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Der Klavierspieler von Jarmuk: Ein herzzerreißender musikalischer Kampf gegen Hoffnungslosigkeit und ISIS

Aeham Ahmad ist als der Klavierspieler von Jarmuk bekannt geworden.

Aeham Ahmad ist als der Klavierspieler von Jarmuk bekannt geworden – in Dortmund spielt er für Sprachschüler.

Journalisten brauchen Gesichter und Schicksale, um abstrakte Geschehnisse deutlicher und fassbarer zu machen. Bei einem Krieg ist das nicht anders – im Gegenteil. Dann wird schnell geschrieben, dass jemand als Sinnbild für das Leiden vieler Menschen in Syrien stehen kann.

Bei Aeham Ahmad ist das allerdings viel mehr als eine Floskel: Er lebt und liebt die Musik. Er spielt mit Leidenschaft und Herzblut. Und man sieht und hört ihm das Leiden eines geschundenen Volkes an.

Der Klavierspieler von Jarmuk und musste vor den IS-Terroristen fliehen

Aeham Achmed hat für die Menschen im zerstörten Flüchtlingslager von Jarmuk gespielt.

Aeham Achmed brachte sein Klavier auf die Straße und spielte für die Menschen. (Screenshot)

Doch wer ist dieser Aeham Ahmad? Er ist einer von tausenden jungen syrischen Männern, die im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind. Doch sein Schicksal hat viele Menschen bewegt – lange bevor er sich auf den Weg nach Europa gemacht hat. Ahmad ist der Klavierspieler von Jarmuk und musste vor den Terroristen des IS fliehen.

Jarmuk, seit Jahrzehnten ein Flüchtlingslager für Palästinenser bei Damaskus, war seit dem Jahr 2013 von verschiedenen Parteien des Bürgerkriegs umkämpft. Im Laufe von Kriegshandlungen, Belagerung und Hunger dezimierte sich die Einwohnerzahl von einst 150.000 auf 16.000 Menschen im Jahr 2015.

Während dieser Zeit lud Aeham Ahmad sein Klavier auf einen Anhänger oder Pick-Up und trat auf Straßen und öffentlichen Plätzen auf. Videos von diesen Auftritten, häufig vor allem mit Kindern als Publikum, wurden in sozialen Netzwerken geteilt und über seine Geschichte wurde international in den Medien berichtet.

Mit dem Klavier im Kampf gegen Hoffnungslosigkeit, Krieg und IS-Terror

Aeham Achmed hat für die Menschen im zerstörten Flüchtlingslager von Jarmuk gespielt.

Vor allem den Kindern in Jarmuk wollte Aeham Achmed Hoffnung geben. (Screenshot)

Er spielte da, wo fast kein Leben und scheinbar keine Hoffnung mehr war. Er war ihr Licht in der Dunkelheit, ihr Hoffnungsschimmer im Bombenterror Syriens. Jarmuk – das Lager, von dem UN-Generalsekretär Ban Ki-moon im April 2015 sagte, dass es mehr und mehr einem Todeslager gleiche.

Er hat gespielt statt zu kämpfen. Er weigerte sich für Assad in den Krieg zu ziehen. Stattdessen spielte er wie ein Verrückter auf seinem alten Klavier in den Straßen zwischen den Trümmern für die Menschen, die nicht fliehen konnten oder wollten.

Er versuchte, ihnen Hoffnung zu geben und die Kinder – wenigstens für einige Minuten – von Not und Elend abzulenken. So lange, bis ein Terrorist des IS sein Klavier vor seinen Augen anzündete.

Es grenzt an ein Wunder, dass er selbst überlebt hat. Heute klammert er sich weiter an die Hoffnung und an sein Instrument. So auch in der Auslandsgesellschaft in Dortmund. Der Flügel hier hat schon bessere Zeiten gesehen.

Dennoch klammert sich Ahmad regelrecht an das Instrument. Er macht den Eindruck, dass er ihn nie loslassen möchte. Dieser Flügel ist seine Welt, sein Leben, seine Ersatzfamilie. Er spielt und wehklagt, er lacht und schreit es heraus.

Ein Konzert für Flüchtlinge in Dortmund – Aeham Ahmad ist einer von ihnen

Aeham Ahmad ist als der Klavierspieler von Jarmuk bekannt geworden.

Das Leiden der syrischen Flüchtlinge ist Ahmad beim Klavierspiel regelrecht ins Gesicht geschrieben.

Sein Blick wie im Tunnel – die Augen beinahe geschlossen. Sein Gesicht wirkt verzerrt, irgendwie gehetzt und geschunden. Seine Stimme, sein Spiel, sein Wesen – scheinbar ist Aeham Ahmad noch auf der Flucht.

