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Künstlerhaus-Ausstellung mit Kunstsymbiosen: „Aus jedem Dorf ein Hund“ oder, warum schlechte Karten Chancen bergen

Raumfüllend ist die Installation von Aylin Leclaire im Künstlerhaus. Fotos: Alex Völkel

Raumfüllend ist die Installation von Aylin Leclaire im Künstlerhaus Dortmund. Fotos: Alex Völkel

Von Thomas Engel

Die „Klasse Martin Gostner“ stellt im Künstlerhaus Dortmund vom 21. Oktober bis zum 19. November die vielgestaltigen Arbeiten von Studierenden beim Bildenden Künstler und Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf, Martin Gostner, aus. Vernissage ist am heutigen Freitag, 20. Oktober 2017, um 20 Uhr am Sunderweg 1 in der Nordstadt.

Erste Verwirrungen, gern gesehen, wollen wir nicht auf dem Bauernhof landen

Paul Schwaderer verbindet Körperbewegungen und Kraft zu einem Kunstwerk, das abwechselnd vibrierende Gipsplastiken zeigt.

Paul Schwaderer verbindet Körperbewegungen und Kraft zu einem Kunstwerk, das abwechselnd vibrierende Gipsplastiken zeigt.

Warum eigentlich „Klasse“? Hört sich so nach „Penne“ an – wir erinnern uns! Aber was hat das mit schlechten oder guten Karten, also vermutlich mit einem Spiel zu tun? Und die Hunde aus verschiedenen Dörfern, worin zum Teufel besteht deren Rolle?

Alles wirkt, à primière vu, ein wenig verwirrend. Aber auch das hat etwas mit Kunst zu tun. Egal, wie sie sich en detail selbst versteht. Es sei denn, sie setzte ernsthaft auf rotwangige Bauernmädchen irgendwo zwischen goldenen Ähren und Gebärwilligkeit.

Die Entwirrung des anfangs Verwirrenden kann hier nur ansatzweise geschehen. Der Rest obliegt dem neugierig gewordenen Besucher am Ort der Ausstellung selbst. Und außerdem soll‘s unten noch was von der Ausstellung als Vorgeschmack zu sehen geben, ohne dass sich hier jemand zuvor die Finger wund scrollen muss.

Was uns der Ausstellungstitel (nicht) darüber sagt, was wir zu erwarten haben (1)

Nina Blum erklärt, mit welchen Materialien sie gearbeitet hat.

Nina Blum erklärt ihre Materialien.

Kurz, die „Klasse“: Ja, sie ist von den Räumlichkeiten und den mannigfaltigen Möglichkeiten, untereinander in Kontakt zu treten, andere Lernende zu sehen, zu hören oder einfach nur gemeinsam Faxen zu machen, einer Schulklasse durchaus ähnlich. Allerdings: an der Kunstakademie Düsseldorf.

Daher gibt es ein paar kleine Unterschiede zur herkömmlichen Schulklasse: In ihr befinden sich erstens keine PennälerInnen, sondern Studierende an besagter Akademie, also (angehende) KünstlerInnen; zweitens findet natürlich kein Frontalunterricht statt, nicht einmal Gruppenarbeit im engeren Sinne. Sondern es bilden, drittens, junge Menschen nebeneinander in zwei Räumen, was sie – eben bilden wollen.

Entscheidend ist nun dieses Nebeneinander, was dem Wollen und Können von Kunstschaffenden der Reibung am Anderen (der/die da neben mir werkelt) aussetzt, es aber auch in „gewisser“ Weise mitformt, ohne je auch nur annähernd nivellierend zu wirken. Im Gegenteil.

(2) Heterogenität der Kunstschaffenden und ihrer Arbeitsschwerpunkte

Jonas Kohn: "Versuch". Der Künstler arbeitet mit einer audio-visuellen Konzeption. Musikalisch nach Vorbild des Free Jazz. Was dabei genau herauskommt, bleibt stets offen.

Jonas Kohn: „Versuch“. Der Künstler arbeitet mit einer audio-visuellen Konzeption. Was dabei genau herauskommt, bleibt stets offen.

