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JKC statt Nationales Zentrum: Das zähe „Katz- und Maus“-Spiel im Kampf gegen Neonazi-Anmietungen in Dortmund

Die Rheinische Straße 135 - Sinnbild für den jahrelangen Kampf gegen die Nazianmietungen in Dortmund.

Die Rheinische Straße 135 – Sinnbild für den jahrelangen Kampf gegen die Nazianmietungen in Dortmund.

„Buy or Die“, „Donnerschlag“ oder „Nationales Zentrum R135“ – über Jahre hatten Neonazis entlang der Rheinischen Straße verschiedene Ladenlokale angemietet. Meist getarnt als Fanshops oder Klamottengeschäfte, verkauften sie alles, was des Neonazis und Hooligans Herz erfreute – und den Aktivisten Geld einbrachte. Außerdem waren sie wichtige Treffpunkte für die rechtsextreme Szene.

Die antifaschistische Szene machte über Jahre Druck – Politik zog mit

Manfred Krüger-Sandkamp und Ulrich Krüger brachten den Nazis die Umzugskisten als Mahnung vorbei.

Manfred Krüger-Sandkamp und Ulrich Krüger brachten den Nazis die Umzugskisten als Mahnung vorbei.

Seit Jahren gab es dagegen Aktivitäten aus der antifaschistischen Szene. Aber auch die Kommunalpolitik erkannte die Notwendigkeit etwas zu tun.

Es war ein langer und mühsamer Kampf, den 2006 die beiden Bezirksvertreter Hans-Ulrich Krüger (SPD) und Manfred Krüger-Sandkamp (Grüne) angingen. Das Duo an der Spitze der Bezirksvertretung Innenstadt-West hatte es satt, dass sich immer mehr Neonazis in ihrem Stadtbezirk festsetzten.

Gegenüber des „Donnerschlag“ von Peter V. hatte die ehemalige Gelsenkirchener NPD-Kandidatin Anke S. ein Tattoostudio eröffnet. Nebenan wollte ihr Freund Björn Benjamin T. die leerstehende Kneipe „Zum Treppchen“ mieten. Er hatte zuvor bei der Landtagswahl auf der Landesliste der NPD kandidiert.

Die Bezirksvertretung konnte die Eigentümer allerdings davon überzeugen, dass sie die Kneipe nicht an Neonazis vermieten sollten. Auch das Tattoo-Studio schloss: Grund waren offenbar Hygieneauflagen des Ordnungsamtes.

„Ladenschluss für Donnerschlag“ – Jahrelanges „Katz- und Maus“-Spiel

Das leerstehende Donnerschlag-Lokal wurde in Absprache mit dem Eigentümer von Antifaschisten umgestaltet.

Das leerstehende „Donnerschlag“-Lokal wurde in Absprache mit dem Eigentümer von Antifaschisten umgestaltet.

Die Politiker forcierten und professionalisierten mit der Stadtverwaltung den institutionellen Einsatz gegen diese Anmietungen, gegen die antifaschistische Bündnisse schon seit Jahren Front gemacht hatten.

Das Bündnis Dortmund gegen Rechts beispielsweise hatte 1500 Unterschriften zur Schließung des „Donnerschlags“ gesammelt und an die Stadt übergeben. Der Rat machte die Sache zur eigenen und setzte das Thema „Ladenschluss für Donnerschlag“ in der Rheinischen Straße 139 auf die Tagesordnung und auch durch.

Allerdings zog der Laden nur drei Häuser weiter: An der Rheinischen Straße 143 ging das Spiel von vorne los – wobei hier das Geschäft offiziell gar nicht erst eröffnen durfte. Die Stadt verhängte eine Veränderungssperre, so dass aus der ehemaligen Kneipe kein Geschäft werden konnte.

„Goliat“: „Thor Steinar“ für Hooligans, Ultras und Neonazis schloss nach wenigen Wochen

In Bochum hatte  Torsten K., ein früheres Mitglied der rechtsextremen „Borussenfront”, einen Laden mit dem Namen „Goliat” eröffnet, um „Thor Steinar“-Klamotten anzubieten. Nach heftigen Protesten schloss der Laden dort. Im Sommer 2007 öffnete dann Torsten K. in der Dortmunder Innenstadt neu – in den Räumen des zuvor ausgezogenen Fußball-Kultladens „Alte Liebe” in der Hohen Straße.

