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Lebhafte BV-Debatte in der Nordstadt: Zwischen Wegebau, Gänseplage, Abschüssen und Rassismus im Fredenbaum

Im Fredenbaumpark gibt es eine „Invasion“ von 200 Kandagänsen. Archivbilder: Oliver Schaper

Im Fredenbaumpark gibt es eine „Invasion“ von rund 200 Kanadagänsen. Archivbilder: Oliver Schaper

Die Teichanlagen im Fredenbaumpark standen im Mittelpunkt einer lebhaften Debatte der Bezirksvertretung (BV) Innenstadt-Nord: Was eigentlich „nur“ als Beschluss über die Investition einer Wegedebatte bestimmt war, entspannte sich zu einer kontroversen Debatte über die Gänseplage im Park, „invasive Arten“, Abschüsse, den Geschmack von Kanadagänsen und den Sinn und Unsinn der mittlerweile dreimal so teuren Baumaßnahme.

200 Kanadagänse fressen Grasnarbe ab und koten die Festwiese zu

Die Gänse fressen die Grasnarbe ab und koten die Festwiese voll.

Die Gänse fressen die Grasnarbe ab und koten die Festwiese im Fredenbaumpark voll.

Dirk Lehmhaus von der Abteilung StadtGrün war gekommen, um die Baumaßnahme zu erklären. Doch die baulichen Details rückten bald in den Hintergrund, da ein Grund für das Vorhaben in den Vordergrund trat: Das Treiben der Gänse im Fredenbaumpark. Um was geht es?

Die Stadt will die Festwiese im Park sanieren und mit einer Drainage versehen, damit der Platz trockener und damit besser nutzbar ist. Doch eine Drainage macht keinen Sinn, da in dem Bereich mittlerweile rund 200 Gänse heimisch sind. Sie fressen die Grasnarbe ab und hinterlassen Fäkalien. Ein Gutachter hat über 80 Häufchen „Gänsekacke“ pro Quadratmeter gezählt, weiß Lehmhaus. Damit würde die Drainage verstopft. Am „schmierigen“ Zustand auf der Festwiese würde sich nichts ändern.

Dies ist einer der Gründe, warum die Abteilung Stadtgrün zwei andere Baumaßnahmen für den Fredenbaumpark vorgeschlagen hat. Im Park gibt es zwei Teiche. Die drei Inseln darin sind beliebte Nistplätze – nicht nur für die Gänse. Um es diesen ungemütlich zu machen, hat die Stadt die beiden kleinen ufernahen Inseln im kleinen Teich bereits ans Ufer angeschlossen. Sie wurden vom Ufer aus mit Erde angeschüttet und die Inseln quasi verlandet.

Füchse sollen die Gänse beim Brüten stören – bisher keine zählbaren Erfolge

Die kleinen Inseln in kleinen Teich sind durch Anschüttungen mit dem Ufer verbunden worden.

Die kleinen Inseln in kleinen Teich sind durch Anschüttungen mit dem Ufer verbunden worden.

„Wir wollen so dem Fuchs einen Zugang zu den Inseln geben, um die Gänse zu stören“, machte der städtische Mitarbeiter deutlich. Diese Arbeiten wurden bereits ausgeführt, geändert hat das an der Gänsepopulation nichts. Nun soll auch die größere Insel im größeren Teich angebunden werden. Eine Anschüttung bzw. Verlandung kommt hier wegen eines Quellbereichs nicht in Frage.

Daher soll eine Wegeverbindung her – Anschüttungen, unter denen das Wasser zirkulieren kann.  Eine Einfassung gebe es nicht, bekam Gerda Horitzky (CDU) auf Nachfrage zu hören. Diesen Beschluss hatte die BV bereits im vergangenen Jahr gefasst – Kostenpunkt damals: 25.000 Euro. Jetzt liegt der Beschlussvorschlag erneut auf dem Tisch – für 75.000 Euro.

Was ist passiert? Die Stadt hatte geplant, die Arbeiten mit einem Beschäftigungsträger zu machen. Denn „Grünbau“ ist mit seinen Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekten für Langzeitarbeitslose bereits im Park im Einsatz. Sie reparieren und erneuern unter anderem die Wegedecken.