… war bei der Berufung der Studierenden in die Düsseldorfer Klasse ein wesentliches Kriterium. Auf formale wie inhaltliche Vielfalt kam es bei den KandidatInnen an. Dann können gegensätzliche Themen und Gestaltungsformen im künstlerischen Schaffensprozess nebeneinander, Tür an Tür sozusagen, sich gegenseitig befruchten. Vielleicht.

Aber sich auch gerade dadurch ihrer Eigenarten versichern. Durch Reibung am Gegensatz in Vielfalt. Wie bei der Identitätsbildung eines Heranwachsenden: Das „Ich“ gibt es eben einzig nur in Abgrenzung zu dem, was ich nicht bin. Sonst ist es wie ein Schluck Wasser in der Kurve.

Dieses Spannungsverhältnis darf aber einem entscheidenden konzeptuellen Moment des nachbarschaftlich-kreativen Wirkens der Studierenden nicht widerstreiten. Dem künstlerischen Schaffen innerhalb eines „entspannten Feldes“, wie Martin Gostner betont. Sie sollen im Grunde so arbeiten können, als reflektierte ihr Inneres die Räume und Umgebung eines bekannten Hohenzollernschlosses nahe Potsdam: Sanssouci – sorgenfrei.

(3) Wo bleibt denn nun das Spiel? Und die Hunde? 

Aylin Leclaire bei ihrem Emotions-Octopus

Aylin Leclaire bei ihrem Emotions-Octopus

Als Individuum im Sinne einer Monade (d.h. als einer in sich abgeschlossenen Welt, welche hier der/die KünsterIn bildet) etwas rein monadisches zu schaffen, ist unter den Voraussetzungen des Nebeneinander-kreativ-Seins nahezu unmöglich: Wie soll ich bloß saubere Photos in einem Raum produzieren, wenn jemand neben mir rumstaubt, weil er/sie mit Gips arbeitet?

Und es ist auch didaktisch nicht beabsichtigt. Es ist vielmehr wie ein Spiel, erläutert Professor Gostner, wie ein Kartenspiel, in das jemand vielleicht mit einem schlechten Blatt startet. Beim Skat nichts Halbes und nichts Ganzes auf der Hand haben. Oder eben aus jedem Dorf einen Hund.

Das mag beim Skat in die Hose gehen; vielleicht aber auch nicht. Wenn es zu unerwarteten Verbindungen oder Abgrenzungen kommt. Zu einem „Drehmoment …, welches das Spiel erst spannend macht und für Überraschungen öffnet.“ (Ausstellungskatalog)

Dies kann als Metapher der nun eröffnenden Ausstellung verstanden werden. Sie beschreibt nicht nur die Prozesse zwischen den Kunstschaffenden in der Klasse, sondern die Ausstellung ihrer Werke selbst als Ort von Möglichkeiten.

Eine Ausstellung als Diskurs der Vielfalt

Was dabei möglicherweise im Einzelnen herauskommt, ist natürlich völlig unklar. Sowohl bezüglich des Einzelwerkes wie deren Gesamtgestalt als ausgestellte Konfiguration von Kunstwerken an einem Ort, in einem Haus, dem Dortmunder Künstlerhaus.

Bei der nebeneinander geschaffenen Vielfalt von Exponaten und Kunstformen und ihrer Anordnung ist lediglich sicher: hier wird sich „ein möglichst breit angelegter Diskurs“ wiederfinden, wie es im Ausstellungskatalog heißt. Ein Diskurs innerhalb von Heterogenität.

Wer wissen möchte, was dabei am Ende faktisch, also plastisch, kinetisch, audiovisuell etc. herausgekommen ist, der/die möge sich in nächster Zeit, bewaffnet mit Freigeist und Phantasie, ins Künstlerhaus begeben. Um eigene Schlüsse zu ziehen. Es lohnt sich.

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Ein Gedanke zu “Künstlerhaus-Ausstellung mit Kunstsymbiosen: „Aus jedem Dorf ein Hund“ oder, warum schlechte Karten Chancen bergen

  1. Künstlerhaus Dortmund

    Finissage zur Ausstellung mit Konzert und Performance

    Am Samstag, 18. November 2017 um 20 Uhr, findet die Finissage zur Ausstellung mit Konzert und Performance im Künstlerhaus Dortmund, Sunderweg 1, 44147 Dortmund. Es gibt ein Konzert der Band Bitumen und einer Performance von Aylin Leclaire. Der Eintritt ist frei.

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