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2. UPDATE: Akute Brandgefahr im Hannibal: Fast 800 Menschen verlassen ruhig ihre Wohnungen in Dorstfeld

Der Hannibal in Dorstfeld wurde am Abend ruhig und geordnet evakuiert. Fotos: Alex Völkel

Der Hannibal in Dorstfeld wurde am Abend ruhig und geordnet evakuiert. Fotos: Alex Völkel

Von Alexander Völkel

Das ist ein Schock für fast 800 BewohnerInnen: Wegen „unabweisbaren Brandschutzgründen“ müssen sie ihre Wohnungen im „Hannibal 2“ in Dorstfeld verlassen. Betroffen sind die Wohngebäude Vogelpothsweg 12-26. Am Abend lief die Evakuierung ruhig und geordnet ab. Wer keine eigene Bleibe bei Freunden oder Familie fand, musste in der Helmut Körnig-Halle übernachten.

Eigentümer hat durch rechtswidrige Umbauten für akute Brandgefahren gesorgt

Ludger Wilde, Diane Jägers und Martina Raddatz-Nowack informierten.

Krisenstabsleiter Ludger Wilde, Ordnungsdezernentin Diane Jägers und Martina Raddatz-Nowack vom Fachbereich Schule (v.re.) informierten.

„Der Grund sind aktuelle Maßnahmen, die jetzt durch den Bauherren herbeigeführt wurden und die ein unmittelbares Handeln erfordern. Es besteht eine akute Gefahr – es geht um Leib und Leben“, betont der auch für Bauordnung zuständige Dezernent Ludger Wilde mit.

Die alarmierte Krisenstab der Stadt habe das Interesse der Mieter in den Mittelpunkt gestellt und entscheiden. Als einzig belastbare Lösung sah man die Evakuierung. Die Räumung des Gebäudes findet spätestens ab 19 Uhr statt. „Wir haben um 14 Uhr den Vermieter informiert“, so Wilde.

Was ist der Grund? Der Berliner Gebäudeeigentümer „InTown“ hat durch unsachgemäße Umbaumaßnahmen die Brandschutz-Genehmigung verloren. Es gibt keine klare Trennung mehr zwischen Parkdeck und Wohngeschossen. Durch mehrere vertikale Schächte gibt es direkte Verbindungen in alle Wohnungen.

„Bei einem Brand würden die Wohnungen in kürzester Zeit verrauchen und oder in Brand geraten. Und es gibt keinen belastbaren ersten und zweiten Rettungsweg – auch sie würden sofort verrauchen“, macht Wilde deutlich.

Es gibt akute Gefahren für Leib und Leben und keine sicheren Rettungswege mehr

Fast 800 MieterInnen waren betroffen. Nur mit dem nötigsten - u.a. den Tieren - verließen sie ihr Zuhause.

Fast 800 MieterInnen waren betroffen. Nur mit dem nötigsten – u.a. den Tieren – verließen sie ihr Zuhause.

Im Gebäude gab es wiederkehrende Brandschauen – zuletzt 2015. Doch damals gab es keine Mängel – zumindest keine, die Bauaufsicht und Feuerwehr aufgefallen waren. Erst bei einem Ortstermin am Dienstag fanden sich die Schächte, weil die Behörde erstmals auch leerstehende Wohnungen besichtigen konnte.

„Dabei wurden die eklatanten Mängel mit durchgängigen Schächten erkennbar. Ob die Arbeiten genehmigungspflichtig waren, lässt sich so nicht zu beantworten. Sie sind auf jeden Fall rechtswidrig, die Eingriffe sind unzulässig“, betont Ludger Deimel, Leiter der städtischen Bauaufsicht.

„Der Mieterschutz geht über alles und daher beginnen wir mit dem Freiziehen des Gebäudes.“ Das soll geordnet passieren – betroffen sind nach Angaben der Stadt fast 800 Personen in 450 Haushalten.

„Wir wollen sie nicht vor die Tür setzen und sich selbst überlassen. Wir werden einen geordneten Transport und eine geordnete Unterbringung organisieren“, so Wilde. Daher wird zur Stunde die Helmut-Körnig-Halle von der Feuerwehr als Notunterkunft hergerichtet. Dort werden die Menschen in Empfang genommen, betreut, verpflegt und Schlafplätze zur Verfügung gestellt.

Die Stadt richtet ab Freitag Wohnungen und städtische Einrichtungen her

Mehrere hundert Einsatzkräfte sind an der Evakuierung des größten Dortmunder Wohnhauses beteiligt.

Mehrere hundert Einsatzkräfte sind an der Evakuierung des größten Dortmunder Wohnhauses beteiligt.

„Ab morgen werden wir uns darum bemühen, für diese Mieter auch längerfristige Unterkünfte zu finden. Wir haben die Wohnungswirtschaft um Unterstützung gebeten. Und wir werden auch Unterbringungsmöglichkeiten nutzen, die wir in der Stadt haben“, betont der Planungsdezernent.

Die Stadt Dortmund bemüht sich um eine temporäre Unterbringung. Dabei soll möglichst allen BewohnerInnen und ihren Bedürfnissen Rechnung getragen werden – von Unterbringungen für Familien mit Kindern bis zu Möglichkeiten für Haustiere.