Kein Beauftragung für Langzeitarbeitslose möglich – Kosten verdreifachen sich

Über die Insel im größeren Teich soll ein Weg geführt werden. Die Arbeiten werden 75.000 Euro kosten.

Über die Insel im größeren Teich soll ein Weg geführt werden. Die Arbeiten werden 75.000 Euro kosten.

Doch die Stadt musste nach dem Beschluss durch die BV feststellen, dass die Planungen für die Insel in die Kategorie „Neubau“ fällt – eine Vergabe an einen Beschäftigungsträger war daher nicht möglich, weil dies dem ersten Arbeitsmarkt einen Auftrag entziehen würde. Daher nun ein neuer Anlauf – mit neuer Kalkulation.

Dies sei keine gezielte Entscheidung gegen „Grünbau“ gewesen, erfuhr Dorian-Marius Vornweg (CDU) auf Nachfrage, sondern eine grundsätzliche Entscheidung, weil die Vergaberegeln ein anderes Modell vorsehen. Die Arbeiten werden zudem nun etwas aufwendiger und müssen frei finanziert werden, was eine Verdreifachung der Kosten nach sich zieht.

Daher waren die BezirksvertreterInnen skeptisch, weil der Erfolg – eine Reduzierung der Gänsepopulation – wahrscheinlich auch durch diese Maßnahme nicht erreichbar sein wird. Dies bekam Rico Koske (Grüne) auf Nachfrage zu hören.

Zwar habe Lehmhaus noch keinen Fuchs auf den ehemaligen Inseln gesehen, doch die brütenden Gänse hätten sich nun an anderer Stelle im Park niedergelassen. Jürgen Smolinski (Linke und Piraten) hält vom den Vorhaben nichts: Denn nicht nur die Gänse, sondern auch andere Tier- und Vogelarten würden dadurch beim Brüten gestört.

Gezielte Abschüsse und Eierdiebstahl als Möglichkeiten der Eindämmung?

Im Fredenbaumpark gibt es eine „Invasion“ von 200 Kandagänsen. Archivbilder: Oliver Schaper

Im Fredenbaumpark gibt es mittlerweile  200 Kanadagänse. Sie brüten u.a. auf den kleinen Inseln.

Die anderen Mitglieder der BV fokussierten sich stattdessen auf andere Möglichkeiten, wie man der Gänseplage begegnen könne. Bezirksbürgermeister Dr. Ludwig Jörder (SPD) erkundigte sich, ob auch das Schießen wie im Westfalenpark eine Option sein. Dies werde auch im Fredenbaum und am Kanal gemacht, habe das Problem aber nicht nachhaltig gelöst. Denn das Schießen sei schwierig. „Die Gänse fliegen dann raus auf den Kanal“, berichtete Lehmhaus. Dennoch seien bisher in Dortmund 120 Gänse geschossen worden.

Ob diese denn auch verwertet würden, wollte Jörder wissen. „Schmecken die Kanadagänse?“, wollte er wissen. Zumindest die Gänsebrust werde zum Kochen verwendet, bekam er zu hören. Brigitte Jülich (SPD) erkundigte sich, ob nicht das Entfernen der Eier aus den Nestern oder zumindest der Austausch gegen Gips-Eier wie in den Taubenhäusern eine Option sei. Sie musste erfahren, dass das Jagdgesetz das völlige „Räubern“ nicht erlaube.

Also wenig Hoffnung, dass die neue Investition überhaupt etwas gegen die Gänse bringe. Lehmhaus versuchte daher, den NordstädterInnen die Wegeverbindung anders „schmackhaft“ zu machen. Es werde eine schöne Strecke, die nicht zuletzt wegen der Bänke zum Verweilen einlade.

Eine „ruhige Ecke“ werde dort entstehen. Ein Argument, welches in der BV nicht auf ungeteilte Zustimmung stieß: Die Sorge, dass sich dann dort andere ungebetene menschliche Gäste wohlfühlen könnten, wurde laut.  Daher wurde die Entscheidung darüber vertagt.

