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Bemerkenswerte Tagung in Dortmund: „Christliche und muslimische Araber gemeinsam gegen Rassismus und Terror“

Sehr gut besucht war die Tagung in Dortmunder Rathaus. Fotos: Alex Völkel

Sehr gut besucht war die ungewöhnliche Tagung in Dortmunder Rathaus. Fotos: Alex Völkel

Es ist eine Tagung, wie es sie selten – falls überhaupt schon – in Deutschland gab: „Christliche und muslimische Araber gemeinsam gegen Rassismus und Terror“ ist das Treffen im Dortmunder Rathaus betitelt. VertreterInnen verschiedener arabischer Einrichtungen und Gemeinden aus Deutschland sind gekommen.

Idee zur Tagung entstand bei einem Dortmunder Besuch in Palästina

Die Idee zu dieser Tagung wurde während einer Delegationsreise in Jerusalem geboren. Dort trafen sich Vertreter des deutsch-palästinensischen Länderkreises der Auslandsgesellschaft mit dem Erzbischof von Jerusalem, Atallah Hanna, und fragten sich, wie man insbesondere zwischen christlichen und muslimischen Arabern, die in Deutschland leben, die Kultur gegenseitiger Toleranz und Rücksichtnahme weiter verbessern kann.

Wie kann man Radikalisierungstendenzen und Rassismus gegensteuern – und das bereits bei Jugendlichen? Wie entdecken muslimische und christliche Araber Gemeinsamkeiten und lernen Unterschiede zu akzeptieren? Welchen integrativen Beitrag können christliche und muslimische Einrichtungen leisten?

Diese Fragestellungen machten viele Menschen neugierig. Aus verschiedenen Städten kamen Christen und Muslime nach Dortmund. „Wir sehen eine Möglichkeit in der Jugendarbeit, die insbesondere christlichen und muslimischen Arabern neue Perspektiven bietet“, macht Dr. Hisham Hammad, Sprecher des Länderkreises und Mitorganisator der Tagung deutlich.

„Hierbei sollen Multiplikatoren aus muslimischen, christlichen sowie zivilgesellschaftlichen Einrichtungen eingebunden werden, um nachhaltige Integrationsstrategien zu entwickeln und zu erproben“, so der Dortmunder Arzt, der auch den Palästinensischen Gemeinde Dortmund vorsteht.

Christliche und arabische Muslime trafen sich in Dortmund zum Austausch.

Christliche und arabische Muslime aus ganz Deutschland trafen sich in Dortmund zum Austausch.

Brücken schlagen zwischen Religionen ist ein Brückenschlagen zwischen Menschen

„Es freut mich, dass sie zur Tagung christlicher und muslimischer Araber gegen Rassismus gekommen sind. Die gute Teilnahme gibt ihnen Recht“, sagt Stadtdirektor Jörg Stüdemann. „Sie machen deutlich, dass sie Gewalt in jeder Form ablehnen und den Dialog stärken wollen, trotz Anfeindungen und Ungleichheiten.“

Brücken schlagen zwischen Religionen sei ein Brückenschlagen zwischen den Menschen. Ziel müsse es sein, Gemeinsames bei aller Unterschiedlichkeit zu entdecken und Toleranz aufzubauen, so der Stadtdirektor. „Der deutsch-palästinensische Länderkreis ist ein Beispiel dafür – er leistet einen wichtigen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis.“

200.000 Menschen mit Zuwanderungsgeschichte leben in Dortmund. Jedes zweite hier geborene Kind hat ausländische Eltern. 70.000 Menschen muslimischen Glaubens leben in Dortmund – es ist die deutlich drittgrößte Religionsgruppe in der Stadt.

„Gegenseitiger Respekt und Wertschätzung als Faktor für Zukunftsfähigkeit und Integration auf Augenhöhe wird bei uns groß geschrieben“, Betont Stüdemann in seinem Grußwort. „Zuwanderung ist eines der großen Themen unserer Zeit – ein vertrauensvolles Miteinander ist wichtig.“

In Zeiten der Herausforderung packten die Communities gemeinsam an

Die Auslandsgesellschaft NRW hatte die Tagung federführend organisiert.

Die Auslandsgesellschaft Nordrhein-Westfalen hatte die Tagung federführend organisiert.

