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Armutszuwanderung: Lob für Dortmunder Integrationsansätze und Kritik an Finanzierung – „Projektitis“ statt Nachhaltigkeit

Eine weitere Roma-Familie kommt in Dortmund an.

2120 Kinder aus Bulgarien und Rumänien sind derzeit in Auffangklassen. Doch der Zustrom reißt nicht ab. Fotos: Alex Völkel

Der Handlungsdruck ist augenfällig: Eine Zunahme des Zuzugs von Kindern aus Bulgarien und Rumänien um 120 Prozent verzeichnet die Stadt Dortmund: 2120 Kinder seien aktuell in Vorbereitungsklassen – 1600 davon wohnen in der Nordstadt, verdeutlichte Stadträtin Waltraud Bonekamp den Handlungsbedarf.

Bundesweit beachtete Fachtagung mit 300 Teilnehmern

Fachtagung Kinderschutzauftrag bei Armutsflüchtlingsfamilien aus Südosteuropa. Foto: Veranstalter

Mit 300 Teilnehmern ausgebucht war die Fachtagung zum Kinderschutzauftrag bei Armutsflüchtlingsfamilien. Foto: Alan Weigel/ FH Dortmund

Die Zuwanderung von Armutsflüchtlingen aus Südosteuropa stellt daher die Stadt Dortmund vor zusätzliche Herausforderungen. Die Probleme sind vielfältig.

Vor allem um das Wohl der zugewanderten Kinder drehte sich am Freitag alles bei einer Fachtagung, zu der die Fachhochschule und die Stadt Dortmund eingeladen hatten.

300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet diskutierten an der Fachhochschule Dortmund vor allem die Umsetzung des Kinderschutzauftrages.

Prekäre Lebens-, Einkommens- und Bildungssituation

„Dortmund hat viele gute Erfahrungen mit der Zuwanderung und der Integration gemacht. Doch jetzt stehen wir vor einer neuen und größeren Hürde“, verdeutlichte die für Schule und Bildung zuständige Dezernentin. Die meisten der zugewanderten Familien lebten in prekären Lebensstrukturen und Wohnverhältnissen.

Die Einkommens- und Erwerbssituation der Eltern seid ebenso prekär. Zudem seien viele der Eltern nicht vorgebildet, was die Probleme der Kinder verschärfe: „Wir müssen immer häufiger Kinder in Obhut nehmen“, berichtet Bonekamp.

Neuzuwanderer stellen Kommunen vor unerwartete Probleme

Waltraud Bonekamp Dezernentin für Schule und Bildung der Stadträtin Stadt Dortmund

Waltraud Bonekamp

Die innereuropäische Armutszuwanderung stellt die Kommunen –  insbesondere das Jugendhilfe-, Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen –  vor große Herausforderungen. Den verschiedenen Problemlagen begegnet die Stadt Dortmund mit unterschiedlichen Maßnahmen, bei denen sie auch mit der Fachhochschule Dortmund zusammenarbeitet. Hier startet im Herbst der bundesweit einzigartige duale Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit, Schwerpunkt Armut und (Flüchtlings-)Migration.

Kinderschutz steht im Mittelpunkt

Das Thema Kinderschutz speziell in diesem Bereich stand erstmals im Mittelpunkt eines solchen Dialogs zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis, bei dem sozialpolitische Bedarfe ermittelt und Handlungsstrategien entwickelt werden sollen.

Dabei wurde eins deutlich: Dortmund weist viele gute Projekte und Ansätze auf. Das bescheinigten Praktiker und Wissenschaftler quer durch die Republik. Sie lobten die vielfältigen und teils innovativen Modelle wie das der Kinderstuben – die neuen Stuben sind Kindern aus Rumänien und Bulagrien vorbehalten – oder den Einsatz von Sprach- und Kulturmittlerinnen in der Nordstadt.

