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„Makar Tschudra – A Gipsy Tale”: Ein poetischer Kampf um Freiheit, Liebe und traditionelle Reichtümer der Roma

Im Theater im Depot feierte das Roma-Stück Makar Tschudra Premiere. Foto: Alex Völkel

Im Theater im Depot feierte das Roma-Stück Makar Tschudra Premiere. Fotos: Alex Völkel

Es ist ein Text von nur 17 Seiten. Eine Erzählung, mit der häufig selbst Kenner von Maxim Gorki nicht vertraut sind. Doch „Makar Tschudra” – Gorkis erster Text aus dem Jahr 1892 – bietet viel Stoff. Er erlaubt interessante Einblicke in die reiche Kultur der Menschen, die sich selbst und voller Stolz als Zigeuner bezeichnen. Er offenbart die Lebensfreude und ihren Freiheitswillen, aber auch archaische Strukturen im Leben der Roma des 19. und vielleicht auch 21. Jahrhunderts.

Im Depot hat  „Makar Tschudra – A Gipsy Tale” jetzt eine gelungene Premiere gefeiert. Weitere Termine stehen fest und machen Lust auf mehr – schließlich ist das „moderne Märchen“ wichtiger Teil des erstmalig stattfindenden Roma-Kulturfestival „Djelem Djelem“ in der Nordstadt.

Über den Freiheitsgedanken und antibürgerliche Lebensformen

Im Theater im Depot feierte das Roma-Stück Makar Tschudra Premiere. Foto: Alex Völkel

Jens Wachholz.

Die Dortmunder Inszenierung erzählt von der vergeblichen Suche der Zigeunerin Radda nach Liebe und Zweisamkeit. Größer als diese Suche ist allerdings der Freiheitsgedanke der antibürgerlichen Lebensformen der Zigeuner. Die Liebe scheitert am Leben und das Leben an der Liebe.

Bewusst haben Rada Radojcic und Jens Wachholz – sie zeichnen für Konzept, Regie, Gesang und Schauspiel verantwortlich – auf eine klassische Theaterdramaturgie verzichtet. Sie liefern Fragmente, die Einblicke geben aber keine vorgefertigten Antworten und Sichtweisen. Sie liefern Raum für Interpretation und Assoziation. Das bietet den Betrachtern viele Möglichkeiten.

Nordstadt-Assoziationen und Respekt vor der Kultur

Der Nordstadt-Kenner kann beispielsweise manche Eigenart der Neuzuwanderer aus Südosteuropa wiedererkennen. Aber das Stück nötigt ihnen – sollte er wie die meisten Außenstehenden mit Vorurteilen beladen sein – ihm Nachhinein auch Respekt ab. Respekt für eine alte – fast vergessene geglaubte Kultur. Eine Kultur, die sich permanent neu erfinden muss und doch so viele traditionelle Reichtümer und Traditionen bietet.

Rada Radojcic und Jens Wachholz gelingt es, kraftvolle, epische Worte und musikalische Neuinterpretationen alter Klänge der Gipsy-Kultur zu Bildern und Wahrnehmungen ganz eigener, poetischer Art zu verschmelzen. Unterstützt werden sie dabei von Musiker Dragon Mitrovic und Tänzer Miroslav Vukovic.

Kunstprojekt bündelt die Schönheit von Bildern, Sprache und Musik

Im Theater im Depot feierte das Roma-Stück Makar Tschudra Premiere. Foto: Alex Völkel

Rada Radojcic.

„Makar Tschudra – A Gipsy Tale” möchte im Theater im Depot in der Dortmunder Nordstadt vermitteln und verzaubern. Zwischen den Welten. Als Kunstprojekt, als musikalisch-textlicher Versuch der Schönheit von Bildern, Sprache und Musik. Unabhängig von Klassen, Rassen und bürgerlichen Falschvorstellungen des Lebens.

Ein Versuch über das Leben an sich. Eine Hommage an die Freiheit. Zwischen den Kriegen und frei vom Betrug am Leben. Wahr und ehrlich. Poetisch verzaubernd sind die Text-Passagen nach Maxim Gorki: „Von allen Weinen, die Du im Leben trinken wirst, ist die Freiheit der berauschendste!“

Zwischen Lebensweisheiten und verstörend-archaischen Strukturen 

Das Zigeuner-Märchen offenbart eine Kultur, die Respekt vor dem Alter hat („Werde erst mal grau, bevor Du entscheidest, was zu lehren!“) und Weisheiten akzeptiert. Aber zeigt im Umkehrschluss auch Probleme, weil sich die Kultur nur schwer auf neue Dinge einstellen kann.

Das Stück macht deutlich, dass die Menschen sich oft nicht gut tun: „Sie erdrücken sich, obwohl Platz genug wäre“ heißt es in dem Text. Schon hat der Nordstädter die überbelegten Problemhäuser und die Menschenansammlungen rund um den Nordmarkt vor Augen.

Verstörend ist wegen dieser aktuellen Assoziationen daher das Gefühl, dass die Liebe scheitern muss, weil sie sich nicht mit dem Freiheitswillen verträgt. Und das – beinahe logisch und natürlich – in Tod und „Ehrenmord“ enden muss. Aber sie zeigen auch auf, dass bestimmte Vorurteile nicht stimmen müssen: „Verkaufe mir deine Tochter“, fordert der Reiche einen Zigeuner auf. Dieser lehnt ab: „Nur die Reichen verkaufen alles – von ihren Schweinen bis zu ihrem Gewissen.“

Zigeuner waren einst Vögel – daher suchen sie die Freiheit

Im Theater im Depot feierte das Roma-Stück Makar Tschudra Premiere. Foto: Alex Völkel

Miroslav Vukovic.

Sehr gelungen zeichnen sie den Mythos, das Zigeuner eigentlich Vögel waren (gelungen verkörpert von Miroslav Vukovic). Sie waren also die Tiere, die wie kein anderes für Freiheit, Unabhängigkeit und Reisefreudigkeit stehen.  Doch eines Tages sind die Vögel – als sie auf einem üppigen Acker gelandet sind und dort zu lange verweilten – zu satt und zu schwer zum Fliegen geworden.

Aus den Flügeln wurden Arme und Hände, die zupacken und arbeiten können. Doch der Freiheitswillen ist ihnen geblieben. Sie bleiben Reisende, sind getrieben von Sehnsucht und Freiheitsdrang und der Hoffnung, eines Tages wieder fliegen zu können.

Das kompakte Stück macht Lust auf mehr und das Roma-Festival

Das kompakte Stück  – es dauert nur 70 Minuten – vermittelt neue Einblicke und macht Lust auf mehr. Dies gibt es in der kommenden Woche beim Festival in der Nordstadt. Am Sonntag, 20. September, geben die Akteure des Stücks um 18 Uhr ein Konzert auf dem Nordmarkt.

Das Stück selbst ist am heutigen Samstag, 13. September, am Samstag, 20. September, sowie am 18. und 19. Oktober im Theater im Depot zu sehen. Beginn ist jeweils um 20 Uhr – außer am 19.Oktober – dann beginnt „Makar Tschudra – A Gipsy Tale” schon um 18 Uhr.

Karten gibt es im Vorverkauf für 13 Euro (ermäßigt acht Euro) oder an der Abendkasse für 15 Euro (ermäßigt zehn Euro).

 

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