Dass die Akteure die Jugendarbeit in den Mittelpunkt stellten, sei richtig. „Sie sind die Zukunft. Es macht mich stolz, dass sich so viele Menschen in der Stadt engagieren. Zuletzt hätten sie bei den Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak erlebt, dass sich auch viele Menschen aus den ausländischen Communites engagiert hätten – vor allem türkische und arabische Gruppen hätten maßgeblich mitgeholfen, erinnerte Stüdemann.

Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft, erinnerte an die Entstehungsgeschichte der Tagung und freute sich, dass die Idee habe umgesetzt werden können. „Diese Tagung sieht nach einer Selbstverständlichkeit aus – ist es aber nicht. Da steckte ganz viel Arbeit drin, dies zu organisieren.“

Das Ziel sei, etwas Nachhaltiges zu erreichen. „Es ist ein schwieriges Thema. Wir haben keine politische Macht, können aber einen Mosaikstein setzen“, gab sich Wegener zuversichtlich.

Dialog als Bereitschaft, andere in Religion, Kultur und Mentalität besser zu verstehen

Ähnliche Töne stimmte die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin Silvia Löhrmann an, die zwar nicht an der Tagung teilnehmen konnte, aber eine Videobotschaft schickte. „Das Thema liegt mir sehr am Herzen. Ich habe in der Region Aktivitäten für ein friedliches Miteinander erlebt – das ist bemerkenswert“, so die Grünen-Politikerin.

10 Jahre Fußballspiel der Religionen, Hoeschpark Fahnenlauf, Gruppe Harimon, Eröffnungsrede OB Sierau Foto: Ruediger Barz

Das Fußballspiel der Religionen in der Nordstadt ist ein herausragendes Trialog-Projekt. Foto: Rüdiger Barz

Sie macht sich die Worte von Klaus Schünemann, langjähriger Geschäftsführer der Christlich-Islamischen Gesellschaft, zu eigen:  „Dialog bedeutet Treue zur eigenen Identität und Recht auf Wahrung dieser Identität, aber zugleich Bereitschaft, den anderen in seiner Religion, Kultur und Mentalität besser zu verstehen. (…) Dialog enthält die Bereitschaft, selbst verändert zu werden. Nicht in dem Sinne der Gefährdung des eigenen Glaubens, wohl aber in dem Sinne der Befreiung von historischen und kulturellen Verkrustungen.“

Sehr zufrieden blickt Dr. Hisham Hammad in die Runde: „Wir haben Menschen von Marokko bis Irak, von Syrien bis Jemen unter einem Dach. Wir sitzen alle in dem gleichen Boot, Christen und Muslime, Schiiten und Sunniten“, betont der Organisator.  „Wir haben unterschiedliche Rituale und Sichtweisen, aber einen gemeinsamen Gott. Es gibt viel mehr, was uns eint, was uns unterscheidet.“

Ein halbes Jahr lang liefen in der Auslandsgesellschaft die Vorbereitungen. „Wir wollten keine Massenveranstaltung, sondern ein Treffen, sachlich und im gegenseitigen Respekt.“  Aus vielen Städten Deutschlands seien Menschen nach Dortmund gekommen – arabische Christen und Moslems gemeinsam gegen Terror und Rassismus.

„Es stimmt mich zuversichtlich, dass wir diesen Herausforderungen gewachsen sind“, betont Hammad. Gemeinsam wollten sie an der Frage arbeiten, wie man gemeinsam verhindern könne, dass Mauern zwischen Religionen entstünden und groß würden.

Erzbischof Hanna: „Religion ist kein Schwert am Kopf von Menschen“

Ehrengast der Tagung ist Erzbischof Attalah Hanna, der aus Jerusalem angereist ist – er ist zum zweiten Mal in Dortmund zu Gast: „Gott hat keine Unterschiede zwischen Menschen und Menschen gemacht. Die Menschen machen diese Unterschiede. Gott hat Christen, Moslems und Juden geschaffe“, betont der Erzbischof.

