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Heute ist „Transgender Day of Remembrance”: Ein Kampf um Identität und gesellschaftliche Akzeptanz

Anlässlich des „Transgender Day of Remembrance” weht heute die Regenbogenflagge vor dem Rathaus.

Anlässlich des „Transgender Day of Remembrance” weht heute die Regenbogenflagge vor dem Rathaus.

Von Gerd Wüsthoff

Der „Transgender Day of Remembrance” (Tag des Gedenkens und Erinnerns an Transidente) findet seit 1999, nunmehr also seit fast 20 Jahren, immer am 20. November statt. Und doch gibt es immer noch Fragen, Unsicherheiten, Gewalt und Vorurteile. „Aufklärung zur Trans- und Intersexualität tut Not“, sagt Tanja Lindner von der Transidenten-Selbsthilfegruppe „Lili Marlene“ in Dortmund-Hörde.

Aufklärung über die Situation von transgeschlechtlichen Menschen

Anlässlich dieses Erinnerungstages wird vor dem Rathaus am heutigen Tag (20. November) mit der Regenbogen-Flagge gehisst. Es ist Protest, Erinnerung und Mahnung zugleich.

„Noch immer ist es dringend notwendig, mehr über die Situation von transgeschlechtlichen Menschen aufzuklären“, erklärt Susanne Hildebrandt von der Koordinierungsstelle für Lesben, Schwule und Transidente der Stadt Dortmund. „Transfeindlich motivierte Gewalt und Diskriminierung hat häufig mit Unwissenheit zu tun. Auch der Weltärztebund hat deutlich gemacht: Transgeschlechtlichkeit ist keine Krankheit!“

„Transidente Menschen sind diejenigen, welche als Frau in einem männlichen Körper oder als Mann in einem weiblichen Körper geboren werden. Das beginnt schon im Kindesalter. Transidentität hat nichts mit Schwul oder Lesbisch sein zu tun“, erklärt Tanja Lindner. Sie ist bei der Selbsthilfegruppe „Lili Marlene“ in Hörde aktiv. Die Gruppe bietet Transidenten und intersexuellen Menschen einen Rückzugsraum und Lebenshilfe. Nicht die einzigen Aktiven: Ebenfalls in Dortmund ist die Gruppe „Transbekannt“ aktiv.

„Transidentität und Intersexualität sind zwei verschiedene Sachverhalte, mit ähnlichen oder gleichen Problemen. Besonders in der Phase des Wechsels“, berichtet Tanja Lindner. „Der Wechsel zu seinem tatsächlich empfunden Geschlecht, bei jungendlichen und Erwachsenen, ist wie eine zweite Pubertät. Und mit den nötigen Schritten welche gemacht werden müssen, in der Transition, bekommt man die nötige Sicherheit.“

Diskriminierung, Repressalien, Gewalt sind leider allzu häufig die Realität

Tanja Lindner engagiert sich ehrenamtlich bei der Transienten-Hilfe „Lili Marlene“. Foto: Alex Völkel

Tanja Lindner engagiert sich ehrenamtlich bei der Transienten-Hilfe „Lili Marlene“. Foto: Alex Völkel

„Gerade dann ist man unsicher, angreifbarer. Solch ein Wechsel geht zum Teil auch mit einem Wechsel des Lebensraumes und des Berufes einher. Solch ein Wechsel kann auch Existenzängste mit sich bringen“, weiß sie aus eigener Erfahrung. Diskriminierung, Repressalien, Gewalt – seelisch und körperlich, sind leider allzu häufig die Realität, trotz einer Grundakzeptanz des Andersseins von anderen.

„Nur Aufklärung hilft, denn wer weiß schon wie sich ein Mensch fühlt, welcher weiß, das er ist im falschen Körper ist?“ so Lindner. Für Aufklärung und Hilfe für Betroffene sie mit ihrer ehrenamtlichen Initiative in Hörde und dem neuen VerbandNetzwerk Geschlechtliche Vielfalt Trans* NRW e.V. i.Gr.“ einen Rahmen.

Der „Transgender Day of Remembrance” soll die Öffentlichkeit für Hassverbrechen gegen Transidente sensibilisieren und Verständnis fördern. Hierzu sind auch verbale Übergriffe zu zählen – wobei ein „das wird man ja wohl man sagen dürfen“ schon der erste Schritt zur Diskriminierung sein kann. Aus diesem Grund wird vor dem Rathaus die Regenbogenfahne gehisst.

In vielen Ländern werden Transgender und Transidente ausgegrenzt und verfolgt

Auch heute noch werden weltweit Menschen auf Grund von Trans-Feindlichkeit brutal ermordet, misshandelt oder ausgegrenzt, wie kürzlich das Dekret in den USA, mit welchem Transgender und Transidente aus dem US Militär entfernt werden sollen. Straftaten werden zudem zumeist weder verfolgt, noch aufgeklärt.

Erschreckend ist die Anzahl der Opfer, welche auf der Internetseite „transgenderdor.org“ dokumentiert werden. Häufig sind es Straftaten, welche aus Unverständnis gegenüber dem Anderssein und ideologischen Indoktrinationen geschehen.

