Nordstadtblogger

Jahresbilanz zur Lage auf dem Arbeitsmarkt 2017: Positive Entwicklungen, aber kein Grund zur Euphorie in Dortmund

Schlangestehen beim Jobcenter - doch wer Arbeiten darf, darüber entscheidet der ausländerrechtliche Status.

Schlangestehen beim Jobcenter – aktuell gibt es für Langzeitarbeitslose gute Chancen auf Rückkehr in Arbeit.

Von Thomas Engel

Jahresbilanz zur Entwicklung auf dem Dortmunder Arbeitsmarkt 2017: Trotz einiger erfreulicher Tendenzen – nicht zuletzt wegen des Amazon-Logistikzentrums auf dem Areal der ehemaligen Westfalenhütte – bleiben Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit sowie Fachkräftemangel „Sorgenkinder“. Zudem stehen für 2018 weniger Gelder für öffentlich geförderte Arbeitsplätze zur Verfügung. Damit wird es für kommunalpolitische Interventionen auf dem Arbeitsmarkt weniger Handlungsspielraum geben.

Dortmunder Agentur für Arbeit und Jobcenter ziehen für 2017 eine positive Bilanz

Der Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt habe sich 2017 weiter fortgesetzt, fasst Martina Würker, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Dortmund die zentrale Botschaft ihres Hauses zusammen. „Die Arbeitslosigkeit ist in Dortmund so niedrig wie seit elf Jahren nicht mehr. Im Jahresdurchschnitt liegen wir in unserer Stadt mit rund 1.800 Personen unter der Zahl des Vorjahres. Das ist eine erfreuliche Entwicklung“, so die Chefin der Arbeitsagentur. 3,4 Prozent mehr Menschen sind im Jahr 2017 in Dortmund durchschnittlich einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgegangen.

Auch das Jobcenter zieht für sich eine positive Bilanz. Durch den Aufschwung am Dortmunder Arbeitsmarkt und die stärkere Nachfrage nach Arbeitskräften in Zusammenhang mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen habe die Zahl der beim Jobcenter gemeldeten Arbeitslosen kontinuierlich reduziert werden können, so der Geschäftsführer Frank Neukirchen-Füsers.

Bis zum Jahresende seien dies gut 2.800 Personen weniger als im Vorjahresmonat. Darunter seien auch 1.638 Langzeitarbeitslose, die eine Beschäftigung gefunden hätten, wodurch sich die Anzahl der Langzeitarbeitslosen im Vorjahresvergleich um 11,1 Prozent verringert habe.

Bei allen erfreulichen Entwicklungen – das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit bleibt virulent

Frank Neukirchen-Füsers (Geschäftsführer Jobcenter Dortmund)

Frank Neukirchen-Füsers ist Geschäftsführer des Jobcenters in Dortmund.

Fakt ist aber auch: Die Arbeitslosenquote betrug in Dortmund 2017 immer noch 11,1 Prozent. In NRW lag der Jahresdurchschnittswert bei 7,4, in der Bundesrepublik bei 5,7 Prozent. Im Jahresdurchschnitt 2017 waren immer noch gut 14.000 Menschen länger als ein Jahr ohne Arbeit und gelten damit als langzeitarbeitslos. Das sind 41,7 Prozent aller Arbeitslosen und entspricht dem NRW-Landesdurchschnitt.

Kein Grund also, sich entspannt zurückzulegen. Daher sehen sowohl die Agentur für Arbeit als auch das Jobcenter in der Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit eine gleichbleibend große Herausforderung.

Denn, so Neukirchen-Füsers, Langzeitarbeitslose auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren, sei volkswirtschaftlich immer sinnvoller. Da Menschen so produktiv tätig würden, statt auf Transferleistungen angewiesen zu sein, wäre es immer besser, Beschäftigungsmöglichkeiten als die Kosten für Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Gerade in strukturell schwächeren Gebieten seien daher öffentlich geförderte Arbeitsplätze unabdingbar.

Das Problem von Minijobs und nicht sozialversicherungspflichtigen Teilzeitstellen

Hier allerdings macht Neukirchen-Füsers ein Problem aus: Während die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze in Dortmund zwar angestiegen sei, ginge dies wesentlich auf die ausgeweiteten Beschäftigungsmöglichkeiten im Teilzeitbereich zurück – hier sind es 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und nur 2,1 Prozent im Bereich der Vollzeitstellen. „Das ist nicht ganz unproblematisch“ resümiert der Chef des Dortmunder Jobcenters.