Dennoch begeistert er die Menschen auch in Dortmund. Er ist einer von vielen. Er ist hier, wartet und spielt. Er lebt derzeit in Wiesbaden.

Doch am Freitag um 12 Uhr hat er in der Auslandsgesellschaft ein Konzert gegeben. Eine komische Uhrzeit für ein Konzert? Nur auf den ersten Blick. Denn er spielt hier vor allem für Sprachschüler. Sie kommen aus Afghanistan, Eritrea, dem Irak – und viele natürlich aus Syrien.

Viele sind Flüchtlinge wie er. Sie haben sich in die Hände von skrupellosen Schleusern begeben, die mörderische Fahrt über das Mittelmeer überlebt. Sie sind hunderte Kilometer über die Balkanroute bis ins sichere Deutschland gelaufen.

Auftritte mit Herbert Grönemeyer, Judith Holofernes und den Bochumer Symphonikern

Judith Holofernes von der Band „Wir sind Helden“ hat mit ihm ein Duett gemacht.

Judith Holofernes von der Band „Wir sind Helden“ hat mit ihm ein Duett gemacht. (Screenshot)

Der 28-Jährige ist seit September 2015 in Deutschland. Hier wartet er vergeblich darauf, seine Frau und die beiden Söhne nachholen zu können. Auch ein Schicksal, das er mit vielen seiner Zuhörer teilt.

Sie hören und sehen Aeham Ahmad singen. Sie lachen und sie weinen mit ihm. Selbst wenn sie ihn nicht verstehen, weil er auf arabisch singt, bewegt er die Menschen.

Viele der Schülerinnen und Schüler – vor allem die syrischen –  kannten ihn aus dem Internet. Denn seine Videos und sein Spiel haben sie berührt. Viele bekannte Musiker haben sich mit Aeham Ahmad solidarisiert.

Er hat mit Herbert Grönemeyer gespielt, ist mit Judith Holofernes von der Band „Wir sind Helden“ aufgetreten und hat ein Benefizkonzert für die Flüchtlingshilfe mit den Bochumer Symphonikern gegeben.

Judith Holofernes hat sogar für ein Duett ein eigenes Stück geschrieben, welches sie live auf einem großen Refugees Welcome-Festival in München präsentiert hatte. (Video am Ende)

Internationaler Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden und Freiheit

2015 erhielt er in Bonn den erstmals verliehenen Internationalen Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Armutsbekämpfung und Inklusion.

Aeham Ahmad ist als der Klavierspieler von Jarmuk bekannt geworden.

Seine Dortmunder Zuhörer leiden und lachen und weinen mit ihm – viele sind selbst Flüchtlinge.

Der Preis sollte ursprünglich erst 2016 zum ersten Mal verliehen werden, die Verleihung wurde aber aufgrund des „überragenden Einsatzes“ von Ahmad auf 2015 vorgezogen.

Nun spielt er und wartet und hofft, endlich seine Familie wieder in die Arme schließen zu können. Doch das wird – nicht zuletzt dank der immer restriktiveren deutschen Asylgesetzgebung – so schnell nichts werden.

Die Zukunft ist noch völlig offen. Also spielt er rastlos, weiter und weiter. Er hofft und spielt und singt für eine friedlichere und lebenswertere Zukunft.

Er klammert sich an seine Musik, an sein Instrument. Seit seinem fünften Lebensjahr lernte er Klavier spielen, zunächst im Konservatorium in Damaskus, von 2006 bis 2011 studierte er an der musikalischen Fakultät der Baath-Universität in Homs. Er wollte klassischer Konzertpianist werden.

Der Flüchtling und das bisher vergebliche Warten auf den Nachzug seiner Familie

Aeham Ahmad ist als der Klavierspieler von Jarmuk bekannt geworden.

Aeham Ahmad. Fotos: Alex Völkel

Die Voraussetzungen waren gut. Sein neuer Bekanntheitsgrad ist nicht hinderlich. Dennoch ist fraglich, ob er einmal von seiner Musik wird leben können.

Denn ein Granatsplitter in seiner linken Hand wird ihm voraussichtlich eine weitere Karriere als klassischer Pianist versperren. Der Krieg hat viele Hoffnungen zerstört.

Doch in Dortmund stört ihn das nicht. Er spielt, singt und träumt. Und hofft, statt sich nur an den Flügel zu klammern, bald seine Familie wieder in die Arme schließen zu können.

Aeham Ahmad gibt anderen Menschen Hoffnung. Auch sich selbst. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

(Falls sich die Videos nicht darstellen, bitte das Fenster aktualisieren)

Das Video von Aeham Ahmad & Judith Holofernes – „Das Herz der Welt“ – gibt es hier:

Eine halbstündige ZDF-Dokumentation gibt es hier zu sehen:

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