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Jeder fünfte Azubi in Dortmund wirft das Handtuch: Ausbildungsbegleitende Hilfen sollen entgegensteuern

Björn Nowak (Ausbildungsleiter Weidner Elektronik GmbH), Philipp Czarnecki (Auszubildender) und Martina Würker

Björn Nowak (Ausbildungsleiter Weidner Elektronik GmbH), Philipp Czarnecki (Auszubildender) und Martina Würker

Wenn die Noten in der Berufsschule zu wünschen übrig lassen oder es Probleme im Ausbildungsbetrieb gibt – die Agentur für Arbeit Dortmund bietet Azubis und Betrieben ihre Hilfe an, kostenlos. Ob Einzelgespräche bei der agentureigenen Berufsberatung, Ausarbeitung persönlicher Förderpläne durch den Bildungsträger TÜV-Nord oder zusätzliche sozialpädagogische Betreuung: Es geht bei den ausbildungsbegleitenden Unterstützungsangeboten darum, Ausbildungsabbrüchen frühzeitig vorzubeugen, wo immer sie vermeidbar sind.

Abbruch der Lehre: Irrtum bei der Berufswahl oder weil ich den Stoff nicht bewältigen kann?

Jeder fünfte Ausbildungsvertrag wird derzeit in Dortmund vorzeitig aufgelöst; Tendenz bis heute steigend. So manchem mag erst während der Lehrzeit bewusst werden, dass der gewählte Beruf nicht den eigenen Erwartungen entspricht und keine Option für die restliche Lebensarbeitszeit darstellt.

Aber auch immer wieder sind Azubis den Anforderungen der Berufsschule oder des Lehralltags einfach nicht vollständig gewachsen sind. Um zu vermeiden, dass die betroffenen jungen Menschen resignieren oder aus diesem Grunde sogar ihre Ausbildung abbrechen, bietet die Agentur für Arbeit Dortmund regelmäßig ausbildungsbegleitende Hilfen an.

Philipp Czarnecki war so ein Jugendlicher mit zunehmenden Schwierigkeiten während seiner ersten beiden Lehrjahre zur Elektrotechniker-Ausbildung, die er 2015 begonnen hatte. Ein eher schüchterner junger Mann, der sich zwar im Betrieb handwerklich gut zurecht fand, in der Berufsschule aber in einigen Fächern nicht mitkam. Und immer weiter zurückfiel.

Die Scham, sich eigene Schwächen einzugestehen: Achtsamkeit der Ausbilder ist wichtig!

Es war zu befürchten, dass er den ersten Teil seiner Gesellenprüfung am Ende des zweiten Lehrjahres nicht bestehen würde, erläutert sein Ausbildungsleiter bei der Weidner Elektrotechnik GmbH, Björn Nowak. In einer solchen Situation gäbe es zugleich eine Hemmschwelle bei den betroffenen Azubis, sich einzugestehen, dass die eigene Leistung möglicherweise nicht ausreicht, um das Ausbildungsziel zu erreichen, erzählt der Ausbildungsleiter von seinen Erfahrungen. Und sein Lehrling bestätigt: „Es war mir peinlich, ich wollte es nicht ansprechen.“

Insbesondere bei den Grundlagenkenntnissen habe es gehapert. Im ersten Teil der Gesellenprüfung sei aber das Fachgespräch, in dem die Azubis ihr zuvor angeeignetes Wissen sprachlich vermitteln können sollten, ein Sperrfach: Wer hier durchfiele, müsse die gesamte Prüfung wiederholen.

Aber Philipp Czarnecki hatte Glück: Sein Meister wusste, wo es Unterstützungsangebote gab, weil es vor einigen Jahren schon einmal einen ähnlichen „Problemfall“ im Betrieb als Lehrling gegeben habe. Und wie damals handelte er.

Das Hilfsangebot der Arbeitsagentur: TÜV-Nord als Bildungsträger zur Bewältigung von Defiziten

TÜV NORD - Bildungszentrum Dortmud

TÜV NORD – Bildungszentrum Dortmud

Dort, wo – wie im Falle von Philipp Czarnecki – ein erfolgreicher Abschluss der Ausbildung gefährdet sei, griffe das Unterstützungsprogramm der „Ausbildungsbegleitenden Hilfen“ (abH), erklärt Martina Würker, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Dortmund. Dies könne unterschiedliche Gründe haben, etwa wie im Falle des jungen Elektrotechnik-Azubis die Schwächen in einigen Fächern an der Berufsschule.