Hilfen für transgeschlechtliche Menschen, deren Angehörige, aber auch Aufklärung, beispielsweise an Schulen, bieten die örtliche Selbsthilfeorganisation „Lili Marlene“ Transidente Lebenshilfe und Transbekannte e.V. an, mit der die städtische Koordinierungsstelle für Lesben, Schwule und Transidente eng zusammen arbeitet.

Aufklärung als Ziel – Transgender-spezifische Fachtagungen in Dortmund

In Dortmund wurden bereits zwei Mal Transgender-spezifische Fachtagungen veranstaltet, bei welchen 150 Interessierte aus den Arbeitsbereichen Schule, Kitas und Beratung teilnahmen. „Ich habe mich erst mit dem Thema beschäftigt, als ich einen Fall eines transidenten Kindes in meiner Klasse hatte“ erklärte eine teilnehmende Lehrerin. „Es ist wichtig, dass Lehrkräfte und Mitschüler das verstehen, sonst kommt es schnell zu Anfeindungen!“

„Der Prozess beginnt schon im Kindesalter“, bestätigt Tanja Lindner. „Unwillkürlich unterdrückt ein Kind dieses ,Anderssein’, um Papa, Mama und den anderen zu gefallen. Spätestens aber in der Pubertät bricht es dann aus. Es ist die gefühlt falsche Entwicklung.“ Aus diesem Grund geht Tanja Lindner zur Aufklärung und Hilfestellung auch in Schulen: „Ein Schulausweis, welcher dem gefühlten Geschlecht entspricht, kann da schon bei der Entwicklung eines Transgender-Kindes helfen. Ein erster Schritt in die wahre Identität und Persönlichkeit.“

Prominente Beispiele für Trangender und Intersexualität im Spitzensport

Caitlyn Jenner heute - früher erfolgreicher Sportler - Olympionike und American Footballer. Foto: US Mission to the UN/ Wikipedia

Caitlyn Jenner heute – früher Olympionike und American Footballer. Foto: US Mission to the UN/ Wikipedia

In Deutschland sind einigen vielleicht Balian Buschbaum – er war unter dem Namen Yvonne Buschbaum in der deutschen Leichtathletik im Stabhochsprung erfolgreich und beendete die Sportlerlaufbahn 2007 und ist jetzt Stabhochsprungtrainer, sowie Benjamin „Ben“ Ryan Melzer – ein deutsches Model, Transgender-Aktivist und Blogger, bekannt. Im April 2016 war Ben Melzer als Model der erste Transmann auf der deutschen Titelseite des Lifestyle- und Fitness-Magazins Men’s Health.

Immer noch im aktiven Sport ist der US-Amerikaner Chris Mosier, der sich nach seiner Geschlechtsangleichung für die Nationalmannschaft im Duathlon-Sprint qualifizierte. Ein weiteres prominentes Beispiel ist Laith Ashley [De La Cruz], ein US Model aus Conneticut. Und vielleicht auch Caitlyn Jenner, als Bruce Jenner ein Olympionike und American Footballer. Sie zierte das Titelblatt der Vanity Fair.

Nicht nur die Leichtathletik-Welt bewegt die aus Südafrika stammende intersexuelle Läuferin Caster Semenya. Sie hat alle Frauen weit abgehängt – allerdings hat sie viele männliche Attribute, was nicht nur das Olympische Komitee vor viele offene Fragen stellt.

Bundesverfassungsgericht fordert ein drittes Geschlecht im Geburtenregister

Jüngst hatte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe höchstrichterlich geurteilt, dass der Bundestag den Weg frei machen soll, damit ein drittes Geschlecht im Geburtenregister eingetragen werden kann. Denn nicht jedes neugeborene Kind wird eindeutig, körperlich zuweisbar als weiblich oder männlich geboren. Eine Tatsache von der schon die alten Griechen wussten und diesen Fakt mit einem dafür speziellen Gott ehrten – Hermaphroditos.

Früher wurden intergeschlechtlich geborenen Menschen ihre „Missbildung“ nach dem Gutdünken der Ärzte und Wünschen der Eltern operativ oder hormonell korrigiert. Der Willen und das Wesen der Kinder spielte zumeist dabei keine Rolle. „Kinder sind eigene Persönlichkeiten, die von den Eltern und der Familie begleitet werden dürfen“, sagt dazu Tanja Lindner.

Aber können sie wissen, was es bedeutet, intergeschlechtlich geboren worden zu sein? Das Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt gibt eine Größenordnung von 0,5 bis 1 je 1000 Kinder an. Die Zahl ist gering, die Probleme der Betroffenen aber groß. Es hat verschiedenste Gründe, das es zur Intergeschlechtlichkeit kommt – hormonelle, anatomische und genetische Ursachen können dazu führen.

Das nun gefällte Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur Intersexualität – umzusetzen bis Ende 2018 – ist nur eine logisch richtige Konsequenz. „Es verletzt das allgemeine Persönlichkeitsrecht von Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, wenn ihr Geschlechtseintrag offen bleibt“, kommentierte Bundesfamilienministerin Katarina Barley in „Der Welt“ diese Entscheidung. Somit kommt dem heutigen „Transgender Day of Rememberence“ besondere Aktualität zu.

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