50 Wohnungen hat Sozialamtsleiter Jörg Süshardt im Wohnraumvorhalteprogramm im direkten Zugriff. Aber auch andere Einrichtungen – zum Beispiel die gerade leergezogene Frenzelschule – werden genutzt. „Wir könnten alle 800 unterbringen. Aber ich gehe davon aus, dass sich viele Menschen eine eigene Lösung suchen werden“, so Süshardt.

Die schulpflichtigen Kinder wurden in Absprache mit der Bezirksregierung für Freitag von der Schulpflicht befreit. Ab Montag wird dann ein Schulbusverkehr organisiert, um die Kinder zu ihren bisherigen Schulen zu fahren, berichtet Martina Raddatz-Nowack, Leiterin des Fachbereichs Schule.

Mieter können in den nächsten Tagen ihr Hab und Gut aus den Wohnungen holen

Wer keine andere Bleibe hatte, konnte mit einem Bus zur Helmut-Körnig-Halle fahren.

Wer keine andere Bleibe hatte, konnte mit einem Bus zur Helmut-Körnig-Halle fahren.

Auf dem Gelände werden auch in den nächsten Tagen Polizei und Ordnungsdienst präsent sein. So sollen die MieterInnen dann auch Zugriff auf ihre Möbel und Habseligkeiten bekommen. Ordnungsamt und Feuerwehr werden dies in begleiteten Touren ermöglichen. Denn klar ist: Es wird keine schnelle Lösung geben.

„Selbst für einen Brandschutzgutachter ist es eine Herausforderung, aus dem, was da gemacht wurde, eine sichere Lösung zu machen. Das wird ein erheblicher Aufwand. Ich gehe von Monaten aus.Wenn das leergezogen wird, ist das einfacher“, so Wilde. Ob der Eigentümer die nötigen Umbauten macht und wie lange das dauern wird, ist völlig offen.

Nicht betroffen ist der andere „Hannibal“ in der Nordstadt. Denn die Brandschutzmängel sind durch die fahrlässigen und unrechtmäßigen Umbauten in Dorstfeld entstanden. Der Hannibal in der Nordstadt gehört der LEG. Der Brand in der Tiefgarage an der Bornstraße Anfang letzten Jahres hat gezeigt, dass dort das Brandschutzkonzept funktioniert.

UPDATE: Evakuierung läuft ruhig und geordnet –
Zukunftsängste bei den betroffenen MieterInnen
Servicepersonal und Hausmeister sollen von „InTown“ entlassen worden sein.

Servicepersonal und Hausmeister sollen von „InTown“ entlassen und des Geländes verwiesen worden sein.

Ab 19 Uhr lief die Evakuierung an. Feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt und zahlreiche andere städtische Dienststellen  – insgesamt mehrere hundert Einsatzkräfte – arbeiteten Hand in Hand. Einige MieterInnen versuchten, schon jetzt ihr wichtigstes Hab und Gut in Sicherheit zu bringen – vom Haustier über Lieblingspflanzen bis hin zu Wertsachen – wurden weggeschafft.

Auch der Müll wurde noch schnell rausgestellt. Denn viele BewohnerInnen waren sich darüber bewusst, dass sie für lange Zeit ausziehen müssen. Nicht gut zu sprechen waren sie auf die Hauseigentümer. Denn „InTown“ machte sich „einen schlanken Fuß“ – selbst die Stadt bekam bis zum Abend keine verbindlichen Rückmeldungen.

Die Hausverwaltung wurde ohnehin schon gekündigt. Am Nachmittag wurden die Hausmeister und Servicemitarbeiter nach Hause geschickt, damit diese nicht Rede und Antwort stehen, berichteten einige MieterInnen.

Scharfe Kritik am Berliner Eigentümer kommt auch vom Mieterverein Dortmund

Rainer Stücker vom Mieterverein stand den Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite.

Rainer Stücker vom Mieterverein Dortmund stand den Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite.

Für Rainer Stücker vom Mieterverein ist dieses Verhalten keine Überraschung, sondern nur ein weiteres Indiz für das unverantwortliche Handeln. Der Mieterverein beklagt schon lange den schlechten Zustand der größten Dortmunder Wohnimmobilie.

In den 1970er Jahren wurden die mehr als 400 Wohnungen errichtet. Im Jahr 2004 verkaufte die städtische DOGEWO an Jansen & Helbing –  „Spekulanten, zum Teil wegen Betruges verurteilt“, berichtet der Verein. Das Gebäude stand dann längere Zeit unter Zwangsverwaltung.

Im Dezember 2011 wurde es versteigert. Der Zuschlag ging für 3,7 Millionen Euro an Lütticher Properties. Die Immobilie sollte laut Gutachten einen Wert von elf Millionen Euro haben – abzüglich eines Reparaturbedarfs von rund neun Millionen Euro.

Der Eigentümer ist bis heute unverändert. Allerdings hat sich das Unternehmen in „INTOWN PROPERTIES“ umbenannt. Die Firma machte Schlagzeilen, weil zuletzt auch ein Wuppertaler Hochhaus geräumt werden musste.

WIR BERICHTEN AUCH AM FREITAG LAUFEND WEITER

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