„Dazu gehört gegenseitiger Respekt und Liebe, sich gegenseitig zu akzeptieren.“ Gewaltaufrufe im Namen der Religion – egal welcher – lehnt er strikt ab: „Wir sind dagegen, wer auch auch immer, im Namen der Religion mordet. Wir lehnen es ab, die Würde des Menschen und das Recht auf Freiheit zu verletzen.“

Erzbischof Attalah Hanna aus Jerusalem mit Organisator Dr. Hisham Hammad.

Der Ehrengast, Erzbischof Atallah Hanna aus Jerusalem, mit Organisator Dr. Hisham Hammad.

„Religion ist kein Schwert am Kopf von Menschen und nichts Trennendes“, so Hanna. „Wir sind an diesem Ort, um diese unsichtbaren Mauern in Brücken von Respekt, Freundschaft und Liebe umzubauen.“ Er erinnerte an das Verbindende zwischen Christen und Muslimen arabischer Herkunft: „Sie verbindet die arabische Kultur, die arabische Sprache und ihre patriotischen Wurzeln. Sie haben viele Gemeinsamkeiten, die uns verbinden und vereinen.“

Sie hätten Jahrhunderte gemeinsam gelebt und geschuftet, um ihre Länder aufzubauen. „Die Gewaltereignisse und Verbrechen heute sind keine Vertretung und Widerspiegelung der Religionen. Wir lehnen es ab, Religionen in Verbindung mit Terrorismus zu bringen.“

„Der Terror hat keine Religion. Wir lehnen es daher ab, von islamischen Terror zu sprechen. Es mag Terroristen geben, die sich als Muslime bezeichnen, aber das darf nicht dazu führen, Terror mit Muslimen zu verbinden“, betont der christliche Geistliche. „Der Terror hat unseren Leuten geschadet – Muslimen und Christen.“

„Es ist unsere Pflicht, das wahre Gesicht unserer Religionen ans Tageslicht zu bringen und zu zeigen. Ich möchte mich daher für die Initiative unserer Freunde aus Deutschland bedanken – von Stadt Dortmund und Auslandsgesellschaft NRW“, betont der Gast aus Jerusalem.

Tagung in NRW: Der Westfälische Frieden als Vorbild?

Er habe beim Blick auf den Friedensplatz viel von der Vielfalt gesehen. Die Tagung fand im Saal Westfalia im Rathaus statt. Vielleicht ein gutes Omen. Moderator Nemer Yahya erinnerte an den 30-jährigen Krieg und den ihn beenden Westfälischen Frieden. „Das war auch ein Kampf zwischen Nationen und Religionen. Vielleicht dient das ja als Vorbild.“

Ein Gedanke, über den sich Ahmad Aweimer, Sprecher des Rates der Muslime in Dortmund, freute. Er erinnert daran, dass in dieser Stadt der Dialog seit über 25 Jahren stattfinde und bedauerte, dass die arabische Community dabei nicht immer vertreten gewesen dabei.

„Schön, dass wir heute damit anfangen. Unsere Stadt hat eine Vielfalt an Dialogmöglichkeiten – interkulturell und interreligiös“, so Aweimer. „Wir sind soweit gekommen, dass wir hier vom Trialog sprechen – auch gemeinsam mit den Juden.“

Es gebe einen sehr aktiven Dialogkreis der Abrahamsreligionen. Augenfälligste und beliebteste Aktivität ist das Fußballspiel der Religionen: Pfarrer spielen hier gegen Imame – der Schiedsrichter wird von der Jüdischen Gemeinde gestellt.

Dortmund als Vorreiter bei Dialog und Verständigung

Dass sich nun hier Christen und Muslime aus arabischen Ländern träfen, sei sehr passend. „Ich freue mich, dass Dortmund die erste Veranstaltung dieser Art macht in Deutschland. Das macht Dortmund aus“, so Aweimer.

Sayed Ahmad vom Islamischen Zentrum Hamburg mit Organisator Dr. Hisham Hammad.

Sayed Ahmad vom Islamischen Zentrum Hamburg mit Organisator Dr. Hisham Hammad.

„Vielen Dank für die Anstrengungen in Dortmund, dass Sie für diesen Tag gearbeitet haben. Dank auch an die deutschen Institutionen, dass diese Tagung möglich ist“, betont Sayed Ahmad vom Islamischen Zentrum Hamburg. „Wir müssen uns häufiger treffen und austauschen.“

Wer Hass propagiere, mache das nicht im Namen Gottes, sondern des Teufels. Gemeinsam müssten sie an den Ursachen der Missstände arbeiten. „Eine Verfälschung der Religion ist eine Falle, in der wir alle fallen können“, so Sayed Ahmad.