Der „Thor Steinar“-Anbieter hatte Hooligans, Ultras und Neonazis sowie natürlich auch unbedarfte Kundschaft im Blick.  Das Geschäft schloss aber bereits nach wenigen Wochen wieder. Auch hier hatten Proteste, eingeschlagene Scheiben sowie eine gezielte Ansprache des bis dato ahnungslosen Vermieters zur schnellen Schließung geführt.

Verbot des Nationalen Widerstandes ermöglichte die Räumung von „R135“

Der Donnerschlag-Nachfolger wollte in der Rheinische Straße 143 neu eröffnen.

Der „Donnerschlag“-Nachfolger wollte in der Rheinische Straße 143 neu eröffnen.

Doch beinahe unbemerkt waren die Neonazis wieder (oder immer noch) im ehemaligen Ladenlokal des „Buy or Die“ in der Rheinischen Straße 135 und den Wohnungen darüber. Nicht mehr als Geschäft, sondern als Versammlungsstätte und Materiallager diente das „Nationale Zentrum“ der Szene.

Die Stadt kaufte das Haus und forcierte den Auszug der rechtsextremen Mieter. Zur Unterstützung hatte es eine Vielzahl von Protestaktionen von Demokraten gegen die Immobilie gegeben. Auch die Neonazis hatten ihrerseits Demonstrationen veranstaltet. „Kampflos“ wollten sie das Feld nicht räumen.

Nach dem Verbot des „Nationalen Widerstands Dortmund“ durch NRW-Innenminister Ralf Jäger wurde am 23. August 2012 die Immobilie Rheinische Straße 135 von der Polizei geräumt. Damit gehörte das selbsternannte „Nationale Zentrum“ der Vergangenheit an.

Jugend- und Kulturcafé und Respekt-Büro des Jugendamtes sind eingezogen

Feierlich eröffnet wurden das  JKC und das Respekt-Büro in der Rheinische Straße 135.

Feierlich eröffnet wurden das JKC und das Respekt-Büro in der Rheinische Straße 135.

Dieses braune Kapitel an der Rheinischen Straße ist seit dieser Woche (hoffentlich) endgültig beendet: In der Rheinischen Straße 135 haben nun ganz offiziell das neue Jugend- und Kulturcafé und das Respekt-Büro des Jugendamtes eröffnet.

Hans-Ulrich Krüger hätte das Ergebnis gefallen. Doch der SPD-Politiker starb am 26.10. 2011.

Die Stadt Dortmund hat mit dem Gebäude eine zentrale Einrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene geschaffen. Die Entwicklung des anspruchsvollen Konzepts gemeinsam mit den Jugendlichen übernahm das Jugendamt.

Auch der Umbau war eine Gemeinschaftsaufgabe: Die städtische Immobilientochter Dogewo21

unterstützte das Vorhaben und  ein Jugendberufshilfeträger, die Grünbau GmbH, baute mit Jugendlichen das Haus um. 20 Jugendliche arbeiteten in verschiedenen Gewerken mit und bereiteten sich so auf das Berufsleben vor.

Oberbürgermeister Sierau: „Das Haus ist nazifrei – so soll auch die Stadt werden“

Das ehemalige Hauptquartier des

Das ehemalige Hauptquartier des „Nationalen Widerstands“ (Foto) ist endgültig Geschichte.

„Die  Rheinische Straße 135 war die Symboladresse der Neonazis und Teil ihres Raumkampfes. Es war der Anker, den sie in die Stadtgesellschaft werfen wollten“, erinnerte OB Ullrich Sierau bei der Eröffnung des JKC.

„Sie sind hier weg. Und das ist ein Vorbild für die ganze Stadt. Das Haus ist nazifrei – so soll auch die Stadt werden“, machte der SPD-Politiker mit Nachdruck vor den zahlreichen Ehrengästen deutlich.