Denn gerade die Teilzeit- oder Minijobs seien Beschäftigungsformen, mit denen die Menschen nicht ausreichend fürs Alter vorsorgen oder mit denen sie nicht vollständig ihren Lebensunterhalt bestreiten könnten. „Aber“, betont Agentur-Chefin Martina Würker, „viele wollen oder können nicht mehr arbeiten als Teilzeit.“

Erklärtes Ziel sei es dennoch, wo die Menschen dies wünschten, möglichst viele der 54.000 Teilzeit- oder Minijobs in Dortmund in sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen umzuwandeln. Hier stünde man in beständigem Kontakt mit Arbeitgebern, um solche Transfers zu vollziehen, betont Neukirchen-Füsers. Daher gäbe es beim Jobcenter mittlerweile eine Projektgruppe, die zusammen mit interessierten Arbeitgebern versucht, solche Menschen aus den Transferleistungen nach SGB II herauszulösen.

Mit verschiedenen Maßnahmen gegen Langzeitarbeitslosigkeit

Martina Würker, Chefin der Agentur für Arbeit in Dortmund.

Martina Würker, Chefin der Agentur für Arbeit in Dortmund.

Bezüglich des weiterhin virulenten Problems der Langzeitarbeitslosigkeit hat das Jobcenter im letzten Jahr mit verschiedenen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen versucht, die Lage zu entschärfen. Beispielsweise mit dem auf einem Empowerment-Ansatz beruhenden Projekt wende.punkt: Zugangsvoraussetzung für die Teilnahme ist der Erhalt von Transferleistungen über mindestens zwei Jahre.

Das Programm beinhaltet anfangs ein Motivationstraining und danach eine bis zu acht Monate dauernde Intensivbetreuung bei einem Betreuungsschlüssel von 65:1 und 14-tägiger Kontaktdichte. Durch die unterstützende Begleitung der Langzeitarbeitslosen werden individuelle Ressourcen der TeilnehmerInnen gefördert. Dadurch soll eine kontinuierlichen Zunahme von Selbstwirksamkeit und Lösungskompetenz erreicht werden.

Solche Maßnahmen beruhten stets auf Freiwilligkeit, betont Martina Würker. Und es sei in der Tat nicht so, dass man sich nicht vor Kandidaten retten könne, ergänzt der Kollege vom Jobcenter. Auch beim Beliebtheitsgrad seines Hauses gibt es sicherlich noch Luft nach oben. „Aber wir können helfen“, so Neukirchen-Füsers.

Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zur Integration von Langzeitarbeitslosen

Mit der Maßnahme zur Förderung bei Weiterbildung (FbW) etwa konnten 2017 1554 Eintritte ins Arbeitsleben, davon 620 abschlussorientierte für Langzeitarbeitslose verzeichnet werden.

Ebenfalls wird ein Programm zur Förderung von Arbeitsverhältnissen (FAV) für dieselbe Zielgruppe vom Land und der Stadt Dortmund kofinanziert. Hierbei übernimmt das Jobcenter für mindestens ein Jahr einen Zuschuss von 50-75% des Arbeitsentgeldes.

ESF-LZA ist ein aus Mitteln des Bundes und des Europäischen Sozialfonds bestrittenes Programm zur Eingliederung langzeitarbeitsloser SGB-II-Leistungsberechtigter auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse durch Lohnkostenzuschüsse, die im Laufe der Zeit abgeschmolzen werden. Hier gab es insgesamt 327 Förderfälle. Das Projekt ist im Sommer 2017 ausgelaufen.

Die Erleichterung der sozialen Teilhabe arbeitsmarktferner Personen am Arbeitsmarkt wird bis Ende 2018 als Bundesprojekt finanziert. Zur Zielgruppe gehören KundInnen des Jobcenters, die sich seit mindestens vier Jahren im SGB II-Leistungsbezug befinden, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, das 35. Lebensjahr vollendet haben, und bei denen gesundheitliche Einschränkungen vorliegen oder die in einer Bedarfsgemeinschaft mit minderjährigen Kindern leben. An der Maßnahme haben bislang 325 Personen teilgenommen.

Weniger Handlungsspielraum bei arbeitsmarktpolitschen Interventionen im Jahr 2018

3800 gemeldete Flüchtlinge sind es beim Jobcenter, mehr als 500 bei der Agentur für Arbeit. 