Die Mörder seien eine verschwindend kleine Gruppe im Islam, die leider sehr laut sei. Das mache sie in der öffentlichen Wahrnehmung größer, als sie in Wirklichkeit sei. „Diese Tagungen sind geeignet, über die wahre Größe der gewalttätigen Minderheiten zu berichten und Strategien zu überlegen, sie gemeinsam zu besiegen.“

Mehr zum Thema auf nordstadtblogger.de:

Erzbischof von Jerusalem zu Gast in Dortmund: Eine klare Botschaft von Toleranz, Liebe und gegenseitigem Respekt

 

2 Gedanken über “Bemerkenswerte Tagung in Dortmund: „Christliche und muslimische Araber gemeinsam gegen Rassismus und Terror“

  1. AGNRW Beitrags Autor

    Dortmunder Erklärung der Tagung “Christliche und muslische Araber gemeinsam gegen Terror und Rassismus”

    Präambel

    Die Idee zu dieser Tagung wurde während einer Delegationsreise in Jerusalem geboren. Dort trafen sich Vertreter des deutsch-palästinensischen Länderkreises mit dem Erzbischof von Jerusalem, Attallah Hanna, und fragten sich, wie man insbesondere zwischen christlichen und muslimischen Arabern, die in Deutschland leben, die Kultur gegenseitiger Toleranz und Rücksichtsnahme weiter verbessern kann. Wie kann man Radikalisierungstenzen und Rassismus gegensteuern- und das bereits bei Jugendlichen?
    Wie entdecken muslimische und christliche Araber Gemeinsamkeiten und lernen Unterschiede zu akzeptieren? Welchen integrativen Beitrag können christliche und muslimische Einrichtingen leisten? Wir sehen eine Möglichkeit in der Jugendarbeit, die insbesondere christlichen und muslimischen Arabern neue Perspektiven bietet. Hierbei sollen Multiplikatoren aus muslimischen, christlichen sowie zivilgesellschaftlichen Einrichtingen eingebunden werden, um nachhaltige Integrationsstrategien zu entwickeln und zu erproben. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass bereits viele interkulturelle Dialogbemühungen exsitieren. Bei diesem Dialog betonen wir stets eine unabdingbare Transparenz.

    Punkte der Dortmunder Erklärung

    1.Verurteilung jegliche Art von Terrorismus, Gewalt, Rassismus und Fanatismus aufs Schärste.

    2. Terrorismus hat weder Relegion noch Heimat und ist ein Angriff auf alle monotheistischen Religionen. Ferner kann und darf kein Terrorismus im Namen der Religion geduldet werden.

    3. Araber – sowohl Christen als auch Muslime- vereint eine arabische Kultur mit all ihren Facetten, So bestehen viele Gemeinsamkeiten. Diese sind als ein idealer Ausgangspunkt für eine Zusammenarbeit zwischen christlichen und muslimischen Arabern zu betrachten mit dem Ziel ein friedliches Zusammenleben und Toleranz zwischen den Religionen zu fördern- sowohl in Deutschland als auch in der arabischen Region . Eine Zusammenarbeit, die auf gegenseitigen Respekt und Menschenliebe basiert. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass ein friedliches Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen in der arabischen Region gleichwohl möglich ist, wenn man auf die letzten Jahrhunderte zurückblickt.

    4. Die Bekämpfung von Extremismus und Radikalisierung erfordert pädagogische Maßnahmen, die religiöse Gemeinden, Schulen und kulturelle Einrichtungen einbindet-sowohl in Deutschland als auch auf europäischer Ebene. Hierzu ist eine arabische Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Extremismus und Terror und zur Schaffung einer Kultur, die auf gemeinsame Werte basiert, unumgänglich.

