Nordstadtblogger

Das Kollektiv Nord nimmt Abschied von seinem Ort der Begegnung und Kreativität in der Nordstadt

Wenn den Kollektivisten zu grau und trist wurde, haben sie mit den Bewohnern und Nachbarn einfach bunt gemacht, wie hier beim "Hinterhoffest".

Wenn den Kollektivisten zu grau und trist wurde, haben sie mit den Bewohnern und Nachbarn einfach bunt gemacht, wie hier beim „Hinterhoffest“.

Von Lia Lenz

Die Nordstadtblogger sind zu „Engeln der Nordstadt“ befördert worden. Es ist das erste Mal, dass ich einen Preis bekomme und ich freue mich sehr. Denn nicht nur diesen Preis, sondern sehr viel mehr hat mir die Nordstadt mit seinen quirligen Bewohnern gegeben, seit ich in Dortmund lebe.

Kulturenclash: Austausch fernab von allen Konventionen

Vieles von dem, was mich dazu brachte aus einer Kleinstadt wegzugehen, fand ich hier: Kreativität außerhalb der Konventionen, Kulturaustausch und den dazugehörigen Kulturenclash, Künstler die jenseits von sterilen Ateliers und glamourösen Galerien ihrem Treiben nachgehen.

In jeder größeren Stadt gibt es ein Viertel, in dem sich die Bürger bewegen, die nicht in das vorortlichen Zweifamilienhaus und in den Kreuzviertel-hippen Topf der „gutbürgerlichen Mittelschicht“ reinpassen. Sie bilden eine Melange aus eher finanzschwachen Gefilden und antikonventionellen- oder fremden Kulturen: Studenten, Arbeitssuchende, Migranten, Flüchtlinge, Senioren und noch viele, andere mehr. Hier in Dortmund ist das die Nordstadt. Hier in der Nordstadt ist das ‚Kollektiv Nord‘.

Multikulturalität als Bereicherung für die Dortmunder Stadtgesellschaft

Das Ladenlokal des Kollektivs. Hier während der Veranstaltung "Blöfferei".

Das Ladenlokal des Kollektivs. Hier während der Veranstaltung „Blöfferei“.

In diesem gesellschaftlichen Gemisch fühlt sich seit jeher der Kunst- und Kulturschaffende wohl: Die Andersartigkeit, der man auf jedem Schritt begegnet, dass Kulturengemisch, die Sprachvielfalt. Das inspiriert, das motiviert, und wer sich engagiert, der wird mit vielen neuen Erfahrungen belohnt.

Jemand sagte mal zu mir: „In der Nordstadt könnte ein Fremder gar nicht sagen, in welchem Land man sich grade befindet.“ Genau. Was für ein Glück für Dortmund! Welch stetige Bereicherung, welch buntes Treiben, wieviele Neuartigkeiten.

Doch auch -leider- Straftaten, Verbrechen aus Resignation, aus Armut, aus Unwissenheit, aus Wut, aus Intoleranz. Diese Verbrechen und Konflikte gibt es in der Nordstadt und dagegen wird angegangen. Projekte, Initiativen und Vereine bestehen, die das Zusammenleben fördern wollen, die für ein Multikulti stehen, die auch die Probleme, die damit einhergehen, nicht romantisieren, sondern realistisch anpacken wollen.

Förderer sind  für die Realisierung von Projekten wichtig

Realität ist, für viele Projekte wird Geld benötigt. Das Geld kommt von Förderern und die Erfahrung zeigt, die wenigstens leben in der Nordstadt.

Sie sind meistens glücklich darüber, mit den Spenden das Engagement derjenigen zu finanzieren, die es nicht ärgert, wenn Leute die Landessprache nicht sprechen, sondern die es mögen, andere Wege der Kommunikation zu finden.

Die ein Kopftuch nicht abschreckt, sondern reizt herauszufinden, was in dem Kopf steckt, der das Tuch trägt. Die, die nicht weggucken, wenn einer drogenabhängig ist, sondern fragen, wie es dazu kam. All diese Leute sind Engel der Nordstadt, Engel von Dortmund.

Nordstadtkollektiv in der Missundestraße 8 als Ort der Begegnung

Das Nordstadt Kollektiv, während des Einzugs und der dazugehörigen Renovierarbeiten und während einer der ersten größeren Veranstaltungen, der "Blöfferei".