Wer sich in Dortmund als Bildungsträger solchen Auszubildenden annimmt, ist der TÜV-Nord. Mit der entsprechenden, ihm bekannten Ansprechpartnerin vor Ort hatte sich Ausbildungsleiter Nowak sofort in Verbindung gesetzt. Und zugleich mit und für seinen Azubi bei der Arbeitsagentur ausbildungsbegleitende Hilfen beantragt.

Beim TÜV-Nord können schulische Defizite in Theorie und Praxis aufgearbeitet werden. Und es gibt Hilfestellungen bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten und Prüfungen. Alles in Kleingruppen von fünf bis sechs Jugendlichen.

Ein bis zwei Stunden an einem oder manchmal auch mehreren Tagen in der Woche ist Philipp seither dort, erhält Nachhilfe. Die Auszubildenden machten die Förderung zusätzlich und freiwillig, betont Martina Würker, und fährt anerkennend fort: „Sie zeigen damit, dass sie etwas verändern wollen.“

Die Agentur für Arbeit Dortmund finanziert die Unterstützung in vollem Umfang

Es gäbe auch im Bedarfsfall eine sozialpädagogische Betreuung – dort, wo beispielsweise etwas im Sozialgefüge der Auszubildenden nicht stimmte, ergänzt Würker. Hier könnte eine assistierte Ausbildung angeboten werden, bei der die betreffenden Azubis von Anfang an in ihrem Betrieb begleitet würden.

Etwa 1.000 förderungsbedürftige Auszubildende werden jährlich im Rahmen des von der Dortmunder Arbeitsagentur durchgeführten Programms „Ausbildungsbegleitende Hilfen“ unterstützt. Für das nächste Jahr sind 350 neue Eintrittsmöglichkeiten geplant. Fast immer seien die zur Verfügung stehenden Plätze belegt. Sowohl für die Auszubildenden wie für die Betriebe ist das Nachhilfeangebot unentgeltlich.

800.000 Euro jährlich, finanziert aus der Arbeitslosenversicherung, lässt sich die Dortmunder Agentur für Arbeit das Programm kosten. Eine eindeutig sinnvolle Investition. Denn durch Ausbildungsabbrüche entstünde ein erheblicher volkswirtschaftlicher Schaden, erklärt Martina Würker. Wird nach ein, zwei Jahren eine Ausbildung abgebrochen, ist auf allen Seiten viel Zeit, Kraft und Geld umsonst verausgabt worden. Daher handele es sich bei den abH um ein „supergünstiges Instrument“, so die Leiterin des Verwaltungsvorstandes.

Fachleute raten: Rechtzeitig handeln, bevor es zu spät ist!

Im Falle von Philipp Czarnecki hat es sich schon gelohnt: Nur einige Monate nach seinem Eintritt in die Maßnahme bestand er den ersten Teil der Gesellenprüfung: mit einem guten „befriedigend“. – Erstaunlich für einen jungen Menschen, dem noch vor einiger Zeit wenig Chancen eingeräumt wurden, die Prüfung überhaupt zu bestehen.

Auch sein Ausbilder bei der Firma Weidner Elektrotechnik GmbH ist zufrieden mit Philipp: Durch sein erworbenes Wissen könne er sich nun anders behaupten, sei „in letzter Zeit unheimlich gewachsen“, so Björn Nowak. Um einschränkend zu mahnen: Die ausbildungsbegleitenden Hilfen könnten aber nur funktionieren, wenn es in den Ausbildungsbetrieben ebenfalls rund liefe.

Es sei beispielsweise wichtig, den Kontakt mit den Azubis zu pflegen, sozusagen ein Auge auf sie zu haben. Zumal sie im Arbeitsalltag nicht immer in der Firma seien. Etwa bei Außenterminen. Und die gepflegten Kontakte zum TÜV-Nord kamen allen natürlich auch zugute. Gäbe es mal keinen direkten Draht, ergänzt Martina Würker, sollten sich die Betroffenen direkt an die Arbeitsagentur wenden.