Kommentar zu rassistischen AfD-Äußerungen:

KRUDES MENSCHENBILD

Die Diskussion bekam übrigens auch eine rassistische Komponente: Denn der Hinweis, dass es sich bei den Kanadagänsen um eine „invasive Art“ aus dem Ausland handele, die den heimischen Gänsearten den Lebensraum streitig mache, löste bei Andreas Urbanek (AfD) nicht nur ein Lachen aus. Er zog sofort eine Parallele von der Tierwelt zu den Menschen und der Zuwanderung in die Nordstadt.

Doch anders als bei den Menschen wünschten die BV-Mitglieder offenbar nur den Kanadagänsen „den Fuchs an den Hals“, kommentierte Urbanek. Er offenbarte – gewollt oder unbeabsichtigt – damit eine rassistische Denkweise, die stark an biologistisches und kulturrassistisches Denken sowie die Rassenlehre der Nazis erinnert.

Für ihn sind offenbar ZuwandererInnen, die beispielsweise die Freizügigkeit innerhalb der EU in Anspruch nehmen oder auch vor dem Krieg geflüchtete Menschen auch „Invasoren“, die den Deutschen ihr Land, ihre Arbeit und ihr Leben streitig machen wollen.  Nur so kann der Vergleich mit der „invasiven“ Gänseart verstanden werden. Ist das die von der AfD befürchtete „Umvolkung“?

Einziger Lichtblick: Eine Anspielung auf die gewünschten Abschüsse der „invasiven Gänseart“ und einen Übertrag auf Menschen ersparte der aus der ehemaligen DDR stammende AfD-Politiker dem Gremium.

Von Alexander Völkel

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4 Gedanken über “Lebhafte BV-Debatte in der Nordstadt: Zwischen Wegebau, Gänseplage, Abschüssen und Rassismus im Fredenbaum

  1. Rüdiger Heierhoff

    Es werden und wurden kein einheimischen Gänsearten verdrängt. Die einzige flächendeckend in Deutschland heimische Gänseart ist die Graugans und die war am Fredenbaumparkteich noch nie häufig. Die Kanadagänse besetzen einen Lebensraum, der vorher noch gar nicht intensiv von Gänsen genutzt wurde – einfach weil es nicht ihrer Lebensweise entsprach.. — Außerdem frage ich mich, warum nicht der Einsatz eines Falkners in Erwägung gezogen wird. Woanders scheint das zu klappen: http://www.gelnhaeuser-tageblatt.de/lokales/main-kinzig-kreis/landkreis/auf-gaensejagd-am-kinzigsee_15809698.htm

  2. Brigitte Müller

    Ich bin Anwohnerin am Fredenbaum.
    Natürlich ist der Wald auch durch die vielen Gänse in einem schlechten Zustand. Ich meine aber dass es sehr viel mehr an den Dauerveranstaltungen liegt. Jetzt wieder der Weihnachtsmarkt. Seit 1 Woche ist der innere Teil abgesperrt. Das geht bis Mitte Januer.
    Das sind 2 Monate in denen pernanent der Wald zerstört wird. Wenn man sieht wie die LKW’s den Boden bearbeiten wird man wütend. Im Januar ist dann alles völlig ruiniert.
    Mitte bis Ende April hat sich Alles etwas erholt. Dann kommt wieder dieser Mittelaltermarkt.. Da wird wieder alles nieder gemacht.
    Mich würde auch mal interessieren wo die Einnahmen aus den der Vermietungen bleiben.. Man kann nicht erkennen, dass sie wieder in den Wald investiert werden.

  3. Neugieriger Bürger.

    Ein wirklich interessanter Bericht.

    Wurden denn im Anschluss an die Sitzung auch Kochtrezepte ausgetauscht?

    Oder ist geplant, diese dem nächsten Protokoll der BV anzuhängen, damit auch die Bürgerinnen und Bürger diese auf Domap abrufen und ausprobieren können?

    Oder planen die Nordstadtblogger eine Reihe zum Thema “ Wie der Gänsebraten am Besten gelingt?“

    Wurde auch noch mit ähnlichem Zeitaufwand über was anderes geredet?

    Wenn nicht sollten die Mitglieder dieser Sitzung doch bitte auf die Sitzungsgelder verzichten.

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