Das Haus steht jetzt für die Jugendkulturarbeit zur Verfügung. Für Freiräume, kreative Entfaltung und Vielfalt. „Das Haus ist eine kreative Heimat für junge Leute, von der aus sie die Stadt bunt machen“, so Sierau. „Eine bunte, demokratische und vielfältige Stadt, mit der die Neonazis nicht einverstanden sind.“

Grundsanierung und Umbau haben bisher 230.000 Euro gekostet

Aber auch das Respekt-Büro hat hier eine neue Heimat gefunden. Vor 17 Jahren startete die Stadt eine „Respekt“-Kampagne, vor knapp zwölf Jahren verstetigte sie die Jugendbildungsarbeit mit der Einrichtung eines ständigen Büros. Nun ist die Einrichtung mit vier Hauptamtlichen vom Fritz-Henßler-Haus an die Rheinische Straße umgezogen.

Dort gibt es gute Möglichkeiten für beide Einrichtungen. 230.000 Euro hat die Stadt in dem alten Gebäude verbaut. Die Grundsanierung und der Umbau von einem Wohn- zu einem Veranstaltungshaus war aufwändig. Weitere 40.000 Euro werden benötigt, um den zweiten Bauabschnitt im Obergeschoss zu realisieren. Dort entstehen Besprechungsräume, die auch für Kleingruppen-Seminare genutzt werden können.

Das Thema der Anmietungen bleibt weiter virulent – jetzt kaufen die Neonazis

Die Partei "Die Rechte" wollte ihr Parteibüro in Huckarde eröffnen.

Die Partei „Die Rechte“ wollte ihr Parteibüro in Huckarde eröffnen.

Das Neonazi-Kapitel an der Rheinischen Straße ist damit vorerst geschlossen. Aber das Problem ist damit ja nicht vorbei.

Noch immer gibt es es zahlreiche Neonazi-Wohngemeinschaften, die sich vor allem im Bereich der Innenstadt-West und Dorstfeld ballen. Während sich der Dortmunder Neonazi-Devotionalienhandel auf das Internet verlagert hat – betrieben vom stellvertretenden Landesvorsitzenden und Bezirksvertreter der Partei „Die Rechte“, Michael Brück, – ist das Thema Ladenlokale noch immer virulent.

Dabei sind die Neonazis noch einen Schritt weiter gegangen: Dietrich Surmann hat in Huckarde ein Ladenlokal gekauft, um darin das Parteibüro zu etablieren. Aufgrund baurechtlicher Vorschriften und Fehlern beim Umbau konnte das Büro aber bis heute offiziell nicht eröffnen.

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2 Gedanken über “JKC statt Nationales Zentrum: Das zähe „Katz- und Maus“-Spiel im Kampf gegen Neonazi-Anmietungen in Dortmund
  1. JKC

    Siebdruck-Session im Jugend- und Kulturcafé Rheinische Straße

    Das Jugend- und Kulturcafé (JKC) an der Rheinischen Straße 135 bietet jungen Menschen zwischen 14 und 27 Jahren eine Siebdruck-Session: Am Samstag, 19. März, 16 bis 20 Uhr können Materialien wie Holz, Papier oder Textilien mit individuellen Entwürfen bedruckt und gestaltet werden. Unter Anleitung des Künstlers Raphael Busse werden neben T-Shirts und Jute-Beuteln auch selbst mitgebrachte Kleidung und Co gestaltet und bedruckt. Die Teilnahme ist kostenlos.

  2. JKC

    Trödelmarkt im Jugend- und Kulturcafé Rheinische Straße

    Das Jugend- und Kulturcafé Rheinische Straße (JKC) trödelt: Selbstgemachtes und Gebrauchtes gibt es dort am Samstag, 25. Juni, 17 bis 21 Uhr. Verkauft wird im Innenhof sowie in den Räumlichkeiten des JKC an der Rheinischen Straße 135. Die Anmeldung zur Standplatzreservierung erfolgt im JKC oder per Mail: jkc@dortmund.de. Die Anzahl der Standplätze ist begrenzt. Die Teilnahme und der Besuch sind kostenlos.
    Weitere Infos: facebook.com/jkc.rheinische.strasse

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