Von erheblicher Bedeutung sei zudem, dass bei Ausbildungsproblemen rechtzeitig gehandelt würde. Sybille Werner, Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur, kann dies bestätigen: „Schwierig wird es, wenn ein junger Auszubildender sich eine lange Zeit überfordert fühlt oder auch die Motivation eine Stütze braucht. Damit es nicht zum Abbruch kommt, ist schnelle Hilfe gefragt.“

Gute und schlecht zugleich: die veränderte Haltung zum Ausbildungsabbruch heutzutage

Martina Würker, Chefin der Agentur für Arbeit in Dortmund.

Martina Würker, Chefin der Agentur für Arbeit in Dortmund.

Die hohen Auflösungsquoten von etwa 20 Prozent bei abgeschlossenen Ausbildungsverträgen in Dortmund seien allerdings nicht per se etwas schlechtes, gibt Martina Würker zu bedenken. Leute, die definitiv etwas anders lernen wollten, vergeudeten keine drei Jahre mehr. Dahinter verbirgt sich offenbar eine gewisse Flexibilisierung bei den Berufswahloptionen über die Lebensspanne in Arbeit.

Nicht ganz so gut sei hingegen, ergänzt die Leiterin der Arbeitsagentur mit einem Lächeln, weil es vielleicht etwas konservativ klingen möge – dass bei jungen Menschen eine gewisse Durchhaltemotivation sänke. Sie schmissen bei Ausbildungsproblemen schneller hin, ohne ein Gespräch zu suchen. Dies sei insbesondere in kleinen Betrieben ein Problem, wo es eben keinen Personalrat gäbe, der sich mit der Angelegenheit noch einmal befasst.

Genau hier setzen die Hilfsangebote der Agentur für Arbeit zur begleitenden Unterstützung bei der Ausbildung an. Um Ausbildungsabbrüche dort zu vermeiden, wo es keine zwingenden Gründe dafür gibt – wie etwa gesundheitliche Probleme im neuen Beruf oder irreversible Motivationsbrüche, weil die Azubis sich für etwas anderes entschieden haben.

Aus Menschen mit kleinen Schwächen werden (idealtypisch) selbstbewusste Fachkräfte

Mit Ergebnissen, die Mut machen: Auch dem erwähnten ersten „Problemfall“ von Ausbilder Björn Nowak konnte geholfen werden. – Er ist mittlerweile festangestellter Geselle bei der Weidner Elektrotechnik GmbH. Und der heute 18-jährige Philipp Czarnecki bereitet sich gerade auf den zweiten Teil der Gesellenprüfung vor. Er würde beim TÜV-Nord unheimlich motiviert, sagt er. Daher steht für ihn fest: „Ich möchte das bis zum Ende machen!“

Dagegen wird sein Ausbildungsleiter, Björn Nowak, sicherlich nicht besonders viel einzuwenden haben. Leute, die lernen wollten, Interesse mitbrächten, bräuchte er. Und schließlich sei es immer besser, im eigenen Betrieb ausgebildete Mitarbeiter zu behalten, als betriebsfremde Fachkräfte erst einführen zu müssen.

Zumal letztere auch nicht gerade an jeder Ecke zu finden sind. Daher erklärt die Chefin der Dortmunder Arbeitsagentur: „Wenn Unternehmen heute den Fachkräftemangel und Bewerberrückgang beklagen, dann gibt es keinen Grund mehr, einen Ausbildungsplatz nicht auch mit einem vermeintlich schwächeren Bewerber zu besetzen. […] Unsere Unterstützungsangebote sind genau darauf abgestimmt.“

Durch die angebotenen, individuell bemessenen Hilfen für die Auszubildenden eröffnete sich letztendlich die Chance, so Martina Würker, „aus Azubis mit kleinen Schwächen gestandene Fachkräfte zu machen.“

Weitere Informationen:

  • Kontakt für Arbeitgeber: Über den persönlichen Ansprechpartner im Arbeitgeber-Service, über die kostenlose Telefonnummer 0800 45555 20 oder per Mail: Dortmund.Arbeitgeber@Arbeitsagentur.de
  • Kontakt für Jugendliche: Über die Berufsberatung unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 45555 00 oder per Mail: Dortmund.Berufsberatung@arbeitsagentur.de
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