Das Nordstadt Kollektiv, während des Einzugs und während einer größeren Veranstaltung – der „Blöfferei“.

Ein Ort der Begegnung war das Nordstadtkollektiv in der Missundestraße 8. Seit zwei Jahren war das Ladenlokal in der Nähe des Nordmarkts ein Treffpunkt von Andersartigkeit: Jenseits von politischen Ambitionen oder pädagogischen Konzepten wurde hier vor allem bunt gemacht, was vorher grau war.

Drei Zimmer, Toilette, Küche. Das galt es zunächst zu renovieren. Ohne großen Geldaufwand und doch cool, gemütlich, offen. Wer könnte das besser als Design-Studierende der Fachhochschule Dortmund, die sich aufmachten, in der Dortmunder Nordstadt eine kreative Anlaufstelle zu erschaffen.

Statt Kunst zu bewundern und zu verkaufen gab es hier Kunst zum Mitmachen und Erleben.

Bemerkenswert: Kissendinner im Rahmen der Nacht der offenen Nordstadtateliers

In lebhafter Erinnerung bleiben vor allem die Aktionen, die ganz außerplanmäßig verliefen und bewiesen, dass das, was ganz authentisch kreativ verlaufen soll, nicht theoretisch voraussehbar ist. Wie zum Beispiel das Kissendinner im Rahmen der Nacht der offenen Nordstadtateliers.

Jede Menge Matratzen und Kissen, dazu liebevoll zubereitete Speisen. Hört sich gemütlich an, jedoch wurde das Matratzenlager von einer Horde Nordstadtkinder erobert und später mit Lebensmittelfarbe an die Wände gemalt.

Geplant wars zwar nicht, aber zur späteren Stunde wurden die Wände bunt: Kissendinner im Kollektiv zur offenen Nacht der Nordstadtateliers.

Geplant wars zwar nicht, aber zur späteren Stunde wurden die Wände bunt: Kissendinner im Kollektiv zur offenen Nacht der Nordstadtateliers.

Kollektivistin Anja Plonka lacht, wenn sie daran denkt: Sie hat spontan reagiert und das bunte Chaos damals einfach mit einem Rekorder aufgenommen und am nächsten Tag, nach dem Frühstück mitten auf dem Bürgersteig vorm Kollektiv, eine Soundinstallation daraus gemacht.

Kollektiv gibt Räume für den Abbau von Vorurteilen

Janina Trienekens, die eine ganze Reihe von kollektiven Kunstereignissen namens „Herbe Kunst“ organisierte, macht deutlich: Das Kollektiv hier hat einen Raum gegeben, um mit Vorurteilen aufzuräumen, aber auch Naivität abzulegen.

Romantisieren wollen wohl alle die Zeit im Kollektiv nicht, es gab auch Erfahrungen, die einen an persönliche Grenzen brachten. Janina lernte viele Kinder durch ihre Veranstaltungen kennen. Ein Mädchen kam oft, berichtete, sie ginge zwar noch nicht in die Schule, werde aber bald eingeschult.

Ort für Erfahrungen und die harte Realität

Nach ein paar Monaten traf Janina das Mädchen wieder. Die Kleine bat um Stifte und Papier für ihre Schularbeiten. Als Janina sie nach der Schule fragt, tischt die Kleine Lügen auf. Schämt sich wohlmöglich, zuzugeben, dass sie, circa elf Jahre alt, immer noch nicht eingeschult ist oder hat Angst, dass ihre Eltern mit Repressionen rechnen müssen. Auf ein Papier malt sie mit den geschenkten Stiften ihren Namen, das „N“ ist falsch herum.

Geschichten dieser Art hat Janina hier öfter erlebt, Geschichten dieser Art sind für sie Realität geworden – und das macht Janina dann mehr als traurig. Ob sie resigniert? Nein, das nicht, aber, erzählt sie, dass die Zeit im Nordstadtkollektiv nun vorbei ist, dass sei auch gut.
Das Kollektiv Nord war ein Ort der Begegnung, der Erfahrung, aber eben auch ein Ort, der unbeschönigt manche harte Realität offenbarte. Janina habe in den Räumlichkeiten verwirklichen können, was sie sich an Aktionen und Projekten vorgestellt habe. Auch eine Ausstellung ihrer Kunstgruppe „BlØff“ konnte sie realisieren.

