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„Ich war und bin und werde“: Junge Flüchtlinge beschäftigen sich mit eigener Identität – Vernissage im Dortmunder Depot

Ich war ich bin ich werde Portaits Vernissage Dortmunder Depot

Ich war, ich bin, ich werde. – Portaits der Vernissage im Dortmunder Depot.

Geworfen in ein fremdes Land. Weil es durch Krieg und Elend keinen anderen Ausweg gab. Und dann ausgerechnet nach Deutschland, wo wirklich so ziemlich alles, aber auch alles anders ist. – Junge geflüchtete Erwachsene haben sich dem jetzt künstlerisch gestellt. Sich mit sich selbst auseinandergesetzt. Was die Diaspora für sie ganz persönlich bedeutet. Woher sie kommen, wohin sie gehen. Und was sie jetzt eigentlich sind. Zu sehen ab dem 1. Dezember mit einer Vernissage im Dortmunder Depot, Große Halle, ab 18 Uhr.

Der scheue Blick in die eigene Seele – die Angst vor mir selbst

Wer bin ich eigentlich? Was ist geblieben von mir, nach der Erfahrung des Unsäglichen, Unaussprechlichen – hier inmitten von freiheitlicher Fremdheit, die ich nun begonnen habe, schweren Herzens kennenzulernen? Was ist dadurch mit mir geschehen?

Wer sich als häufig schwer traumatisierter Flüchtling solchen Fragen überhaupt stellen kann, hat einen großen Schritt getan. Er/sie setzt sich auseinander mit sich und dem eigenen „Schicksal“, statt nur zu verdrängen. Aber wie sollten solche Fragen allein mit Worten beantwortet werden? Denn die Seele hat es meist nicht so sehr mit der Sprache. Wie das ganze Leben nicht nur aus Wörtern besteht.

Der psychologische „Kniff“ lautet: nicht-begriffliche Ausdrucksformen dafür zu finden, was das Innenleben umtreibt. – Eine Möglichkeit ist: Kunstschaffende zu werden. Thema, natürlich: „Ich“. Also, meine Identität als offene Frage. – Wie soll das bewerkstelligt werden?

Ich bleib ich und entdecke mich neu! – Zugangsweisen durch Kunst

Indem ich mich darstelle: mich beispielsweise selbst portraitiere. In den Zerrspiegel schaue. Dadurch einen Ausdruck für mich selbst finde, hier und heute. Und mir plötzlich irgendwie gegenüberstehe. Oder vielleicht mich jemand anschaut, wie ich mich sehe. Oder glaube zu sehen. Oder der/die Andere mich versteht.

Junge Künstler entdecken das Portrait. Menschen wie Du und ich, eigentlich nicht kunstaffin. Aber plötzlich trifft einen der Schlag: Es gibt die Gelegenheit, was zu machen, ohne lange rumzulabern. Und erst recht nicht in einer Sprache, die weit weg ist. Mit Wörtern, die fast so lang sind wie ein Blatt Papier. Dann lieber sich mit handwerklich-künstlerischer Finesse vor sich selbst hinstellen.

Geschehen nun im Dortmunder Depot unter Anleitung von sechs dort ansässigen, erfahrenen KünstlerInnen. Als einjähriges Projekt, das seine vorläufigen Ergebnisse in Form einer Ausstellung vorstellt. In Kooperation mit dem Diakonischen Werk, dem Phönix-Haus und dem Programm „angekommen“ sein in Deiner Stadt.

Der lange Weg durch Deutschland – hin zum Kunstschaffenden, der da weinen oder lächeln mag

Alle Teilnehmer sind jüngere Erwachsene mit Flüchtlingshintergrund. Und wurden im durch das BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) sowie durch den BBK (Bundesverband Bildender KünstlerInnen) geförderten Projekt zu KünstlerInnen. Nach und nach an das Metier in sechs Modulen seit Februar dieses Jahres fachgerecht herangeführt. – Und was sie in dieser Zeit nicht alles geschafft haben:

  • Basiskurs Photographie unter professionellen Studiobedingungen mit Jan Schmitz
  • Transfertechniken zur Erstellung von Bildtafeln und Bildobjekten auf Holz bei Wolfgang Schmidt
  • Technik zur Schaffung von Portraitbildern bei Verwendung von Collage- und Drucktechniken, Stempel und Schablonen. Angeleitet von Susanne Beringer
  • Heide Kemper führte ein in die Gestaltung von 3D- und flachen Glasobjekten. Ausgehend von Fotopotraits durch Transfertechniken
  • Übermalungen, Verfremdungen, Ergänzungen: neue Portraitbilder nach Fotos. – Lutz Kemper
  • Peter Lutz: Vorbereitung der Ausstellung. Viel Arbeit: sichten, ordnen, verändern etc.

Die einen kamen, die anderen gingen: Deutschland bietet und verbietet

Es ist anzumerken: Die Fluktuation im Kurs war verhältnismäßig hoch, wie Peter Lutz bestätigt. Das entspricht einschlägigen Erfahrungen aus Integrationskursen. Leider, Deutschland.

Tausend administrative Hemmnisse, bei allem guten Willen, der da staatlicherseits vorhanden sein mag: Flüchtlinge werden von jetzt auf gleich von A nach B geschickt, weil irgendeine oberkluge (und selbstverständlich gesetzestreue) teutsche Behörde es so will.

Oder sie landeten wider Willen in ominösen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, obwohl sie gerade im Identitäts-Projekt dabei waren, ihre Posttraumatische Belastungsstörung mit den Mitteln künstlerischer Darstellung zu bearbeiten. Ist das wirklich integrationsfördernd? Kann „soziale Teilhabe“ an stets wechselnden Orten oder neuen sozialen Umfeldern zielwirksam sein?

Die Ausstellung: Spuren eines gebrochenen Lebens in Selbstwahrnehmung

Wer sich darob irgendwie durchgewurschtelt hat, ist nun im Depot mit seinen/ihren Werken zu sehen. So, wie dieser Mensch sich sieht. Und auf einem langen Weg gelernt hat, sich überhaupt bildlich darzustellen, indem er sich gegenüberstellt. Ein Gesicht mit Spuren. Selbstreflektion, Erinnerung, Hoffnung. Verzweiflung und Zwiespalt. Aber auch einem Lächeln. Mit Mut und einem festen Blick.

Bis dass Deutschland Euch scheidet, wenn es nach dem Rechtspopulismus ginge. Die Ausstellung allerdings widerlegt AFD und Konsorten. Sie zeigt, was jenseits der Vorstellungskraft des heimelnden Flachbrettbohrers völkischen Antlitzes in Deutschland an Reichtum angekommen ist. Weiterhin: Was eine Kultur der Anerkennung, die solidarisch aufnimmt, statt mit Stammtischparolen abzustoßen, synergetisch hervorbringen kann.

Zu sehen im Dortmunder Depot bis zum Sonntag, den 3. Dezember.

Weitere Informationen:

  • Vernissage: Depot Dortmund, Freitag, 1. Dezember 2017, 18 Uhr
  • Öffnungszeiten der Ausstellung: Samstag und Sonntag, 2.12./3.12., jeweils von 15 bis 18 Uhr
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