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Der Zwilling des Borsigplatzes in der Weststadt von Görlitz: Lucia Urner entdeckte beim zweiten Hingucken die Ähnlichkeit

Der Borsigplatz als Adventskranz

Der Borsigplatz als Adventskranz – das Archivbild bringt die Form des Platzes gut zur Geltung.

Von Susanne Schulte

Lucia Urner hat viel deutsche Geschichte erlebt, weiß viele Geschichten zu erzählen und hat diese Geschichte angeregt. Die Geschichte über den Zwilling des Borsigplatzes, den Brautwiesenplatz in Görlitz.

Stipendium ermöglichte das Lernen an der Fachschule für Wirtschaft und Verwaltung

Luzia Urner und Annette Kritzler, v. l. stehen vor dem Wahrzeichen des Borsigplatzes, dem Concordiahaus.

Lucia Urner und Annette Kritzler stehen vor dem Wahrzeichen des Borsigplatzes,

Zu Görlitz wie zu Dortmund hat Lucia Urner enge Verbindung. Nachdem sie 1947 mit ihrer Familie aus Schlesien Richtung Westen flüchtete, war eine Station Görlitz.

Die 17-Jährige kümmerte sich selbst um einen Platz an einer Schule, erhielt nach einer Eignungsprüfung ein Stipendium an der Fachschule für Wirtschaft und Verwaltung. Ihre Eltern wollten mit den Geschwistern weiter nach Westdeutschland.

Lucia Urner blieb, fand Unterkunft bei der Familie Scholz, die an der Berliner Straße wohnte. Nach Abschluss der Schule ging sie nach Berlin, studierte an der Pädagogischen Hochschule, wollte Russisch-Lehrerin werden. Doch dann bot ihr ein Verlag, bei dem sie in den Semesterferien arbeitete, einen guten Job an, den sie annahm.

„Dann ging 1953 das Gerücht um, die wollten die Grenzen schließen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und bin mit der S-Bahn in den Westen gefahren.“ Nach Wochen in einem Auffanglager sah sie ihre Familie wieder, die sich im Raum Paderborn niedergelassen hatte.

Zwölf Jahre lang Sekretärin des letzten Verlegers der Westfälischen Rundschau

Lucia Urner hielt es nicht in Ostwestfalen. Sie arbeitete in Bremen und München, London und Dortmund. In der Westfalenmetropole arbeitete sie zwölf Jahre als Sekretärin des Verlegers der Westfälischen Rundschau, bis die Zeitung in den WAZ-Konzern überging.

Sie wollte die ihr angebotene Stelle in Essen nicht übernehmen und suchte sich in anderen Städten ihr Auskommen. Als Rentnerin kehrte sie dann nach Dortmund zurück.

Folgenreicher Spaziergang mit fachkundiger Erklärung über den Stern des Nordens

Das Concordia-Haus am Borsigplatz mit dem Quartier und der Westfalenhütte im Hintergrund. Foto: Alex Völkel

Das Concordia-Haus am Borsigplatz mit dem Quartier und der Westfalenhütte im Hintergrund. Foto: Alex Völkel

Nach ihrem Erwerbsleben wurde Lucia Urner nicht zur Stubenhockerin. Als Annette Kritzler sich mit den Borsigplatzverführungen selbstständig machte, gehörte Lucia Urner mit zu den ersten Teilnehmerinnen der geführten Touren über den Borsigplatz.

Auch zu Bekannten in Görlitz hatte sie mittlerweile wieder Kontakt aufgenommen, wohnte bei den Besuchen in der Pension „Drehscheibe“ am Brautwiesenplatz. Da sie bei ihrem ersten Aufenthalt den Platz meist nur im Dunkeln sah, fiel ihr die verblüffende Ähnlichkeit mit dem Borsigplatz erst jetzt im August auf.

„Manchmal müssen Sie Dinge zweimal sehen.“ Sie sah ganz genau hin und schrieb anschließend über Dortmund Tourismus an Annette Kritzler, teilte dieser ihre Entdeckung mit.

Die Nordstadt-Kennerin guckte sich im Internet sofort Bilder über den Platz an, besorgte sich einige Aufnahmen vom Brautwiesenplatz und zeigt diese nun regelmäßig bei ihren Touren. „Die meisten Teilnehmer sind überzeugt, den Borsigplatz zu sehen, obwohl wir im Nußladen sitzen und direkt auf den Platz gucken“, erzählt sie.

Brautwiesenplatz in Görlitz wurde drei Jahre vor dem Borsigplatz geplant

Der Brautwiesenplatz in Görlitz. Foto: Nikolai Schmidt

Der Brautwiesenplatz in Görlitz. Foto: Nikolai Schmidt

Annette Kritzler hat recherchiert und erfahren, dass der Brautwiesenplatz 1895 geplant wurde, drei Jahre vor dem Borsigplatz. Quert noch heute die Straßenbahn den Stern des Nordens, wurde die Linie, die über den Brautwiesenplatz führte, bereits vor vielen Jahren eingestellt.

Ideengeber für die Stadtplaner in Dortmund und Görlitz war wohl der französische Architekt Georges Haussmann, der in Paris viele Rundplätze entworfen hat, in die jeweils sechs Straßen münden.

Doch für Hausmann stand keineswegs allein die schöne Stadtplanung im Mittelpunkt seiner Überlegungen, sondern er machte sich Gedanken über die militärische Zweckmäßigkeit.

„Bei Unruhen und Revolten kann man im Zentrum des Platzes eine Kanone oder eine Kompanie Soldaten aufstellen. Die kann braucht man nur gering verschwenken und kann in die nächste Straßenflucht hineinschießen“, schreibt dazu Hubert Nagusch auf Dortmund.de.

Eine Liebeserklärung an die schöne Stadt in Deutschlands Osten

Der Brautwiesenplatz in Görlitz. Foto: Pawel Sosnowski

Der Brautwiesenplatz in Görlitz. Foto: Pawel Sosnowski

Kanonen sind auf dem Platz nicht zu sehen. Statt dessen schwarz-gelb gewandete Fußballfans, Kunstobjekte, Schafe oder wie am Freitag, Bratwurst- und Glühweinstände während des Winterfestes.

Liegt der Borsigplatz im Dortmunder Norden, gilt der Brauwiesenplatz als zentraler Platz in der westlichen Görlitzer Innenstadt, schreibt dazu Wikipedia.

Lucia Urner schwärmt nicht nur vom Brautwiesenplatz, sondern von der ganzen Stadt Görlitz. „Görlitz ist im Krieg völlig unzerstört geblieben.“

Auch wenn die Stadt viele, viele schöne Ecken hat, Lucia Urner wird sich auch beim nächsten Besuch wieder in der Pension am Brautwiesenplatz einquartieren und an den Borsigplatz denken.

(Falls sich das Video nicht darstellt, bitte den Artikel neu laden)

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