitere Lebensmitteltransporte übernehmen können. Händeringend benötigt werden ebenfalls zu den augenblicklich 36 MitarbeiterInnen im Fahrdienst drei, vier weitere ehrenamtliche FahrerInnen für die Lebensmitteltransporte, mit denen täglich bzw. wöchentlich allein 174 verschiedene Lieferanten angefahren werden.

Zur Optimierung des Systems: Tafel startet Befragung von MitarbeiterInnen

Nach der Feier zum 10-jährigen Bestehen der Dortmunder Tafel wurde 2014 das Projekt „Zukunftswerkstatt 2019“ beschlossen, das unter anderem das neue Energiekonzept beinhaltet, um die laufenden Kosten einzudämmen. Nun, zur Halbzeit, soll geprüft werden, wieweit die Umsetzung vorangeschritten ist.

Zudem sollen alle Tafel-MitarbeiterInnen bis zum Jahresende darüber befragt werden, wie sie die Situation in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich einschätzen. Was gut ist, was verbesserungswürdig? Zwar, fügt Horst Röhr hinzu, müsse die Tafel nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten wie ein Unternehmen geführt werden, aber sie sei auch ein Kollektiv. In dem jeder/jede Einzelne zählt.

Mehr Informationen:

  • Wer an die Dortmunder Tafel spenden möchte, Stichwort: eine gute Tat vor Weihnachten – kann dies gerne tun:
  • Sparkasse Dortmund, IBAN: DE 11 4405 0199 0001 1628 61
  •  www.dortmunder-tafel.de
  • www.tafel.de
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