Allerdings hapert es massiv am Geld: „Die Anforderungen an Bund und Land sind massiv“, so Bonekamp. „Metropolen wie Dortmund sind nicht mit den Menschen, aber mit der Armut überfordert“, formulierte die Stadträtin einen Hilferuf an die übergeordneten Ebenen. Vor allem, weil die Neuzuwanderer in Stadtteile kämen, wo ohnehin schon ein großer Anteil von Menschen lebe, der selbst Unterstützungsbedarf habe.

Prävention statt Repression bringt langfristigen Erfolg

Prof. Dr. Sabine Jungk von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin

Prof. Dr. Sabine Jungk

Prof. Dr. Sabine Jungk von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin machte dabei deutlich, dass sowohl repressive als auch präventive Fragestellungen beim Kinderschutz eine Rolle spielten. „Aber langfristig bringt nur Prävention mittel- und langfristig eine nachhaltige Lösung“, betonte die Expertin. „Wir wissen viel zu wenig über die Gruppen.

Häufig gibt es nur Vermutungen.“ Allerdings seien diese häufig von Stereotypen und Vorurteilen geprägt: „Daher muss die Lebensweltorientierung stärker in den Vordergrund. Ich plädiere für eine größtmögliche Beteiligung der Menschen, sonst passen die Angebote nicht“, warnte Jungk.

Lob von Forschern: „In Dortmund gibt es viele gute Beispiele.“

Lob für die Fachtagung und die Arbeit in der Stadt Dortmund gab es von Heinz Müller vom Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V.: „In Dortmund gibt es viele gute Beispiele.“

Heinz Müller vom Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz

Heinz Müller

Er kritisierte, dass bundesweit zu lange Flucht, Vertreibung und Zuwanderung unter dem Blickwinkel des Abschottens diskutiert worden seien. Daher gebe es kaum Gestaltungsstrategien. Doch die seien nötig: „Egal wie hoch die Mauern sind – die Menschen werden kommen“, betonte der Mainzer Forscher.

Gesamtstädtisches Handlungskonzept – aber chronischer Geldmangel

Die Experten lobten das gesamtstädtische Handlungskonzept in Dortmund. Allerdings – und das machte Bonekamp auch deutlich – müsse es auf Landes- und Bundesebene ein Umdenken geben. Sie kritisierte die „Projektitis“: Geld sei in der Regel nur für dreijährige Modellvorhaben da. „Wir brauchen aber dauerhafte Strukturen“, forderte die Stadträtin. Die Probleme seien nach drei Jahren nicht gelöst und die Menschen ja nicht verschwunden.

Dafür brauche es deutlich mehr Geld, ergänzte Bonekamps Mitarbeiterin Birgit Averbeck. Vor allem für die Bildung: „Wir brauchen kostenlose Kita-Plätze. Die Städte sind dazu aber nicht alleine in der Lage.“

Neuer Studiengang mit Schwerpunkt Armut und (Flüchtlings-)Migration

Dr. Esther Klees von der FH Dortmund

Dr. Esther Klees

Einer der neuen innovativen Ansätze ist das neue duale Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Armut und (Flüchtlings-)Migration an der FH Dortmund. Er wird bundesweit beachtet, weil die 35 Studierenden – 30 davon selbst mit Migrationshintergrund – eine halbe Stelle in sozialen Einrichtungen haben und parallel dazu ihr Fachstudium absolvieren, verdeutlichte Dr. Esther Klees (FH Dortmund) – sie war auch eine der Hauptorganisatorinnen der Fachtagung.

Viele Dortmunder Träger stellten ihre Praxisbeispiele vor

In den Workshops werden bedeutsame Unterschiede mit der angemessenen Sensibilität und Best-Practice-Beispiele gerade auch aus Dortmund in den Blick genommen. Mit dabei waren Vertreter u.a. folgender Einrichtungen: Polizeipräsidium Dortmund, Dortmunder Mitternachtsmission, FABIDO, Diakonisches Werk Dortmund, Trägerübergreifende Koordinierungsstelle Schulsozialarbeit Stadt Dortmund, Nordmarktschule Dortmund, Oesterholz-Grundschule, Arbeiterwohlfahrt Dortmund, Westfälisches Kinderzentrum Dortmund und die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin.

 

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