Anfassen erwünscht, mitmachen erlaubt, Ideen begehrt, Zusammenarbeit erfolgreich.

Nordstadtflaschenpost: Mit Briefen von Gästen des "Les Fous" Konzerts gefüllt und dann in der Nordstadt ausgesetzt.

Nordstadtflaschenpost: Mit Briefen von Gästen des „Les Fous“ Konzerts gefüllt und in der Nordstadt ausgesetzt. Foto: Anja Plonka/ „Kollektiv Nord“

Anders als eine Ausstellung im U-Turm galt hier: Anfassen erwünscht, Musik bitte gerne selbermachen, Kreide nehmen und die Straße bemalen und gerne auch Schuhe aus und einfach mal in der Ecke auf Kissen fläzen.

Musik spielte auch immer eine Rolle im Kollektiv. Besonders ist den Besuchern des Kollektivs und den Betreibern das „Les Fous“-Konzert in Erinnerung geblieben. Es ging natürlich nicht ausschließlich um die Musik.

Aktion: Flaschenpost in der Nordstadt

Wie immer in der Missundestraße 8 sind die Veranstaltungen vielseitig und bieten Möglichkeiten zum Mitmachen. An der Wand hingen liebevoll gebastelte Briefkästen, wo Besucher Briefe an „Probleme des Alltags“ richten konnten. Viele leere Glasflaschen waren von Anja gestaltet worden, hier konnte man eine Flaschenpost an einen Unbekannten richten.

Anja und Carsten Pütz, auch Kollektivistinnen, verteilten dann die Flaschenpost in der Nordstadt. Es blieb immer interaktiv, ob mit den Besuchern des Ateliers oder mit den Anwohnern der Nordstadt. Auch, als es den Kollektivist_Innen zu grau und trist im Umfeld wurde. Man entschied sich, zu handeln und lud Bewohner und Nachbarn ein und malte kurzerhand die Hinterhöfe an.

Traditionelle Feste werden zur Kenntnis genommen und liebevoll verkreativiert: Halloween und Weihnachtsfeier wird zu Welloheen. Weihnachtliche Verkleidung erwünscht.

Kollektivist begegnete der Kommerzialität der Skaterszene mit Produktivität

Wenn kein Fest ansteht, wird eins erfunden: Welloheen zum Beispiel, liegt zwischen Herbst- und Weihnachtszeit und ist vor allem bunt.

Wenn kein Fest ansteht, wird eins erfunden: Welloheen zum Beispiel – und ist vor allem bunt.

Zwischen Ernst uns Spaß, Kunst und Klamauk, Phantasie und Realität, Klein und Groß, fand in den Räumlichkeiten des Kollektivs alles seinen Platz.

Ein anderer Kollektivist, Jan „Wolle“ Kotkowski, begegnete der Kommerzialität der Skaterszene mit Produktivität. Er bot abseits von überteuerten Standartprodukten Siebdruckworkshops an, bei denen man sein eigenes Skateboarddeck bedrucken konnte.

Ateliersmitmieter Steffen Meister blickt gerne auf die gemeinsame Zeit zurück. Vor allem hat ihn geprägt, wie die vielen Projekte gemeinsam umgesetzt wurden. So ist man nicht nur künstlerisch gewachsen, sondern auch menschlich.

Abschied der Kollektivist_Innen in kreativer Atmosphäre

Und so kommen alle Kollektivist_Innen am Samstag Abend mit ihren Freunden und den Nachbarn der Umgebung nochmal zusammen, in einem Raum ist aufgebaut, was an Kunst und Verkleidungen, an Dekoration und Requisiten aus vergangenen Aktionen noch übrig ist.

Noch einmal wird sich verkleidet, noch einmal werden Dinge angeschaut, die an vergangene Aktionen erinnern. Woran das Herz hängt, das darf mitgenommen werden, schließlich schließt das Atelier bald seine Türen und muss leergeräumt werden. Die Kollektivisten werden sich weiterhin in der Nordstadt kreativ engagieren.

Und wo eine Tür zugeht, geht eine andere auf. Auf dass man sich weiterhin zusammen trifft und hier Multikulti lebt. Ich bin so froh, nach Dortmund gekommen zu sein. Ich bin so froh über alle diese Menschen, all diese Engel der Nordstadt.

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