    5. Förderung kultureller Zusammenarbeit mit dem Ziel die gemeinsame Kultur zu pflegen und wiederzubeleben.

    6. Ideen zur Planung und Umsetzung gemeinsamer Projekte und Bildung einer Follow-up-Arbeitsgruppe.

    7. Bildung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe für Jugendarbeit zum Schutz der arabischen Jugend vor Radikalisierung, Extremismus und Rassismus. Eine Möglichkeit sehen wir in zeitgemäße Maßnahmen, wie etwa ein Internetforum sowie andere alternative identitätsstiftende Projekte. Hier fordern wir von deutschen Institutionen sowie der Regierung die Förderung dieser präventiven Arbeit.

    8. Schaffung von Begegnungen zwischen den Religionen durch gemeinsame Aktivitäten, um Vorurteile abzubauen, insbesondere an religiösen Festtagen und gesellschaftlichen Anlässen.

    9. Christen und Muslime in Deutschland müssen füreinander einstehen, den die verbreitete Islamophobie sowie Begrifflichkeiten wie “Islamisten” und “Islamismus” sind nicht bloße Kritik an einer Religion zu verstehen; Ihre Quelle ist ein völlig entfesselder Rassen- und Fremdenhass sowie Bevormundungs- und Eroberungsabsichten, die letztlich alle trifft, die anders sind.

    Unterzeichner:
    Zentralrat der Muslime in Deutschland
    Zentralrat orientalischer Christen in Deutschland
    Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden in Deutschland e.V.
    Dachverband der irakischen Gemeinden
    Auslandsgesellschaft NRW e.V. / Länderkreis Palästina-Deutschland (Dortmund)

  2. Prof. Dr. Franco Rest

    Zum Bericht in den Ruhrnachrichten habe ich geschrieben:
    Der o.a. Artikel hat mich wegen seiner geringen Aussagekraft und der historischen Unkenntnisse erschüttert und betroffen gemacht. Dort wird davon berichtet, dass christliche und muslimische Araber eine „Dortmunder Erklärung“ unterzeichnet hätten.
    1. Es gibt geradezu eine Inflation von „Dortmunder Erklärungen“:
    1836 Dortmunder Erklärung von Evangelischen Pfarrern zur Wahlsituation in der Evangelischen Kirche
    2009 Dortmunder Erklärung des Dortmunder Dialogkreises der Abrahamsreligionen (darauf gehe ich gleich näher ein)
    2013 Dortmunder Erklärung „Inklusion auch bei uns“ des AWO-Präsidiums
    2014 Dortmunder Erklärung zu Musterleitlinien guter Beschäftigungsbedingungen an NRW-Universitäten
    2015 Dortmunder Erklärung „Schulsozialarbeit systematisch ausbauen“
    und sicher noch einige weitere
    Es stellt sich also die Frage, ob uns mit der Inflation von Dortmunder Erklärungen tatsächlich irgendwie geholfen ist.
    2. Bei der neuerlichen „Dortmunder Erklärung“ fällt auf, dass „jüdische Araber“ von vornherein ausgeschlossen waren.
    3. Die Unterzeichner kennen offensichtlich nicht die Dortmunder Vorarbeiten des Dortmunder Dialogkreises „Dortmund interreligiös“. Entweder wollen sie die dortigen Bemühungen seit 2005 nicht wahrnehmen oder sind daran nicht beteiligt. Beides wäre mehr als fatal. Die dortige Erklärung befasst sich vor allem mit dem „Dialog“ und dem Bestreben, aus diesem Dialog nunmehr zunehmend eine Trialog, also von Juden, Christen und Muslime werden zu lassen. Die Bemühungen sind im Internet leicht einsehbar:
    http://www.ev-kirchedortmund.de/fileadmin/Medienablage/gesellschaftliche_verantwortung/dialog/pdf/Ausstellung_Dortmund_interreligoes.pdf
    4. Die neuerliche Erklärung der „christlichen und muslimischen Araber“ ist in den Ruhrnachrichten leider nicht im Wortlaut abgedruckt; sonst ließe sich vielleicht erkennen, warum der Begriff „Dialog“ in dem Artikel überhaupt nicht vorkommt, geschweige denn, warum der „Trialog“ überhaupt keine Rolle spielen soll.
    5. Offenbar ging es vor allem um religiösen Primitivismus (z.B. „Wir glauben an den selben Gott“ / „Der Terror hat keine Religion“), Leugnung des Gewaltpotentials in den Religionen, Vermeidung des Eingeständnisses der offensichtlichen Schuld der Religionen für die Entstehung von Gewalt, Terror, Rassismus usw. Also fehlt offensichtlich auch die Bitte um Verzeihen und Vergebung.
    6. Insofern ist die Erklärung auch alles andere als hilfreich bezüglich gelebter Toleranz und Verständigung. Denn dazu müsste sowohl das Eingeständnis der Schuld als auch der bewusstwerdende und ausgesprochene Unterschied zwischen den Religionen gehören. Christentum und Islam unterscheiden sich in ganz wichtigen Punkte, vor allem im Gottes-Verständnis, im Menschenbild und im gelebten Glauben. Vor allem aber unterscheiden sie sich auch in ihrem heutigen Verhältnis zum Judentum. Wer über diese Unterschiede nicht spricht, leistet keinen wirklichen Beitrag zur Verständigung.