Durch diese Maßnahmen konnten 2017 insgesamt über 1.000 Langzeitarbeitslose durch öffentlich geförderte Beschäftigungsverhältnisse auf einen zweiten Arbeitsmarkt vermittelt werden. – Leider würden dem Jobcenter im kommenden Jahr etwa vier Millionen Euro weniger für qualifizierende Maßnahmen zur Verfügung stehen, so Frank Neukirchen-Füsers.

Entsprechend könnten weniger regulative Instrumente eingesetzt werden, so dass hier ein gewisses Umschwenken in den Grundförderungsmodus unumgänglich sei. Die fehlenden Millionen für eine aktive Arbeitsmarktpolitik, so Neukirchen-Füsers, könnten dazu führen, dass zukünftig weniger Menschen eine Arbeit hätten. Die Situation sei für Dortmund daher „nicht ganz unproblematisch“ – aber auch kein Drama, wie er betont.

Immerhin, so Martina Würker, habe man im letzten Jahr 13.000 Menschen qualifizieren können. Dies sei einer der wesentlichen Wege, „die Leute auf Dauer in eine Beschäftigung zu bringen“ und daher eine wichtige Aufgabe der Akteure auf dem Arbeitsmarkt. Menschen, die eine Arbeit hätten, würden „dadurch gestärkt“ – auch und vor allem persönlich: sie gewännen an Selbstsicherheit, die es ihnen ermögliche, den heutigen Anforderungen in einem Beschäftigungsverhältnis zu genügen.

Neue Arbeitsplätze durch den Logistikstandort von Amazon auf dem Gelände der Westfalenhütte

Auf der Westfalenhütte hat Amazon das dritte NRW-Logistikzentrum eröffnet. Foto: Marcus Arndt

Auf der Westfalenhütte hat Amazon das dritte NRW-Logistikzentrum eröffnet. Foto: Marcus Arndt

Natürlich habe Dortmund im letzten Jahr auch von der Entwicklung auf dem Gelände der ehemaligen Westfalenhütte profitiert, erklären die VertreterInnen der beiden Behörden.

Etwa 1.500 Personen aus dem Jobcenter wären bei Amazon auf eine Stelle vermittelt worden, von denen etwa 90 Prozent vorher arbeitslos gewesen seien. Und für 2018 seien gut 800 Kunden vorgemerkt, die bei Bedarf eine Anstellung finden könnten.

Der Standort dort sei vielleicht nicht mehr ganz das, was einst die Westfalenhütte an Arbeitsplätzen geboten habe, erklärt Neukirchen-Füsers – aber die Relation zwischen der beanspruchten Fläche und der Anzahl der dort befindlichen Arbeitsplätze sei nichtsdestotrotz recht ordentlich.

Jugendarbeitslosigkeit bleibt ein gewichtiges Handlungsfeld

Stadt, Arbeitsagentur und Jobcenter arbeiten beim Jugendberufshaus Hand in Hand.

Stadt, Arbeitsagentur und Jobcenter arbeiten beim Jugendberufshaus Hand in Hand.

Auch bei der Jugendarbeitslosigkeit sei ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen, so Würker. Und zwar um 258 Personen oder 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Davon würden knapp 75 Prozent durch das Jobcenter betreut, sind also langzeitarbeitslos.

Die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen betrug in Dortmund aber immer noch satte 9,7 Prozent im Jahresdurchschnitt 2017. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik lag die Quote der Arbeitslosen zwischen 15 und 25 Jahre 4,5 Prozent, in NRW 5,5 Prozent. Also kein Grund, wirklich zu jubeln.

Durch das Jugendberufshaus versuche man, „die Jugendlichen möglichst nicht zu verlieren“ (jugendberufshaus-dortmund.de). Dort gäbe es auch basale Förderungen, etwa überhaupt eine Wohnung zu bekommen und/oder zu behalten. Oder keine ruinösen Handyverträge abzuschließen.

Das „Förderzentrum plan B“ verfügt über 200 Plätze und ist ein niederschwelliges Angebot für Jugendliche, die nicht über die notwendigen Voraussetzungen verfügen, an berufsvorbereitenden Maßnahmen teilzunehmen oder eine Arbeit bzw. eine Ausbildung aufzunehmen. Mit durchgehender sozialpädagogischen Begleitung.