    Deshalb gebe ich Ihnen die Dortmunder Dialog-Erklärung von 2009 im Wortlaut zur Kenntnis, vor allem auch, weil sie aus dem erlebten Hass in Israel / Gaza entstanden ist. Daran sollten sich m.E. alle messen lassen.

    Der Dialog der Religionen ist nötiger denn je
    Gemeinsame Erklärung von Juden, Christen und Muslimen zum interreligiösen Dialog in Dortmund

    Vertreter und Vertreterinnen der Evangelischen und der Katholischen Kirche, der jüdischen Gemeinde und des Rates der muslimischen Gemeinden, die im Dialog in Dortmund aktiv sind, haben sich in diesen Tagen zum Gespräch getroffen. Sie haben sich ausgetauscht über die schwierigen und für uns alle bedrückenden Ereignisse der vergangenen Wochen in Israel und im Gazagebiet und über die Reaktionen in Deutschland.

    Aufgrund dieses Gespräches stellen wir gemeinsam fest: Wir sehen, dass die politischen Meinungen über das in Israel und im Gazagebiet Geschehene auseinander gehen, zumal wir dies aus sehr verschiedenen Perspektiven beurteilen. Aber in einem sind wir ganz einig: Wir wollen hier in Dortmund in Frieden zusammenleben, als Juden, Christen, und Muslime. Die gute Nachbarschaft ist uns viel wert. Wir wollen miteinander leben, und nicht nur nebeneinander her. Darum sind wir trotz unserer Unterschiede gemeinsam überzeugt: Der Dialog der Religionen ist nötiger denn je. Er soll und er muss weitergehen wie in den vergangenen Jahren. Für die kommende Zeit haben wir uns viele gemeinsame Projekte vorgenommen. Wir werden sie alle wie geplant umsetzen als Zeichen des Friedens und als Möglichkeit zum Dialog. Wir bitten unsere Gemeinden und alle Menschen in Dortmund uns dabei zu unterstützen.

    Unterzeichner:

    Für die Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund Rabbiner Avichai Apel

    Für den Rat muslimischen Gemeinden in Dortmund Fatma Karaca-Tekdemir, Sprecherin, Ahmad Aweimer

    Für die Evangelische Kirche in Dortmund und Lünen Superintendent Jürgen Lembke, Vorstandsvorsitzender VKK

    Pfarrer Friedrich Stiller, Islam- und Integrationsbeauftragter.

    Für die Katholische Stadtkirche Propst Andreas Coersmeier, Stadtdechant, Marlies Haarmann, Islambeauftragte

    Dortmund, den 19.02.09

    Damit Sie wissen, wer sich hier zu Worte meldet:
    Prof. Dr. Franco Rest
    Stortsweg 41 a
    44227 Dortmund
    0231-752709
    rest@fh-dortmund.de
    http://www.francorest.de

    Ein Überblick über meine wissenschaftlichen Arbeiten auf dem angesprochenen Gebiet
    Vielleicht interessiert euch ein inzwischen angelaufener „Wissenschaftsstreit“ oder besser religionsphilosophischer Diskurs über die Frage, ob – entgegen vieler Vermutungen und Erwartungen – doch so etwas wie eine islamische Reformation bevorsteht, oder ob sich eine Erweiterung, Rückbesinnung (Re-Formatio), zeitgemäße Anpassung des Islam an eine Kultur der Menschenrechte, Demokratie, Gleichberechtigung und religiöse Koexistenz aus den Wurzeln des Islam / Koran ausschließt. Ich habe mir erlaubt, einen kleinen Stein (gerade einmal 7 Seiten) in das Gewässer des gegenwärtigen Islam zu werfen. In der Kürze wollte und konnte ich nicht ausführlicher werden.