Agentur für Arbeit und Jobcenter: Nachholen, was das Bildungssystem versäumt

Bedauerlicherweise sei das Bildungssystem in der Bundesrepublik „nicht in der Lage, Chancengleichheit herzustellen“, so Frank Neukirchen-Füsers. Viele junge Menschen, die nur einen Hauptschulabschluss haben, hätten nun einmal schlechtere Chancen. Und dies seien „nicht immer Sachen, die man vor Ort lösen kann“.

Armut und Bildungsarmut bedingten sich gegenseitig. Daher müssten eigentlich die Rahmenbedingungen verändert werden. Arbeitsagentur und Jobcenter könnten so nur nach Möglichkeiten suchen, über arbeitsmarktpolitische Instrumente das nachzuholen, was das Bildungssystem nicht geschafft habe.

Zwar sei die Situation an den Schulen und in den einzelnen Stadtteilen sei sehr unterschiedlich. Aber, insgesamt wüchsen mehr Leute in das Jobcenter rein als mit 63 rausgingen Daher gibt es hier dringenden Handlungsbedarf.

Beispielsweise sei notorischer Absentismus ein Problem, so Martina Würker. Die entsprechenden jungen Menschen erreichten dann keinen Schulabschluss und landeten später zumeist zielsicher in der Grundsicherung. Gegengesteuert werden könne hier eigentlich nur mit einer Förderung von klein an. – Auch hier wird deutlich: Es hakt in der kommunalen Tiefenstruktur, wodurch stärker aufeinander abgestimmte Interventionen der sozial- und arbeitsmarktpolitischen Akteure erforderlich sind.

Besondere Herausforderungen durch den Mangel an Fachkräften

Arbeitsagentur - WegebauImmerhin: Die nun veröffentlichten Zahlen zeigen, dass die Unterbeschäftigung nicht parallel zur Senkung der Arbeitslosenquote angestiegen, sondern leicht rückläufig ist. Daher könne nicht davon die Rede sein, dass die Arbeitslosigkeit nur versteckt gesenkt worden wäre, so die VertreterInnen von Arbeitsagentur und Jobcenter. Aber das Problem struktureller Arbeitslosigkeit sei mit den relativ positiven Zahlen eben keineswegs verschwunden.

Unter den „Ausländern“ war ein leichter Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen. Gemeint sind hier nicht alle Menschen mit einem Migrationshintergrund, sondern keine Deutschen im Sinne des Art. 116 Abs. 1 GG. Bei den Flüchtlingen waren im Dezember knapp 5000 Personen als arbeitssuchend, knapp 2000 als arbeitslos gemeldet. Erwartet wird hier ein Anstieg, wenn weitere Flüchtlinge die Integrationskurse verlassen. Im Jahresdurchschnitt 2017 waren 11.892 Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit arbeitslos.

Eine besondere Herausforderung bleibt der Fachkräfteengpass in der Region. Es sei wichtig, Unternehmen verständlich zu machen, dass sie den „Super-Jugendlichen“ vielleicht nicht mehr fänden, erklärt Martina Würker. Aber es seitens der Agentur für Arbeit Instrumente gäbe, unterstützend zu wirken. Etwa, um Ausbildungsabbrüche zu vermeiden (hier). – Auch im gehobenen Alter seien Qualifizierungen noch möglich.

Forderung nach Einwanderungsgesetz und Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit

Sabine Poschmann (SPD) hat ihren Wahlkreis geholt.

Sabine Poschmann, MdB.

„Wir brauchen endlich ein Einwanderungsgesetz, das den Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften regelt“, kommentierte die Dortmunder SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Poschmann die Ergebnisse der Jahresbilanz 2017 der Dortmunder Arbeitsagentur. „Es ist fünf vor zwölf“, so Poschmann. Das Problem des sich abzeichnenden Fachkräftemangels betreffe sowohl private als auch öffentliche Arbeitgeber.

„Es kann nicht sein, dass auf Landes- und auf kommunaler Ebene wichtige Bauprojekte nicht über die Rampe kommen, weil Planer und Ingenieure fehlen.“ Es sei ein „absolutes Alarmzeichen“, dass sich der Fachkräfteengpass nun auch in Berufsgruppen wie Klempner, Energietechniker sowie Sanitär- und Klimatechnik abzeichne.

Qualifizierung und Weiterbildung sei das A und O. „Vielleicht öffnet der Fachkräftemangel manchen jetzt endlich die Augen, wie dringend wir auch ein Rückkehrrecht für Frauen von Teilzeit in Vollzeit brauchen“, fordert Poschmann.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.