    http://web.tuomi-media.de/dno2/Dateien/NO515-5.pdf

    Zuvor hatte ich ja versucht, die allzu platten Annahmen politischer Kreise zu entlarven, die da mein(t)en, der Islam sei einfach nur eine Spielart des Religiösen neben anderen Spielarten, bei denen man nicht so genau hinschauen müsste (z.B. bei unüberlegten Fahrlässigkeiten wie „Der Islam gehört zu Deutschland“ oder „Die Muslime glauben doch an denselben Gott“). Mit dieser Darstellung hatte ich keine Front machen wollen gegen den Islam oder die Muslime, sondern versucht, uns alle zu verstärkter Nachdenklichkeit und zu genauerem Hinsehen aufzufordern.

    http://web.tuomi-media.de/dno2/Dateien/NO115-8.pdf

    Davor hatte ich ergänzend zum Christlich-Jüdischen Dialog zu verstehen versucht, warum es damals nicht und seitdem immer noch nicht zu einem „Trialog“ unter Einbeziehung des Islam gekommen ist und vielleicht auch nie wirklich kommen wird.

    Vgl. den Anhang „Das universelle Heil und die Religion der Ungleichheit“ in meinem Buch „Gottes Plan mit den Menschen. Historischer Roman zum Leipziger Religionsgespräch (1913) zwischen Franz Rosenzweig und Eugen Rosenstock.“ (LIT-Verlag: Münster 2013, 190-193.

    Nun hat sich der Orientalist, Volkswirtschaftler und Publizist Hans-Peter Raddatz zu meiner Vermutung und Hoffnung auf eine Islamische Reformation und zu meinem Versuch bezüglich möglichem Vergleichslernen aus der Christlichen Reformation in einer sehr ausführlichen (16 Seiten) Stellungnahme geäußert. Er kommt (verkürzt gesagt) insgesamt zu dem Ergebnis, dass eine solche Reformation nicht zu erwarten sei und die Heranziehung der christlichen Reformation als Modell für eine islamische Reformation nicht erstrebenswert sei, da die christliche Reformation vom 1517 selbst ein historischer Missgriff war.

    http://web.tuomi-media.de/dno2/Dateien/NO515-6.pdf

    Damit ist das Steinchen, das ich warf, inzwischen zu einem Felsen mutiert, der in dem Gewässer der Religionsphilosophie und des Religionsvergleichs so etwas wie einen Tsunami ausgelöst hat / auslösen könnte. Ich würde mich freuen, wenn all dies eurerseits Reaktionen und „Folgenanalysen“ auslösen könnte, welche helfen würden, die Schäden des Tsunami in Grenzen zu halten. Der Beitrag erscheint mir (trotz der darin enthaltenen massiven Vorwürfe gegen mich und trotz der fehlenden Konzilianz) unbedingt lesenswert und diskussionswürdig. Was Herr Raddatz allerdings anbietet, falls die islamische Reformation ausbleiben sollte, ist mir unklar geblieben.

    Nun hab ich mich auch zur Frage der Integration geäußert: Ein Kinderspiel: „Wer hat Angst vor dem Islam?“ – „Niemand!“ – „Aber wenn er kommt?“ – „Dann bleiben wir!“ Was braucht eine gelingende Integration? In: Katholische Bildung. (Nov.) 117,2016,11,450-464
    Vielleicht sind hier nun auch einige „konstruktive“ Impulse aus der (Sozial-)Pädagogik und Praktischen Theologie zu finden!

    Nach all diesen Vorarbeiten habe ich mich nun auch theologisch der Frage gestellt, worin sich Islam und Christentum vor allem unterscheiden:
    „Ein Gott“ ist keine ausreichende Basis für den Religionsdialog. Zur sachlichen Abgrenzung von Islam und Christentum. In: Katholische Bildung (März/April) 118,2017,3/4,49-56

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